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© ABC/Donna Svennevik

J.R. Moehringer
07/20/2013

Er hielt sich für einen herzensguten Verbrecher

"Knapp am Herzen vorbei" von J. R. Moehringer: War Willie Sutton so?

von Barbara Mader

Hier geht es um Eigen- und Fremdwahrnehmung: Da hält sich einer für einen eleganten, belesenen, sein Leben lang treu Gebliebenen ... einen guten Jungen, der zum Bankräuber werden musste! Weil in den 1920ern alle arbeitslos und die Banker seit jeher Pülcher waren.

Und außerdem hat er nie jemandem weh getan.

Ob das Leben des Willie Sutton wirklich so verlaufen ist?

J.R. Moehringer ( „Tender Bar“) hat als Reporter bei der L. A. Times möglicherweise oft mit Menschen zu tun gehabt, die ihre Verbrechen zu rechtfertigen wissen.

Jetzt hat er sich der Verbrecherlegende Willie Sutton (1901–1980) angenommen. Ihn hat es wirklich gegeben: Er galt als Robin Hood unter den Bankräubern – nicht, weil er so viel von seiner Beute verteilte. Sondern weil die Banker immer schon ein desaströses Imageproblem hatten: Sie hätten bei Sutton in die PR-Schule gehen sollen. Er ließ verlautbaren, dass er nicht nur der belesenste, sondern auch der netteste Räuber war: Als „Willie, der Schauspieler“ überfiel er Banken stets verkleidet und weil er dabei nie jemanden verletzt haben will, galt er als Gentleman-Verbrecher.

„In seiner Glanzzeit war Sutton das Gesicht des amerikanischen Verbrechens, einer, der den Sprung vom Staatsfeind zum Volkshelden schaffte. Er war schlauer als Machine Gun Kelly, vernünftiger als Pretty Boy Floyd, sympathischer als Legs Diamond, friedfertiger als Dutch Schulz, romantischer als Bonnie und Clyde.“

1926 landete er zum ersten Mal im Gefängnis, beim Versuch, einen Safe aufzuschweißen, war er erwischt worden. 1930 zog er sein erstes großes Ding durch. Als Bote verkleidet, betrat er zu Mittag einen New Yorker Juwelierladen, zog mit bedauerndem Achselzucken eine Pistole, machte sich ohne Hast mit 130 .000 Dollar davon.

Moehringer erzählt die Geschichte des Mannes, der ihn schon als Kind beeindruckte („Meine Großeltern und alle Männer aus Onkel Charlies Bar sprachen voller Bewunderung von Sutton“) in zwei Erzählgeschwindigkeiten: Erzählte und erträumte Zeit. Sutton wird als maroder Alter überraschend aus dem Gefängnis entlassen. Die Journalisten reißen sich um den Mann und seine Legende. Suttons Anwältin hat einen Deal ausgehandelt: Er muss einem Magazin exklusiv zur Verfügung stehen.

Keine Hagiografie

Einen Tag lang reist er mit einem (streberhaften) Reporter („Schreiber“) und dessen eingekifftemFotografen(„Knipser“) zu den Schauplätzen seines Lebens. Nach seinen Spielregeln: Schnell ein paar Sager und ein Fotomotiv liefert er nicht, die Jungspunde von der Journaille müssen sich auf ihn einstellen. Während der Verbrechensrundfahrt träumt er seine Version der Geschichte.

Das verlangsamt die Erzählung, hat aber Sinn. Denn so gelingt es Moehringer, weder eine Verbrecher-Hagiografie zu schreiben noch die Legende zu zerstören.

KURIER-Wertung: **** von *****

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