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Ingeborg Bachmann: „Die Männer sind unheilbar krank – wissen Sie das nicht?“

Sandra Hüller setzt eine Perücke auf und nähert sich Ingeborg Bachmann – in einer sprühenden Doku-Fiktion von Regina Schilling.
Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann, rauchend auf einem Sofa.

Zehn Minuten musste Sandra Hüller überlegen, dann sagte sie zu – und übernahm die Rolle von Ingeborg Bachmann. Sehr zur Freude von Regisseurin Regina Schilling, die ganz besonders glücklich war, „weil ich nicht unbedingt damit gerechnet habe“.

Und so kam das Projekt „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ (ab Donnerstag im Kino) zustande. Dabei handelt es sich um ein inspiriertes Doku-Drama, in dem die Regisseurin Archivmaterial über die österreichische Schriftstellerin mit Auszügen aus ihren Werken, Briefen und kleinen Spielfilmszenen in einer römischen Wohnung mischt: Sandra Hüller tritt darin mit blonder Perücke als Ingeborg Bachmann auf, raucht Zigaretten, hört Platten und grübelt vor der Schreibmaschine. Aber keine Sorge: „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ ist nicht oberlehrerhaftes Nachhilfe-Kino in Sachen Literaturunterricht, sondern das sprühende Porträt einer Frau, deren Bücher man danach am liebsten gleich aus dem Regal holen und (wieder)lesen möchte.

Zurückgezogen in Rom

„Ich wollte immer schon filmisch mit Ingeborg Bachmann zu tun haben“, sagt Sandra Hüller, derzeit die angesagteste Schauspielerin Deutschlands und zuletzt in der Hauptrolle des österreichischen Historienfilms „Rose“ zu sehen, im KURIER-Gespräch. Allerdings kam ihr Vicky Krieps in dem Bio-Pic „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ zuvor; danach „war ein weiteres fiktionales Projekt nicht mehr gut möglich. Deswegen war ich unglaublich froh, dass es zu dieser Doku mit fiktionalen Inszenierungen gekommen ist.“

Regina Schilling hatte beschlossen, einen Tag in Bachmanns letzten Jahren ihres Lebens zu inszenieren – „alkohol- und drogenabhängig, allein und zurückgezogen“. Sie entwarf spielfilmartige, biografisch beflügelte Tableaus und wählte dazu passende Texte aus: „Sandra meinte, sie wolle gar nicht sprechen, sondern Bachmann nur zuhören“, erzählt Regina Schilling: „Beim Drehen hatte sie dann ein Earpod mit Bachmann-Texten, die sie selbst eingelesen hatte, im Ohr, und dazu gespielt.“

Regisseurin Regina Schilling mit der Gesicht in der aufgestützten Hand.

Regisseurin Regina Schilling über Ingeborg Bachmann: „Wirklich visionär“.

So kommt es zu unglaublich gewitzten Szenen wie etwa diese, in der die besserwisserische Stimme von Marcel Reich-Ranicki aus dem Off zu hören ist. Ungebremst schwadroniert der Literaturkritiker über Geschlechterunterschiede und darüber, warum sich Frauen für „gewisse Berufe“ leider wenig eignen, weswegen es kaum große Komponistinnen, Dirigentinnen oder gar Literatinnen unter ihnen gebe.

Während er doziert, sieht man, wie Hüller als Bachmann ihre Zigarette anzündet, Kaffee kocht und Zeitung liest. Ihre ungerührten Handlungsabläufe geben Reich-Ranickis Geschwätz der Lächerlichkeit preis, ohne dass man genau sagen könnte, warum: „Genau das gefällt mir“, so Hüller mit ihrer typischen Lakonie: „Wenn sich etwas nicht erklären lässt, weil eine Szene einfach nur etwas macht.“

Bachmann selbst problematisierte intensiv stereotype Rollenzuschreibungen innerhalb einer männerdominierten Gesellschaft. Das mache ihre Texte „so heutig und gegenwärtig“, findet Regina Schilling. Ein gutes Beispiel dafür sei der zeitgenössische Begriff des „Mansplaining“, wonach Männer gerne Frauen herablassend belehren: „Es gibt einen Textausschnitt, wo sie sagt: ,und sie, mit ihren riesigen kindlich aufgerissenen Augen, hatte getan, als hörte sie zu’“, zitiert Schilling aus Bachmanns Erzählung „Simultan“: „Es ist unfassbar, wie visionär sie schon damals war, aber auch, wie unfassbar frauenfeindlich der damalige Zeitgeist war.“

Ebenso überraschend für Schilling war Bachmanns exzessive Auseinandersetzung mit Frauenmorden – lange, bevor das Wort „Femizid“ in aller Munde war. Bachmann hatte sich so „explizit mit Femiziden beschäftigt, dass sie Zeitungsartikel über die Todesarten von Frauen sammelte und sie dann in ihre Literatur transportiert hat“, meint Schilling: „Das finde ich wirklich visionär.“

Wirklich wurscht

Ingeborg Bachmanns unglückliche, desaströse Liebesbeziehungen mit prominenten Literaten wie Paul Celan oder Max Frisch sind weitgehend bekannt, ebenso wie ihr furchtbarer Tod infolge von Brandverletzungen im Oktober 1973. Gerade deswegen bemühen sich Regina Schilling und Sandra Hüller darum, „dass Bachmann nicht im Schatten ihrer eigenen Tragödie steht. Wir wollten uns auf ihre Texte konzentrieren und zeigen, dass sie nicht das Opfer der Männer oder der Umstände gewesen ist.“

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Spaziergänge durch Rom: Sandra Hüller in "Ingeborg Bachmann - Jemand, der auch ich war.“

Eine der besten Szenen überhaupt findet sich in einer Archivaufnahme von 1971, in dem Ingeborg Bachmann mit Unschuldsmiene zu einem Interviewer sagt: „Die Männer sind unheilbar krank. Wissen Sie das nicht?“ Und dabei muss sie sehr lachen.

„Wie süß sie das sagt“, kommentiert Sandra Hüller. Und Regina Schilling fügt hinzu, „dass sie wahrscheinlich jede Menge Tabletten intus hatte. Vielleicht kommen ihre Sätze auch deswegen so entspannt heraus: Es ist ihr wirklich wurscht. Sie sagt einfach, was sie sich denkt.“

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