Kultur
02.11.2018

Muse im Interview: "Keiner fühlte sich mehr wohl in der Band"

Dominic Howard und Chris Wolstenholme sprechen über skurriles Tourerleben, die überholte Album-Idee und die Band-Krise.

Ist alles, was wir als real ansehen, doch nur vom Computer generiert? Sind wir Menschen eine Simulation von künstlicher Intelligenz?

Matt Bellamy, Sänger, Gitarrist und Textautor von Muse, liebt solche Fragen – samt den daraus entstehenden Verschwörungstheorien. Speziell, wenn sie nicht von Scifi-Filmen, sondern von Wissenschaftern oder Denkern aufgestellt werden. Immer wieder hat er Bücher und Ideen zu derartigen Themen als Basis für Songs oder Konzepte ganzer Alben seines Trios hergenommen. Beim Freitag erscheinenden achten Muse-Album „Simulation Theory“ ist es die „Simulationshypothese“ des Philosophen Nick Bostrom. Der Schwede kommt dabei zum Schluss, dass es zumindest eine Möglichkeit ist, dass unsere Zivilisation nur eine Simulation ist.

Auch wenn Bellamy überzeugt ist, dass „auch alle spirituellen Religionen besagen, dass wir nicht in der Realität leben“ – Drummer Dominic Howard sieht dieses Über-Thema beim KURIER-Gespräch nur als „eine Art Schirm für die Themen und die Sound-Ästhetik“ des Albums. Und Bassist Chris Wolstenholme erklärt im Interview, wieso „Simulation Theory“ ein Muse-Album ist, das trotzdem doch kein Konzept hat.

KURIER: Warum haben Sie dieses Album in vielen kleinen Portionen zwischen Tournee-Abschnitten aufgenommen?

Chris Wolstenholme: Als wir mit dem vorigen Album „Drones“ auf Tour gingen, wurde es für uns zum ersten Mal ganz klar, dass sich das Hörer-Verhalten total geändert hat. Bis dahin war es für uns immer noch so, dass ein Teil unseres Publikums das ganze Album hörte, und sich andere nur die wichtigsten Tracks rauspickten. Bei den Konzerten der „Drones“-Tour hatte sich das aber geändert. Selbst sechs Monate nach Tourstart und Album-Veröffentlichung kamen keine Reaktionen vom Publikum, wenn wir Album-Tracks spielten. Sie kannten nur die Songs, die in den Streaming-Diensten als erstes auftauchen, weil sie Singles oder schon vorab draußen waren.

Ihr Resümee daraus?

Wir wollten deshalb zuerst gar kein Album mehr machen. Das hat keinen Sinn mehr, wenn die Leute wegen der Streaming-Dienste nur mehr die wichtigsten Tracks daraus hören. Ich spreche ja auch mit meinem Kindern über die Art, wie sie Musik hören. Und sie haben zwar auch ihre Lieblingsbands, aber selbst von denen hören sie nur die Songs, die Spotify oder Deezer ganz oben anzeigen. Also dachten wir, wir haben zwei Jahre, in denen wir ein wenig auf Tour sind, aber mit vielen Pausen. Also lass uns in den Pausen ins Studio gehen. Und wenn wir die Songs mögen, veröffentlichen wie sie sofort. Wir haben nicht gezielt auf ein Album hingearbeitet.

Muse ist eine der letzten großen Bands, die das Album-Konzept hochgehalten haben. Empfinden Sie es als Beeinträchtigung Ihrer kreativen Möglichkeiten, wenn es wegfällt?

Man muss da mit der Zeit gehen. Und ehrlich gesagt, war es für uns gar nicht so schlecht, sich immer nur auf einzelne Songs zu konzentrieren. Ich habe es als kreative Befreiung empfunden, dass nicht alles in ein Konzept passen musste. Die Texte, die Matt schreibt, sind ohnehin offen für Interpretationen. Einen Song wie „Something Human“ kann man als Sehnsucht nach etwas Menschlichem in einer technisierten Welt deuten, was in ein etwaiges Konzept von „Simulation Theroy“ passen würde. Aber auch als die Sehnsucht von jemandem, der sehr lange weg war und nach Hause zu seiner Familie will – was der eigentliche Ursprung war, denn Matt hat diesen Song sofort nach dem Ende der „Drones“-Tour geschrieben.

Musikalisch sind Muse mit „Simulation Theory“ aufgrund der Konzentration auf einzelne Songs stilistisch etwas breiter geworden. Anklänge an die Sounds der 80er-Jahre mischen sich ein. „Get Up And Fight“ hat Dance-Flair und Gast-Produzent Timbaland sorgt hier und da für eine Prise R&B-Feeling. „Weil die Welt das jetzt braucht“ klingt das Album so viel positiverer und lockerer als das düster, rockige „Drones“.

Für Drummer Dominic Howard hatte es noch einen anderen Vorteil, die Studioarbeit, mit Live-Auftritten abzuwechseln.

KURIER: Matt sagte, dass der Song „Something Human“ auch davon handelt, wie das Tourleben alle schlechten Seiten in Ihnen hervorbringt. Welche schlechten Seiten meint er?

Doninic Howard: Damit meint er nur, dass man auf Tour in so einer bizarren Realität lebt und sich fühlt wie in "Und täglich grüßt das Murmeltier", weil sich immer alles in gleichen Abläufen wiederholt. Wir haben zum Beispiel sechs Nächte hintereinander in Paris gespielt. Schon bei der vierten Show dachten wir, es wäre die letzte, wussten nicht mehr, wie viele wir in dieser Halle schon gespielt hatten. Immer das selbe Set im selben Gebäude – da verschwimmen die Eindrücke. Das war eben auch der Vorteil der neuen Arbeitsweise: Wenn du ein wenig auf Tour bist und ein wenig im Studio, wirst du keines der beiden überdrüssig. Das hat uns geholfen, als Band verbunden zu bleiben.

Wie meinen Sie das?

Wenn man so lange auf Tour ist, wie wir es mit „Drones“ waren, macht man danach normalerweise eine sehr lange Pause, in der jeder ganz andere Sachen macht, bei der Familie ist. Wenn man dann wieder im Studio zusammenkommt, muss man sich erst wieder neu auf die Band und die anderen einstellen.

Muse ist aber eine der wenigen großen Rock-Bands, bei der man nie von größeren Streitigkeiten gehört hat ...

Das stimmt, wir haben uns nie geprügelt, wie Police oder The Who und all die anderen Bands, die es übertrieben haben. Ich denke, das liegt daran, dass wir uns schon kennen, seitdem wir zwölf Jahre alt waren – lange bevor wir die Band hatten. Wir wissen voneinander genau, wer wir sind und wie wir waren, bevor all der Ruhm und Bandrummel dazukam. Und diese Verbindung aus der Zeit als Schulfreunde hält uns am Boden und zusammen – egal welche schwierigen Zeiten wir als Band haben mögen.

Was waren denn die schwierigsten Zeiten?

Das war beim zweiten Album. Da haben wir ernsthaft diskutiert, ob wir uns auflösen sollen. Da waren wir nahe am Split.

Warum gerade damals?

Nach dem ersten Album fühlte sich keiner von uns mehr wohl in der Band. Da war der Druck der ersten großen Tour, mit der wir in die Öffentlichkeit katapultiert wurden. Wir waren damals auch noch eine ganz andere Band ... auf der Bühne total introvertiert und, na ja, langweilig. Da musste sich etwas ändern. Deshalb haben wir dann mit „Origin Of Symmetry“ die Rollen dieser leicht verrückten Typen angenommen und auch ein härteren Sound entwickelt.

Interessant, dass der Split-Gedanke nach dem ersten Erfolg kam und nicht in den fünf Jahren davor, in denen Sie ohne Erfolg durch die Provinz tingelten.

Da waren wir Kinder, die eine gemeinsame Vision hatten. Wir stammen aus einer Kleinstadt in Devon, wo wir ein sehr isoliertes Leben hatten und das Denken der Leute total engstirnig war. Daraus wollten wir ausbrechen und die Welt sehen. Die Band war unsere Fahrkarte in diese Freiheit. Aber große Streits hatten und haben wir eigentlich wirklich nicht. Matt und ich streiten schon mal über musikalische Details und bestimmte Songs. Aber eigentlich sind das auch eher heftige Diskussionen und nie böse Fehden. Es wird nie so extrem wie: Er will Reggae und ich Metal. Wir haben dabei immer das Gefühl, die gleiche gemeinsame Vision zu haben. Wir haben nur unterschiedliche Vorstellungen davon, wie wir zu unserem gemeinsamen Ziel kommen.