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Kultur
06/01/2019

Isaac Bashevis Singer: Zurück im Schtetl bei der Dicken Reitzele

„Jarmy und Keila“ ist eine Entdeckung mit viel verlorenem jüdischen Leben und Zuhältern und Prostituierten.

„Wir Juden leiden an vielen Krankheiten, aber Gedächtnisschwund gehört nicht dazu.“
Isaac Bashevis Singer, der polnisch-amerikanische Literatur-Nobelpreisträger von 1978, ist noch einmal in die Krochmalna-Straße zurückgekehrt.
Dort, im jüdischen Armenviertel von Warschau, ist er  aufgewachsen. Das war sein Schtetl – das Zuhause, aus dem später seine Literatur kam. Literatur braucht immer ein Zuhause (hat er gesagt). Mehrere Geschichten spielen dort.
Singer ist tot, gestorben 1991 in Florida.
Aber  „Jarmy und Keila“  ist neu ... außer für jene Amerikaner, die die Geschichte in der  jiddischen New Yorker Zeitung Forverts (wurde 2015 eingestellt)  in Fortsetzungen gelesen haben.
Es ist ein Ganovenroman, nahtlos reiht er sich in Singers Werk ein. Es ist viel los. Alles.
Liebe und Hoffnung und Enttäuschungen. Und zwischendurch ein Witz, zur Straße passend, in der die Dicke Reitzele auf den Strich geht und Itsche Einauge, der Chef der ganzen Mischpoche, zurzeit mit Halsstich im Spital liegt:
Ein Mann hatte gewettet, er könne einen Kübel Scheiße essen. Mittendrin fing er an zu spucken und zu würgen. Gefragt, warum, sagte er:
„Ich hab ein Haar drin gefunden ...“

Nach Amerika

Drama und Komödie.
Jarmy und Keila.
Ein ehemaliger Taschendieb und eine ehemalige Prostituierte.
Sie haben geheiratet, und sie haben sich sehr lieb. Wenn sie   Händchen haltend auf der Krochmalna spazieren, schauen die Leut’ auf das schöne Paar – auch wegen ihrer feuerroten Haare.
Sie haben wenig Geld, aber Jarmy will nicht wieder Gefängnis riskieren, denn dann müsste seine Keila, um überleben zu können, zurück ins Bordell, und das will er  nicht.
Doch dann kommt der Lahme Max aus Buenos Aires zurück, ein übler Zuhälter,  und lockt lästig mit  Mädchenhandel, Betrug und Reichtum und vergewaltigt die Rote Keila (obwohl er doch lieber Jarmy vergewaltigen würde).
Damit ist es jedenfalls um das mögliche kleine Glück geschehen.
 Keila flüchtet zu einem  naiven jungen Mann, der eigentlich Rabbiner werden wollte, aber mit ihr trotzdem nach New York in die Attorney Street, 1-Zimmer-Wohnung, auswandert ... wo ihm bald alles zu viel und Keila schwanger wird.
Außerdem kündigt sich seine Warschauer Verlobte an, und Jarmy und der Lahme Max tauchen auch noch dazu auf.
Fortsetzung folgt ... wenn man in die Buchhandlung geht.
Jarmy und Keila“ bleibt zwischen Vergangenheit und Gegenwart stehen – wie ein Film, den der Vorführer im Kino irrtümlich anhält.
L’chaim! Aufs Leben (und auf die Bücher, die sich bemühen, die verlorene Zeit zurückzuholen).

 

Isaac Bashevis Singer:
Jarmy und Keila“
Übersetzt von
Christa Krüger.
 Jüdischer
Verlag im
Suhrkamp Verlag.
464 Seiten.
26,80 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern