James Blunt in Wien: Seelenpein für wirklich alle

James Blunt, Stadthalle Wien 2017
Foto: KURIER/Gilbert Novy James Blunt, Stadthalle Wien am 31.10.2017

Der große Völkerverbinder im Beziehungsleid schaute in Wien vorbei.

Wer das starke Empfinden hat, dass es ihm emotional gar zu gut geht, dass die Welt in fröhlichen Farben erstrahlt und im Hintergrund freundliche Mächte am Wirken sind, denen unser Wohl das Wichtigste ist, dem konnte dieser Tage in der Wiener Stadthalle geholfen werden. Dort ritten nämlich innerhalb von 24 Stunden der allseits verehrte lässige Popfürst der Finsternis und sein uncooler Cousin 14. Grades durch.

Die treiben einem die gute Laune schon aus.

Wobei das jetzt ein bisschen unfair ist: Natürlich haben sich Nick Cave (Mittwochabend) und James Blunt (Dienstagabend) gänzlich anders geformten Ausprägungen der Seeleinpein verschrieben. Cave ist die unantastbare Konsensfigur all jener, die von der pubertären Düsterphase (Eltern blöd! Alles blöd!) nahtlos in die Enttäuschungen des Erwachsenenseins (Job blöd! Welt schlecht!) übergegangen sind und für diese Wohligkeit im Weh einen künstlerisch außer Streit stehenden Soundtrack brauchen. Blunt hingegen steht für das Lebensleid aus dem Geiste des Formatradios und ist dementsprechend in der coolen Gang ungelitten. In schwachen Momenten gibt er unverbindliche Pop-Petitessen von sich; in starken Momenten aber haut Blunt den Nebenbeiradiokonsumenten brutal aus dem Büroalltag.

Besonders weit aus dem Erwerbsleben heraus prügelt einen da etwa "Goodbye My Lover", ein derart apokalyptisches Nachtrennungslied nach dem Motto "Es wird nichts wieder gut, und zwar nie", dass vor dem Konsum in Zwischenbeziehungszeiten gewarnt werden darf.

Für emotional Gefestigte aber ist der Song ein Meisterstück dessen, was Popmusik an Emotionsstärke entwickeln kann: Hinter dem Leuchten der Handylampen in der Stadthalle war die eine oder andere Augenfeuchtigkeit gut versteckt. Mit dem Song und mit "You’re Beautiful" hatte Blunt in den mittleren Nullerjahren Riesenhits. Seitdem hat sich seine Karriere dort eingependelt, wo viele kleine Hallen am Tourplan stehen, und Blunt in den USA als Vorband zum aktuellen Mittelstar Ed Sheeran auftritt. In Wien war die bestuhlte Stadthalle gut, aber nicht übertrieben gefüllt.

Der ist auch lustig!

Das Dasein abseits des grellsten Popscheinwerferlichts tut Blunt jedenfalls gut: Er bot eine entspannte Show und bewies, vielleicht eine Überraschung, dass er auch ordentlich lustig sein kann. Blunt spöttelte über Trump und seine eigene Körpergröße und darüber, dass sein Kumpel Ed Sheeran mitten in der Nacht immer aufs Klo muss. Dazwischen sang er seine Lieder, und die waren oft traurig und, wenn sie bekannt waren, auch vom Publikum gesanglich unterstützt. Das klingt nicht nach viel, war es aber doch. Denn man darf, mitten im Schlagerhype, froh sein über Popmusik, die den großen gemeinsamen Nenner über Landesgrenzen hinweg sucht: Allemal lieber "Goodbye My Lover" als "Baba, Schatzi".

(kurier) Erstellt am
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