Jim Jarmusch: "Manche Actionfilme machen mir Kopfweh"

Der US-Regisseur im Interview über „Father Mother Sister Brother“, Eltern-Kind-Beziehungen und warum er lieber im Wald als in New York ist.
Jim Jarmusch mit Sonnenbrille und grauem Haar trägt einen bordeauxroten Anzug und winkt.

Jim Jarmusch ist ein Mann mit Markenzeichen. Was sein Äußeres betrifft, sowieso: Unverkennbar umstrahlt ihn sein weißgrauer Haarkranz, den er stilgebend mit einer schwarzen Sonnenbrille abdunkelt. Meist „dressed in black“, ist Jarmusch auch im Alter von 73 noch der Inbegriff einer Coolness, die er seit Beginn der 1980er mitgeprägt hat. Unverkennbar auch seine Filme.

Jim Jarmusch hat das amerikanische Independent-Kino seit seinem Debüt „Permanent Vacation“ (1980) nachhaltig beeinflusst. Sein lakonischer Humor in Schwarz-weiß, langsam und atmosphärisch in langen Einstellungen erzählt, machte mit „Stranger Than Paradise“ (1984) Schule. Jarmuschs „Stranger Than Paradise“ mit dem Saxofonisten John Lurie entstand zu einem Zeitpunkt, als der Musiksender MTV einen Höhepunkt feierte. 

Schnell geschnittene Videos und schicke Outfits lagen voll im Trend, erzählt Jim Jarmusch im Roundtable-Interview mit dem KURIER und anderen Medien: „Damals dachte ich mir: Ich mache das genaue Gegenteil. So habe ich zu meinem Stil gefunden.“ Bis heute ist Jarmusch – in Variationen – seinem Stil treu geblieben, obwohl er selbst mit dem Begriff „etwas ist Jarmuschianisch“ nichts anfangen kann („Keine Ahnung, was das sein soll!“).

Jim Jarmusch mit silbergrauem Haar und dunkler Sonnenbrille blickt in die Kamera.

Schwarze Sonnenbrille, weißgrauer Haarkranz: das Markenzeichen von Jim Jarmusch.

Filme wie „Down by Law“ (1986), „Mystery Train“ (1989) und „Night on Earth“ (1991) zählen heute ebenso zum fixen Bestandteil des Arthouse-Katalogs wie „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ (1999) “ und „Coffee and Cigarettes“ (2003). Und „Dead Man“ (1995) mit Johnny Depp, der zur Musik von Neil Young in Zeitlupe stirbt, ragt im Jarmusch-Werk ohnehin als unbestrittenes Meisterwerk heraus. Später überraschte er mit dem Vampirfilm „Only Lovers Left Alive“ (2012) mit Tilda Swinton, ließ Adam Driver in „Paterson“ (2016) als poetischen Busfahrer durch die Gegend kurven und entfesselte in „The Dead Don’t Die“ (2019) eine Zombie-Apokalypse.

Humor und Melancholie

Sein neuer Film „Father Mother Sister Brother“ (derzeit im Kino) wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet und ist wieder Vintage-Jarmusch. Er besteht aus drei minimalistisch erzählten Episoden, die Eltern und ihre erwachsenen Kinder zum Thema haben. Unterschwelliger Humor, aber auch Melancholie unterfüttern die Begegnungen mit einem verschlagenen Vater, einer reservierten Mutter, deren entfremdeten Kindern und zwei Geschwistern.

Neben Stammschauspielern wie Tom Waits und Adam Driver komplettieren Cate Blanchett und Vicky Krieps die Jarmusch-Schauspiel-Family. Wo sein Wunsch nach einem „Familienfilm“ herkam, kann er selbst nicht genau sagen, gibt der auskunftsfreudige Regisseur zu: „Wie sagt Adam Driver einmal so richtig: Man kann sich Partner und Freunde aussuchen, nicht aber seine Familie. Das betrifft uns alle.“

Er selbst sei froh, dass er erst spät Vater einer Tochter geworden sei, „denn dadurch konnte ich vermeiden, ihr denselben Schaden zuzufügen, den mein Vater mir zugefügt hat. Er war sehr kritisch und sehr frustriert.“ An dieser Stelle muss Jarmusch allerdings herzlich lachen und lenkt gleich ein: „Heute denke ich mit Liebe an meinen Vater, aber früher verstanden wir uns nicht. Ich bin mit 17 ausgezogen und habe mein eigenes Leben geführt. Erst viel später im Leben merkt man, dass die Eltern eigentlich anders waren, als man gedacht hat. Ich habe viel über meinen Vater erfahren, von dem ich vorher nichts wusste, als er schon gestorben war.“

Filmszene: Charlotte Rampling in rotem Blazer hält eine verzierte Teekanne mit Blumenmuster und lächelt leicht.

Begegnung mit einer reservierten Mutter: Charlotte Rampling in Jim Jarmuschs neuem Kinofilm „Father Mother Sister Brother“.

Vater als Betrüger

In der ersten, besten Episode „Father“ spielt Tom Waits einen Vater, der seinen Kindern Bedürftigkeit vorgaukelt und sich von seinem Sohn finanziell unterstützen lässt: „Ich hatte ein bisschen Sorge, dass die Tom-Waits-Figur als Arschloch rüberkommt“, bekennt Jarmusch: „Ja, er ist ein Betrüger und nimmt Geld von seinem Sohn. Aber gleichzeitig stellt er dadurch eine Beziehung zu ihm her, die dieser braucht. Die Schwester durchschaut dieses Spiel. Aber sie beobachtet, ohne zu verurteilen.“

Was prägende Stil-Elemente wie Auslassungen, Wiederholungen und Variationen in seinen Filmen betrifft, hat er eine klare Vorstellung: „Manche Actionfilme schneiden in wenigen Sekunden von einer Szene zur nächsten. Das macht mir Kopfweh. Ich aber liebe die Momente dazwischen. In meinem Film ,Night on Earth‘ zeige ich Taxifahrten, die man in anderen Filmen herausschneiden würde. Oder in ,Coffee and Cigarettes‘ zeige ich Menschen, die gerade Pause machen. Das finde ich poetisch und interessant.“

Jim Jarmusch liebt das Kino („Ich schau mir mindestens einen Film pro Tag an!“) und er liebt das Filmemachen.  Aber er liebt auch Literatur und Musik.  Die drei Episoden in „Father Mother Sister Brother“ vergleicht er in ihrem Aufbau mit einem „Musikstück in einzelnen Sätzen: Die letzte Geschichte würde emotional nicht wirken ohne   die beiden vorhergehenden Episoden. Ich habe hart daran gearbeitet, diese Nuancen aufzubauen. Wenn ich sie getrennt sehen müsste, würde ich mich umbringen.“

Filmszene: Zwei Frauen betrachten ein Buch, während eine dritte Frau im Hintergrund steht.

"Father Mother Sister Brother" ist derzeit in den Kinos zu sehen.

Selbst Musiker, spielt Jarmusch in einer Band namens Sqürl. Obwohl eingefleischter New Yorker, verbringt er mittlerweile einen großen Teil seiner Zeit in seinem Haus in den Wäldern der Catskills, im Bundesstaat New York.  Dort gibt es „Bären, Coywölfe und Vögel“, aber auch ein Aufnahmestudio – und es erinnert an den Ort, an dem Tom Waits in der ersten Episode lebt.

Dort hält sich Jim Jarmusch mittlerweile lieber auf als in seiner großen Liebe New York, wo „alles so verdammt teuer geworden ist. Früher hat mir New York unendlich viel Energie gegeben, aber jetzt zehrt es diese Energie auf. Es inspiriert mich nicht mehr auf die gleiche Weise. Was mich stattdessen inspiriert? Reisen, auf dem Land sein und in Ruhe gelassen werden.“

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