Steve Carrell bastelt als  Mark Hogencamp Puppen, die gegen Nazis kämpfen: „Willkommen in Marwen“

© UPI

Kultur
04/03/2019

Interview mit Robert Zemeckis: Barbie-Puppen im Kampf mit Nazis

Regisseur Robert Zemeckis („Forrest Gump“) über seinen Film „Willkommen in Marwen“ mit Steve Carrell.

Manchmal passieren beim Fernsehen noch glückliche Zufälle. Eines Abends zappte sich Robert Zemeckis wahllos durchs TV-Programm und blieb bei einer Doku hängen. Sie hieß „Marwencol“ und erzählte die traurige Lebensgeschichte des US-Künstlers und Fotografen Mark Hogencamp. Hogencamp wurde im April 2000 von einer Gruppe weißer Männer ins Koma geprügelt, nachdem er ihnen von seiner Vorliebe fürs Cross-Dressing erzählt hatte.

Nach der Attacke litt Hogencamp an massivem Gedächtnisverlust. Schwer traumatisiert, bastelt er sich ein imaginäres Dorf in Belgien während des Zweiten Weltkrieges. Er bevölkert es mit Barbie-ähnlichen Puppen – eine davon stellt Hogencamp selbst dar –, und lässt diese erfolgreich Nazis bekämpfen. Von den einzelnen Szenen fertigt Hogencamp kunstvolle Fotos an.

„Diese Story hat mich gleich gepackt“, erzählt Zemeckis im KURIER-Gespräch und glüht noch immer vor Begeisterung: „Ich sah sofort die Geschichte vor mir, die sich aus den Fotos mit den Puppen erzählen ließ. Außerdem konnte ich nachvollziehen, wie Hogencamp mithilfe seiner Kunst ein traumatisches Erlebnis verarbeitete. Kunst hilft uns, Dinge, die sich unserem Verständnis entziehen, besser zu begreifen. Deswegen existiert sie.“

Doch nicht nur Kunst, vor allem auch Frauen helfen Hogencamp. In seiner Fantasiewelt rettet ihn eine Gruppe wehrhafter Soldatinnen unentwegt vor dem Zugriffen der Nazis: „Hogencamp bastelt seine Puppen nach Vorbild von Menschen, die er im wirklichen Leben kennt. Dabei sind es immer Frauen, die ihm am wichtigsten sind und die ihn vor den Feinden beschützen. Für sie baut er die kombattanten Puppen als deren Alter Ego. Ich finde das hinreißend.“

Außerdem, fügt Zemeckis hinzu, fände er es gut, dass sein Film über rechtsextreme Gewalt nachdenke und sein Publikum auffordere, es ebenfalls zu tun: „Ich glaube nicht, dass ich einen Mainstream-Film gedreht habe. Trotzdem würde ich mich freuen, wenn möglichst viele Leute den Mut aufbringen würden, ihn zu sehen.“

Keine Reboots

Robert Zemeckis gilt als Schwerarbeiter der Filmindustrie und Vorreiter technologischer Entwicklung. Sein Name ist eng mit dem von Steven Spielberg verknüpft – seinem Freund und Mentor, der die meisten seiner Filme produzierte. Umgekehrt lieferte Zemeckis, gemeinsam mit Bob Gale, das Drehbuch zu Spielbergs (Flop) „1941 – Wo bitte geht’s nach Hollywood“.

Bevor er für „Forrest Gump“ mit Tom Hanks in der Hauptrolle 1994 den Oscar für beste Regie erhielt, hatte Zemeckis mit seiner „Zurück in die Zukunft“-Trilogie bereits Klassiker der amerikanischen Popkultur geschaffen. Doch im Gegensatz zu Generationskollegen wie beispielsweise George Lucas weigert sich Zemeckis hartnäckig, alte Erfolge neu mit Sequels oder Prequels aufzupeppen. Ein kleiner Wink wie in „Willkommen in Marwen“, wo er auf seine Zeitmaschine in „Zurück in die Zukunft“ verweist, ist das höchste der Gefühle: „Ich mache keine Reboots“, schüttelt er entschieden den Kopf: „Mehr als Referenzen wie in ,Marwen‘ wird es von meiner Seite nie geben.“

Dabei trieb Zemeckis im Laufe seiner Karriere immer schon die technologischen Möglichkeiten des Kinos an seine Grenzen. In „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ (1988) kombinierte er handgemachte Filmtrick-Technik mit Live-Action – und lieferte noch vor dem Anbruch des Computerzeitalters in Hollywood einen Höhepunkt der Spezialeffekte.

Zemeckis gilt auch als Pionier des Motion-Capture-Verfahrens, wo Bewegungen eines Schauspielers im Computer auf 3-D-Modelle übertragen werden. Die Zukunft des Kinos sieht er ganz im Digitalen: „Wir werden fotorealistische Charaktere haben, die wie perfekte Menschen aussehen. Das ist nur eine Frage der Zeit.“

Bis heute gefällt sich der 66-jährige Regisseur in der Rolle des Handwerkers: „Ich habe keine persönliche Vision. Ich bin da ganz einfach gestrickt. Wenn ich eine Geschichte erzählen will, frage ich mich: Wie kann ich das so tun, dass es im Kino möglichst interessant aussieht? Denn das ist meine Aufgabe als Regisseurs: Filme für das Kino zu machen, wie wir sie noch nie zuvor gesehen haben. Und dazu verwende ich alle Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen.“

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