Kultur
22.08.2017

Jerry Lewis: Der Neunjährige im Porzellanladen

Sein Humor durchbrach die Benimm-Regeln der Nachkriegszeit – und beeinflusste so viele Komiker.

In einem Interview mit Regisseur Peter Bogdanovich erzählt Jerry Lewis, wie er das erste Mal in seinem Leben ein Publikum zum Lachen brachte. Er war damals fünf Jahre alt. Seine Eltern ließen ihn im Smoking vor Publikum auftreten und das Lied "Brother, Can You Spare a Dime" singen – der große Hit von 1931.

Die Leute waren begeistert. Als sich der kleine Sänger verneigte, stieß er mit dem Fuß gegen einen Scheinwerfer, der explodierte. Vor Schreck fing das Kind an zu weinen – die Leute brüllten vor Lachen: "Da wusste ich, was ich für den Rest meines Lebens zu tun hatte: stolpern, ausrutschen, hinfallen."

Natürlich tat Jerry Lewis, Hollywoods "King of Comedy" und Schusselheld unzähliger halsbrecherischer Komödien, weit mehr als nur "stolpern, ausrutschen, hinfallen." Die Kunst von Jerry Lewis’ Komik liegt in seiner entfesselten Körpersprache, seinem perfekten Timing und der Fähigkeit, sein Gesicht verformen zu können wie ein Stück Teig.

Er und Dean Martin, mit dem er ab 1946 zehn Jahre lang ein kongeniales Sieger-Team bildete, waren bereits aufgrund ihrer Comedy-Auftritte in Nachtclubs, Radioshows und Fernseh-Gastspiele Stars – schon bevor sie nach Hollywood gingen. Es war gerade ihre Selbstironie, ihre Spontaneität und ihre manisch-anarchische Komik, die wie ein Befreiungsschlag gegen die Benimm-Regeln einer repressiven US-Nachkriegsgesellschaft wirkten.

Gegen das Angepasste

Denn im Klima der konformistischen Bürokultur der 50er-Jahre und dem gleichförmigen Kernfamilienleben der Suburbs, verdeutlichte besonders die groteske Körperkomik von Jerry Lewis so etwas wie die unterdrückte Triebstruktur des amerikanischen "Es": anarchisch, infantil, chaotisch. Der Neunjährige, der im Körper eines erwachsenen Mannes steckt und sich dementsprechend benimmt: Er wird zum lustvollen Ventil seines Publikums, das sich all diese Impulse nach "vulgärem Benehmen" verkneifen muss.

In einem Interview erinnerte sich der US-Regisseur Philip Kaufman ("Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins") daran, wie er in den 50er-Jahren aufwuchs und gemeinsam mit seinen Freunden Jerry-Lewis-Imitationen probierte: "Die Art und Weise, wie Jerry Lewis ging – dieser etwas torkelnde, unkoordinierte Gang eines Jugendlichen: daran konnte man ablesen, dass die amerikanische Jugendkultur geboren wurde", sagte Kaufman: "Er und Elvis – beide hatten diese ursprüngliche, amerikanische Energie."

Stummfilmkomik

Der Erwachsene, der sich wie ein Kind aufführt und dadurch einschränkende Konventionen durchbricht – diese Energie belebt die mitunter besten Komödien. Jerry Lewis hat die Liebe zum Slapstick und zur Körperkomik aus dem Stummfilm-Kino in die Nachkriegswelt herübergerettet. In seine unmittelbaren Fußstapfen traten beispielsweise Eddie Murphy, der ein Remake von Lewis’ Paraderolle als "Der verrückte Professor" lieferte und gewaltige körperliche Mutationen durchmachte. Und natürlich Jim Carrey ("Die Maske"). Anlässlich von Lewis’ Tod twitterte dieser: "Mich gibt es nur, weil es ihn gab."

Carreys Fähigkeit, das verblödelte Kind im erwachsenen Körper zu entdecken, wurde hervorragend von den Farrelly-Brüdern zur Geltung gebracht, beispielsweise in "Dumm und dümmer"; wenngleich die zeitgenössischen Gross-Out-Komödien weit mehr an Sex- und Klowitzen zulassen, als man sich zu Lewis-Zeiten hätte vorstellen können und wollen.

Aber die Spuren laufen tiefer. Liest man die Nachrufe auf den am Sonntag verstorbenen Comedian, findet man kaum einen Komiker – von Billy Crystal bis Jerry Seinfeld – der nicht Jerry Lewis als ein Vorbild nennt.

Die New York Times sieht zwar einen direkten Zusammenhang zwischen Alec Baldwins Parodien auf Donald Trump in Saturday Night Live und Jerry Lewis. Allerdings schien zuletzt die Lust an der infantilen Massenkomödie in Hollywood geschwächt, vielleicht weil – siehe Trump, siehe Brexit – die Menschen sich andere Ventile suchten, um Konventionen aufzubrechen und mächtige Eliten zu ärgern.