Kultur 10.03.2018

Josef Winkler: Unser tägliches Schwarzbrot

ABD0120_20151008 - WIEN - ÖSTERREICH: Kunst-Senatspräsident Josef Winkler am Donnerstag, 8. Oktober 2015, anl. der Überreichung … © Bild: APA/HERBERT NEUBAUER

Der Kärntner Büchner-Preisträger über Kriegsverbrecher Globocnik und den Sautratte

Das Buch ist Begleitmusik, vorrangig für den Vater, diesen familiären Schrecken.

Aber auch für die anderen Kärntner Verwandten und Bekannten mit Hitlerbärtchen (Onkel Hermann) und Totenkopf auf der Mütze (Onkel Franz) usw.

"Heimgegeigt" werden sie von Josef Winkler ( Großer Österreichischer Staatspreis, Büchner-Preis) – ein vergessenes Wort. Salopp übersetzt: Verschwinden sollen sie. Auch diejenigen, die "nur" geschwiegen haben. Die ES verschwiegen haben.

Weihwasser

Nämlich, dass der Judenmassenmörder Odilo Globocnik, Manager des Todes, von den Engländern auf der Sautratten verscharrt wurde. Die Sautratten war ein zwei Hektar großes Gemeinschaftsfeld im Drautal.

Winkler war über 60, als er erfuhr, dass das Getreide für "unser tägliches Schwarzbrot" aus Globocniks Skelett gewachsen ist.

Da fragt man sich, wieso war das nie Gesprächsthema? Wieso fand man nichts dabei, zum Erntedank dieses Getreide mit Weihwasser zu segnen? Aber sehr wohl redeten die Alten dauernd darüber, dass der Krieg "das einzige Abenteuer meines Lebens" (Zitat Vater) war.

Und von der Bombe wurde erzählt, die einen Soldaten in der Mitte durchtrennt hatte: Der blutige Oberkörper wurde unter dem Gejohle und Geklatsche der Soldaten auf einen Gemüseabfallhaufen gesetzt, wo er stundenlang aufrecht stehen blieb ... Das ist doch – lustig?

Winkler spürt den Auftrag, über solche Dinge zu reden, über die man nicht spricht.

Unruhe

Im Theater ist seine Klage voriges Jahr nicht so gut angekommen. Kein Wunder, man hatte den Text auf fünf Schauspieler aufgeteilt.

Aber der typische Sog entsteht erst beim Lesen der langen, fürs Buch sogar verlängerten Sätze, die zu Stricken werden, an denen die Vergangenheit aufgehängt wird.

Man versinkt in Unruhe, wenn sich der vor genau einer Woche 65 Jahre alt gewordene Kärntner aus dem Globocnik-Anlass noch einmal das Dorf mit seinen Toten ins Herz schreibt.

Die schweigende Mutter z.B., die den Buben immerhin leben ließ. Den gehassten, irgendwie geliebten Vater sowieso. Menschen im katholischen, kreuzförmig angelegten Kamering, wo manche Bewohner schon bei Winklers ersten Büchern drohend meinten:

"Nach seinem Tod wird man sein Maul extra erschlagen müssen."

Der Klagenfurter Globocnik kommt auch in Claudio Magris’ aktuellem Roman "Verfahren eingestellt" vor. Von den Engländern verhaftet, zerbiss er eine Zyankalikapsel. Sein Ausspruch "Zwei Millionen ham’ma erledigt!" wird von Winkler so oft wiederholt, wie es sich für einen Refrain beim Heimgeigen gehört.

Gegen Globocniks Gehilfen Ernst Lerch wurde der Massenmordprozess nach zwei Tagen vertagt und nie wieder aufgenommen. Als Cafétier lebte Lerch bis zu seinem Tod 1997 in Klagenfurt. Allseits beliebt. Ehrenwert. Wieso verspürt noch immer niemand den AUFTRAG, darüber ausführlich zu reden?

Josef Winkler: „Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe“ Suhrkamp. 200 Seiten. 22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

( kurier.at ) Erstellt am 10.03.2018