Johanna Wokalek in ungewohnter Rolle als aufopfernde Ehefrau: „Deutschstunde“

© Constantin

Kino
10/06/2019

Interview mit Johanna Wokalek: Frau mit vielen Gesichtern

Johanna Wokalek spielt in der Siegfried-Lenz-Verfilmung „Deutschstunde“ die Ehefrau eines Malers mit Berufsverbot.

von Alexandra Seibel

Johanna Wokalek ist eine deutsche Ausnahmeschauspielerin mit besonderem Wien-Bezug. Geboren 1975 in Freiburg, studierte sie am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und gab ihr Theaterdebüt in der Inszenierung von Paulus Mankers „Alma – A Show Biz ans Ende“. Nach dem Studium folgt ein Engagement in Bonn, wo sie für ihre Darstellung der Kindsmörderin „Rose Bernd“ von Hauptmann den Alfred-Kerr-Darstellerpreis erhielt. Dann kam das Angebot vom Wiener Burgtheater: 15 Jahre war sie Mitglied des Ensembles und reüssierte in klassischen Rollen wie in Tschechows „Die Möwe“ oder Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“.

Im Kino kennt man Johanna Wokalek in meist radikalen Rollen wie der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin. Umso ungewohnter ihr Auftritt in Christian Schwochows Verfilmung von Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“ (derzeit im Kino): Dort spielt sie die hingebungsvolle Ehefrau eines Malers (Tobias Moretti), der von den Nazis Berufsverbot erhielt.

KURIER: Frau Wokalek, „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz wurde 1968 zum Bestseller und dann zur Schullektüre. Wann sind Sie das erste Mal damit in Berührung gekommen?

Johanna Wokalek: Mir war „Deutschstunde“ tatsächlich nur als Titel bekannt, und erst, nachdem ich das Drehbuch von Regisseur Christian Schwochow bekommen habe, las ich auch den Roman. Ich kannte ihn vorher nicht.

Ist das mit der Schullektüre ein Mythos?

Nein, wir hatten gerade Filmpremiere in Hamburg, und in Norddeutschland ist der Roman sehr bekannt, weil ja auch Siegfried Lenz von dort oben kommt. Ich weiß aber nicht, wie lange sich „Deutschstunde“ als Schullektüre gehalten hat.

Sie spielen Ditte Nansen, die Ehefrau des Malers Max Nansen, die aus Liebe und Bewunderung zu ihrem Mann ihre Karriere als Sängerin aufgegeben hat. Wie nahe ist Ihnen so eine Rolle?

Aus heutiger Sicht ist dieses Verhalten schwer zu ertragen. Man will es sich nicht vorstellen, dass eine Frau ihr Talent verkümmern lässt und alles aufgibt, weil sie ihren Mann unterstützen will, dessen Bilder sie so liebt. Ich fand das ungemein reizvoll, weil es in Bezug zu den Rollen, die ich vorher gespielt habe, etwas ganz anderes war. Ich finde auch, dass diese Frau sehr stark ist – und das hat mir gut gefallen. Sie berührt mich sehr. Sie kämpft darum, dass der Mann wenigstens noch einmal diese Malerei, die sie so sehr liebt, wirklich verteidigt. Aber er gibt auf. Ihre Antwort darauf ist Protest, ist eine Art passiver Selbstmord. Sie lässt es geschehen, dass sie verschwindet. Und das ist auch eine Haltung. Ich finde, sie ist eine spannende Frauenfigur. Ich habe so jemanden noch nie gespielt.

Die Figur des Maler Nansen lehnte Lenz an dem deutschen Maler Emil Nolde an. Später erhob sich an dieser noblen Darstellung von Nansen Kritik, nachdem bekannt wurde, dass Nolde ein überzeugter Nazi-Anhänger war. War das beim Dreh Thema?

Die Debatte um Nolde ist erst kürzlich aufgetaucht, und dieser Film steht für etwas ganz anderes. Er erzählt von einer Männerfreundschaft, die durch das Verhalten des Dorfpolizisten, seine blinde Pflichterfüllung zerstört wird. Gerade jetzt, wo wir miterleben, wie Demokratien infrage gestellt oder auch tatsächlich bedroht werden, ist diese Geschichte über eine Freundschaft, die sich in Hass verwandelt, unglaublich zeitlos und wichtig. Das ist die Stärke des Films, dass er konsequent bis zum bitteren Ende von der Zerstörung dieser Gemeinschaft erzählt.

Worin sehen Sie konkret die Relevanz von „Deutschstunde“ für unsere heutige Zeit?

Ich habe eine Freundin aus der Türkei, die schon lange in Deutschland lebt, aber noch Familie in Ankara hat. Ich habe sie bei der Premiere in Hamburg getroffen, wo sie komplett aufgewühlt war, weil, wie sie sagt, es in ihrer Familie Gräben gibt, die es unmöglich machen, miteinander zu sprechen. In Europa ist ein Zeitpunkt angekommen, wo man feststellen muss, dass man teilweise unfähig geworden ist, zu kommunizieren. Doch die Sprachlosigkeit ist das Schlimmste: Wenn wir aufhören, miteinander zu sprechen, unsere Gegensätze wahrzunehmen und uns damit zu konfrontieren, dann weiß man nicht, wohin das führen wird. Beziehungsweise zeigt uns „Deutschstunde“ auf eine Weise, wohin das führen kann.

Es gibt eine Stelle im Film, wo Sie zu singen anfangen. Wie wichtig ist Musik für Sie persönlich?

Ich habe eine sehr schöne Produktion mit meinem Mann, der Dirigent ist (Thomas Hengelbrock, Anm.) gemacht, in der wir Gedichte aus der Romantik mit Chormusik aufgenommen haben. In meinem nächsten Projekt, gemeinsam mit dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, singe ich in Paris Lieder von Bert Brecht und Kurt Weill. Aber was ich an dieser konkreten Filmszene, wo ich zu singen beginne, so schön finde, ist der Versuch der Kommunikation. Es ist der letzte Versuch, mit dem Gesang den Polizisten über eine Emotion, eine gemeinsame Erinnerung wieder in die Dorfgemeinschaft mit einzubinden.

Sie und Ihr Film-Ehemann, gespielt von Tobias Moretti, haben eine innige Beziehung. Wie verlief die Zusammenarbeit?

Es war schön mit Tobias. Es war ganz einfach. Wir haben uns beim Dreh erst richtig kennengelernt, und es hat mit uns beiden sofort gut funktioniert. Es war mühelos.

Stimmt es, dass Sie sich bei der Vorbereitung zu Rollen durch Kunst inspirieren lassen und ins Museum gehen?

Ja, das stimmt. Für diesen Film habe ich mir Schwarz-Weiß-Fotografien von Künstlerinnen oder Frauen von Künstlern angesehen und geschaut, wie sie sich kleiden. Ich hole mir auch ganz viel Inspirationen in Museen – manchmal für die Kostüme, manchmal für die Frisuren. Das ist aber sehr zufällig. Manchmal komme ich mit einer Postkarte zu einer Kostümbildnerin und sage: „Komm, lass uns das mal versuchen.“ So war es auch diesmal. Und die rote Kette, die ich trage, habe ich aus Peru mitgebracht.

Die raue Landschaft im Norden – und vor allem das Wattenmeer – spielt eine wichtige Rolle. Beeinflusst so ein Drehort das Spiel?

Ja, das macht ganz viel und hilft beim Spielen. Es war unglaublich kalt und sehr windig. Auch in dem Atelier des Malers war es unglaublich zugig. Ich glaube, Tobias Moretti hat deswegen die Mütze immer aufgelassen, weil es so kalt war.

Weil Sie gerade auf Wien-Besuch sind: Sie haben hier am Max-Reinhardt-Seminar studiert, waren Mitglied des Burgtheaters und haben das Ensemble 2015 verlassen. Können Sie sich ein Wien-Comeback vorstellen, jetzt, wo Martin Kušej neuer Direktor des Burgtheaters ist?

Ich werde immer wieder in Wien Theater spielen. In Wien ist mein Theater-Publikum. Ich habe so viel und über so viele Jahre hier gespielt – und das Burgtheater ist eines der schönsten Theater, die es gibt. Es ist ganz eng mit meiner Biografie verbunden. Hier zu spielen, kann ich mir immer vorstellen. 

 

Kritik zu "Deutschstunde": Geschichtsstunde als schwerfälliger Besinnungsaufsatz

Das waren noch Zeiten,  als man in der Deutschstunde zu Themen wie „Die Freuden der Pflicht“ Besinnungsaufsätze  schreiben musste. Da fiel einem doch gleich viel mehr ein  als zu „Mein schönstes Ferienerlebnis“.

Zumindest dann, wenn man wie Siggi Jepsen in  einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche im Deutschland der  Nachkriegszeit sitzt und über die „Freuden der Pflicht“ nachdenkt. Zuerst bleibt Siggis Blatt leer, doch dann beginnt er wie manisch zu schreiben und  die Schulhefte gleich stapelweise zu füllen. Aus dem Aufsatz wird die Lebensbeichte eines  Burschen, der traumatische Erlebnisse aus seiner Kindheit aufrollt und sich dabei an seinem  Vater, einem Nazi-treuen Dorfpolizisten, abarbeitet.

Siegfried Lenz schrieb seine  „Deutschstunde“ im Revoltejahr 1968 und rechnete mit  falsch verstandenem Pflichtbewusstsein ab. Sein knapp 600 Seiten langer Roman wurde   zum Bestseller, verkaufte sich über 2,2 Millionen Mal und erschien in 20 Sprachen. Allerdings wurde auch Kritik   laut, weil Lenz seine positive Hauptfigur an dem Maler Emil Nolde anlehnte, der zwar unter den Nationalsozialisten  Berufsverbot erhalten hatte, sich aber als glühender Antisemit und Nazi-Anhänger entpuppte.

Von all diesen Konflikten spürt man  nichts in der Neuverfilmung von „Deutschstunde“. Der  „Bad Banks“-Regisseur Christian Schwochow verdichtete  Lenz’ Epos in zwei ausdrucksstarken Stunden zu einem  Konflikt zwischen einem Dorfpolizisten und einem Maler mit Berufsverbot. Ulrich Noethen spielt mit schmalen Lippen  einen  pflichtversessenen Ordnungshüter, der im Auftrag der Nazis seinem ehemaligen Freund die expressionistische Malerei verbietet. Tobias Moretti bietet mit hellem  Blick und  luftiger Malerfrisur das weltoffene Gegenteil zum  pathologisch verbohrten Gesinnungstäter.

Das Gut-Böse-Duell der beiden Männer spielt sich auf dem Rücken des kleinen Siggi ab, der zwischen dem strengen Vater und dem Maler, seinem liebevollen Patenonkel,  aufgerieben wird. Schwochow macht sich die eindrucksvolle  norddeutsche Landschaft am Wattenmeer zunutze, um die fast menschenleere Einsamkeit seiner lichtlosen Bilder mit symbolschwerer Sinnfälligkeit   aufzuladen. Siggi flüchtet sich in ein leeres Haus,   in dessen Räumen sich Vogelskelette türmen. Selbst das Meer spuckt nur  tote Fische aus.  Die Atmosphäre  bleibt konsequent beklemmend, gleichzeitig aber auch  luftdicht in sich abgeschlossen und  historisch versiegelt. „Deutschstunde“ ist didaktisches, schwerfälliges Geschichtskino, dem es  nicht gelingt, relevant an die Gegenwart anzuknüpfen. (sei)


INFO: D 2019. Von Christian Schwochow. Mit Ulrich Noethen, Tobias Moretti.