Rückblick auf harte Monate: Gerald Fleischhacker.

© KURIER/Gerhard Deutsch

Interview
12/23/2016

Jahresbilanz 2016: "Trottel, willst du mein Freund sein?"

Gerald Fleischhacker im Interview über Hasspostings, Politik und schlechte Nachrichten

von Philipp Wilhelmer

KURIER: Das Jahr hat begonnen mit Silvester in Köln. Ostaleppo wird in Schutt und Asche gelegt, dann der Anschlag in Berlin. Plus: Ein Präsidentschaftskandidat, der in Moskau eine Kooperation mit Putins Partei auf den Weg bringt. Ist es schwierig, da etwas lustig zu finden?

Gerald Fleischhacker: Man fragt sich, wo geht es hin? Die guten Nachrichten waren wenige. Ein bisschen macht es den Eindruck, als ob wir die kleine Insel der Seligen wären. Als Norbert Hofer nicht gewonnen hat, gab es ein Aufatmen. Aber Aleppo, Flüchtlinge, Hasspostings, Fakten zählen nicht ... Es ist schon alles schlimm.

Wo setzen Sie heuer Ihren Schwerpunkt beim kabarettistischen Jahresrückblick?

Bei der Bundespräsidentschaftswahl. Guido Tartarotti (ebenfalls Kurier-Autor, Anm.) hat dazu im Stück einen Text, der heißt „Schon möglich“. Ausgehend von Hofers Satz: „Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist“, beschreibt er, es sei möglich, dass alles gut wird: Man muss nur draufkommen, dass die Leute doch miteinander vernünftig umgehen können. Vielleicht kommt auch Trump noch drauf, dass in ihm ein Staatsmann wohnt. Oder Politiker lernen zusammenzuarbeiten und nicht nur die schnelle Schlagzeile zu machen. Man kann sich ja ändern.

Mit welchen Kniffen macht man das?

Das sagen wir nicht (lacht).

Also auch keine Ahnung.

Es ist so die Binse: Wenn du zu deinem nächsten Umfeld lieb bist, ist die zu ihrem nächsten Umfeld auch lieb.

Wir leben in einer sehr polarisierten Gesellschaft. Offenbar ist man entweder linkslinker Gutmensch oder gleich ein Nazi. Karim El Gawhary hat dazu etwas sehr Kluges geschrieben: Dass man sich nicht wünschen soll, ein autoritäres System zu errichten, weil dort nur mehr diese extremen Stimmen Platz haben. Das Gemäßigte werde erstickt.

Ich kann damit etwas anfangen. Es heißt auch immer, jedes kleine Problem müsse man total gut behandeln und besprechen. Es gibt natürlich Menschen, die Ängste haben. Es geht aber darum, wie man damit umgeht. Wenn jemand sagt: „Unter meinem Bett wohnt ein Monster“, kann ich sagen: „Schau einmal nach!“ Oder: „Um Gottes Willen, da ist ein Monster!“ Wenn jemand Schwachsinn redet, dann soll man ihm das auch sagen. Dieses ewige Verständnis haben für Menschen, die bewusst Blödsinn reden, führt auch zu nix. Wie bei der berühmten Filterblase, die jeder hat, in der man sich nur mehr die Meinungen anschaut, die man selber auch hat. Wir haben jüngst diskutiert darüber, dass man eigentlich Seiten liken muss, die man hasst, damit man über den Tellerrand blickt. Aber: Eigentlich will ich das nicht.

Das tut dann auch weh oder?

Das ist in Wahrheit unerträglich. Leider. Wenn ein Freund von mir eine andere Meinung hat, akzeptiere ich sie und rede mit ihm auch gerne drüber. Aber ich suche mir meine Freunde auch nicht so aus, dass ich sage: „Du bist offenbar ein Trottel, also willst du mein Freund sein?“ So gesehen hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg für die einzelnen Menschen ja etwas sehr Schönes geschaffen: Wir haben alle eine eigene Insel. Draußen sind halt die ganzen Idioten, das ist das Problem.

Auch so ein Phänomen: Die Anzahl der Menschen, die man subjektiv als Idioten empfindet, hat durch das Internet rapide zugenommen.

Ja. Man hat sie früher halt nicht so gesehen. Es reden jetzt auch alle. Alles wird so aufgeblasen. Es ist unerträglich.

Das ist spannend. Denn einerseits gibt es die Wehklagen, man müsse mehr auf „die kleinen Leute“ zugehen. Andererseits gab es noch nie so viel Lautstärke für jeden. Jeder Facebook-Post kann Nachricht werden. Die Stimmen sind im Netz alle gleich laut, egal wer man ist und welche Funktion man hat.

Wir haben das bei „Bist Du deppert!“ gesehen“ (Fleischhackers Sendung auf Puls4). Je erfolgreicher die Sendung wurde, desto lauter wurden auch die Stimmen jener, die geschimpft haben. Und als man nachgeschaut hat, waren es oft künstliche Profile mit null Followern. Aber man nimmt es trotzdem sofort ernst, oder?
Ja. Man hat natürlich auch das Gefühl, man muss sofort dagegen schreiben. Das hat man ja auch bei den ganzen Lügengeschichten im Wahlkampf gesehen, die millionenfach geteilt wurden, die Entgegnung dann nur mehr rund 200-mal. Jeden ernst zu nehmen, macht den Irrsinn aber nur größer.

Interessant war heuer auch ein Moment im ORF-„Bürgerforum“ mit Bundeskanzler Christian Kern und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner. Da war eine Frau, die in Privatinsolvenz ist. Das hat sie der Regierungsspitze vorgeworfen. Spannender Anspruch an die Politik, oder?

Es ist auch egal, worüber man berichtet: Es wird immer global auf einen selber runtergebrochen und alle anderen sind Schuld am eigenen Dasein. Die Verantwortung auf das Große zu wälzen, wird, glaube ich, durch Facebook leichter. Ein Kollege hat mir von einer Mitarbeiterin erzählt, die irgendeinen Blödsinn behauptet hat. Als er meinte „Entschuldige, das stimmt aber nicht“, hat sie erwidert: „Doch, das stimmt. Das kann man googlen“.

Wobei man auch sagen muss, dass die Jungen da mehr auf Zack sind als ihre Eltern. Bei vielen Älteren hat man das Gefühl, dass die erst seit Kurzem diesem Wahnsinn im Internet ausgesetzt sind und völlig ins Schleudern kommen. Man kann also Optimist sein und sagen: Es wird wohl in Zukunft besser werden.

Die Jungen sind ja auch nicht mehr auf Facebook. Die machen eher ihre WhatsApp-Gruppen oder Snapchat. Andererseits haben die Jungen auch nix zu entscheiden. Und ob wir zehn Jahre warten können ...

Auch in Großbritannien und bei Trump war es so: Die Leute, die den Kopf in den Sand stecken und jeden Irrsinn glauben, sind erstaunlich oft die älteren.

Direkte Demokratie ist dazu auch so ein Schlagwort: Ich möchte nicht über gewisse Punkte entscheiden müssen. Das sollen Leute tun, die sich damit auskennen. CETA zum Beispiel: Ich habe davon keine Ahnung.

Schwieriges Geständnis, oder? Sie können nicht erklären, wie CETA funktioniert.

Nein. Eben. Ich weiß es nicht. Irgendein Vertrag mit Kanada.

Mit Tausenden Seiten, die keiner versteht. Aber man muss offenbar dagegen sein.

Offenbar oder auch nicht. Aber wenn man das auf 140 Zeichen zusammenkürzt und darüber dann entschieden wird ... Vielleicht ist es super, vielleicht auch nicht. Ich kann mich mit 8000 Seiten Vertrag nicht beschäftigen.

In der Schweiz funktioniert das mit der direkten Demokratie schon, heißt es.

Da wird das dann wahrscheinlich groß aufgezogen und die Leute informieren sich in Qualitätsblättern. Die haben halt auch keine U-Bahn in der Schweiz. Also auch keine U-Bahn-Zeitung. Blöder Schmäh, ich weiß.

Wenn man sich den Präsidentschaftswahlkampf ansieht: Am Ende waren Van der Bellen und Hofer so durch, dass man sie beide nicht mehr wählen wollte. Gar nicht aus politischen, sondern aus ästhetischen Gründen. Egal, wer gewonnen hat: Es war irgendwie nicht mehr verdient.

Naja. Wenn man sich den ganzen Wahnsinn anschaut, vom unmoderierten Duell bis zum gegenseitigen „Sie Lügner“-Schimpfen, war das schon verdient. Ich hätte mir übrigens nicht gedacht, dass jemand die Chance hat, so weit zu kommen wie Norbert Hofer.

Aus dem wurde heuer jedenfalls eine spannende politische Figur.

Ja. Aber wenn man ihn so reden hört: „Ich hätte sehr sehr gerne aufgepasst auf Österreich“: Als ob ihm der Kuchen zusammengefallen ist, weil jemand das Backrohr zu früh aufgemacht hat. Ich finde übrigens, Heinz-Christian Strache schaut schlecht aus. Ich bin gespannt, ob der Aufstieg von Hofer in der FPÖ eine Auswirkung hat.

Und Kern und Mitterlehner? Wie lange werden die es noch miteinander machen?

Ich glaube, dass die das nächste Jahr noch einmal gemeinsam angehen. Ich denke nicht, dass wir 2017 wählen.

Weil?

Weil es blöd wäre von ihnen.

Steile These.
(Lacht) So blöd sind sie auch nicht. Wobei: Wenn es die Freiheitlichen innerparteilich zerreißt, würde es Sinn machen.

Was man auch gemerkt hat heuer: Die Debatten wurden immer rechter. Andererseits hat die Verweigerung, gewisse Themen anzusprechen und offen zu diskutieren, zu extrem hohem Druck geführt, der wohl zu hoch wurde. Muss man auch anerkennen.

Ich habe immer gefunden, dass man über die Dinge reden muss. Aber es ist auch die Frage, wie man das tut. Ein Beispiel: Als im Vorjahr die Flüchtlinge durch Spielfeld marschiert sind, haben sich meine Eltern 200 Kilometer weiter gefürchtet, weil der steirische Landeshauptmann von „berechtigter Angst“ gesprochen hat. Es ist ein Unterschied, ob man sagt: „Es wäre gescheiter, das zu kontrollieren, aber wir haben die Situation im Griff.“ Oder Angst verbreitet. Das ist absurd. Man muss die Themen ansprechen, aber vernünftig und in Ruhe.

Veranstaltungstipp: Jahresrückblick mit Scheitz, Gebrüder Moped, Fleischhacker, Lukas und Tartarotti im Stadtsaal: Vorstellung von 27. bis 30. Dezember

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