Stadttheater Klagenfurt, "WUT" von Elfriede Jelinek

© /Karlheinz Fessl

Kritik
01/07/2017

Jelineks "WUT" in Klagenfurt: Totentanz mit Kalaschnikows

Die Erstaufführung von Jelineks "WUT" über den IS-Terror lässt einen in Klagenfurt recht kalt

von Thomas Trenkler

Am 7. Jänner 2015 töteten zwei Terroristen in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo zwölf Personen. Zwei Tage später überfiel ein IS-Gesinnungskollege einen Supermarkt für koschere Waren und erschoss dort vier Menschen.

Elfriede Jelinek nahm die Ereignisse in Paris zum Anlass für ein "kleines Epos", wie sie "WUT" im Untertitel nennt: Auf 113 Seiten seziert die Literaturnobelpreisträgerin die Taten von Menschen, die im Namen Gottes morden, und deren Wut. Sie reflektiert, wie Homer, das Geschehen, sie artikuliert auch ihre eigene Wut. Der Text ist eine überbordende Ansammlung von Gedanken und Assoziationsketten.

Im April 2016 gelang Nicolas Stemann in München eine vor Ideen strotzende Uraufführung. Und nun, am 5. Jänner, zum zweiten Jahrestag der Anschläge, fand im Stadttheater von Klagenfurt die österreichische Erstaufführung statt. Sie lässt kalt.

Denn das "Epos" wurde auf eine Spielzeit von nicht einmal zwei Stunden eingekürzt; die Anrufung Gottes steht weiterhin im Mittelpunkt, aber viele Facetten und Variationen fielen weg.

Regisseur Marco Štorman, der in Klagenfurt bereits Jelineks "Winterreise" inszeniert hat, und Dramaturgin Karoline Hoefer stellten zudem eine Passage, die erst zur Mitte hin auftaucht, an den Beginn. Die Erzählung einer Frau über ihren untreuen Hans weist aber – als Ouvertüre – in eine falsche Richtung. Sie dient zumindest dazu, die beiden Jelinek-Figuren im (wie in München) siebenköpfigen Ensemble einzuführen. Warum es deren zwei gibt, hat mit der Bühnensituation zu tun: Die Ausstatterinnen Frauke Löffel und Anna Rudolph ließen über dem Orchestergraben eine treffliche, hölzerne Konstruktion aus Guillotine, Betbänken und Zeichenpult mit Arbeitslampe zimmern.

Subtile Kommentare

Das Publikum sitzt zu beiden Seiten, was Komplikationen mit sich bringt, wenn es darum geht, sich direkt an dieses zu wenden. Katharina Schmölzer also spricht den Einleitungsmonolog in den Saal – und Maria Hofstätter zur Tribüne auf der Bühne.

Wie in München wird das Geschehen von Musikern untermalt, in Klagenfurt steuert das Trio Wut-An-Klang jazzige Melodien und subtile Kommentare, darunter ein zynisches "Schubidu-ba-ba", bei. Es kommt auch Video zum Einsatz. Schließlich filmten die Mörder ihre Taten mit. Die Hälfte des Publikums sieht die auf eine Fahne über der Szenerie projizierten Bilder natürlich seitenverkehrt.

Wie in München wird mit Kalaschnikows hantiert. Denn Jelinek setzt sich eingehend mit der verwendeten Waffe auseinander, die über eine "Gaskammer" verfügt. Hier sind sie gülden (mit Verweis auf Saddam Hussein, der eine vergoldete Kalaschnikow besessen habe). Und wie in München ist das Ensemble verkleidet, nicht als Clowns, aber wie für ein Stück über die französische Revolution: mit Lockenperücken und Halskrausen.

Es gibt auch aktuelle Bezüge – von Kornblumen bis zu Donald Trump. Štorman decouvriert männliches Machtgehabe, er bringt Bugs-Bunny-Trickfilme, in denen beherzt geschossen wird. Doch Jelineks Wortwitz geht im ernsten Deklamieren unter.