Ingrid Thurnher wird ORFIII-Chefredakteurin

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10/07/2016

Thurnher geht, Reiterer kommt

Ingrid Thurnher moderiert ab 1.1.2017 nicht mehr "Im Zentrum", Claudia Reiterer folgt ihr nach.

Gerüchte gibt es seit gestern Abend, jetzt ist es auch offiziell bestätigt: Ingrid Thurnher wird mit 1. 1. 2017 neue ORF III-Chefredakteurin. Claudia Reiterer folgt ihr als "Im Zentrum"-Moderatorin nach. Thurnher war zuletzt u.a. von der FPÖ scharf angegriffen worden, Grund war ein Interview mit FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer.

Thurnher hat bereits Pläne für ihren neuen Job: Konkret soll der „ORF III Themenmontag“ durch eine regemäßige Diskussionsrunde bereichert werden. Angedacht sind auch weitere Talk-Formate, die u. a. gesellschaftspolitische Themen ausloten sollen.

Die Neue

2002 übernahm Reiterer, damals 34 Jahre jung, die Moderation desORF-Politmagazins "Report" . Jetzt ist sie wieder zurück an der Spitze derORF-Information. Ab 2017 moderiert sie "Im Zentrum", die wichtigste Politdiskussionssendung des Landes. Sie folgt damit auf Ingrid Thurnher, dieORF III-Chefredakteurin wird. Thurnher war zuletzt u.a. wegen eines Interviews mit FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer heftig kritisiert worden. Die Entscheidung, die aktuellenORF2-Diskussionssendungen (neben "Im Zentrum" auch "Runder Tisch") aufzugeben, sei im Einvernehmen gefallen, heißt es. Wer "Runder Tisch" und das Konsumentenmagazin "konkret", das Reiterer derzeit präsentiert, übernimmt, steht noch nicht fest.

"Sippenhaftung"

Mit politischen Schlammschlachten kennt sich auch Reiterer aus. Als sie 2004 aus der Babykarenz zurückkam, durfte sie nicht zum "Report" zurück, sondern übernahm die Moderation des Parlamentsmagazins "Hohes Haus". Differenzen mit dem damaligen ORF-Chefredakteur Werner Mück leugnete sie öffentlich nicht. 2007 musste sie vom "Hohen Haus" zur Konsumentensendung "konkret" wechseln, weil ihr Mann Lothar Lockl Bundesparteisekretär der Grünen wurde. Die damalige Nationalratspräsidentin Barbara Prammer zeigte sich in einem Offenen Brief empört: „Das ist willkürlich und diskriminierend und steht für mich an der Grenze zur Sippenhaftung.“ Gegenwärtig ist Lockl Wahlkampfleiter des grünen Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen.

Dancing Star

2009 gewann Reiterer die fünfte Staffel der ORF-Tanzshow "Dancing Stars", sie moderierte den Opernball und machte zuletzt als Autorin des Buches "Der Popcorn-Effekt" von sich reden. Über die Schwerpunkte, die sie in ihrem neuen Job setzen will, sagt sie: "Aufgrund der starken Veränderung der Debattenkultur durch Social Media ist eine niveauvolle Diskussion und der Austausch von Argumenten, wo man einander zuhört, essenziell."

FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl war mit Ingrid Thurnher nicht zufrieden, mit Claudia Reiterer ist er es genau so wenig: Er sei fassungslos, "so etwas gibt's nur beim ORF". Reiterer als professionelle Journalistin hätte die Unvereinbarkeit erkennen und den Job ablehnen müssen. Es handele sich bei der Besetzung offenbar um "die personelle Abgeltung der grünen Zustimmung zur Verlängerung der Rotfunk-Ära Wrabetz im ORF."

Tanzen kann sie auch

Irgendwie war das ein cooler Akt von Alexander Wrabetz: Ingrid Thurnher geht zu ORFIII, die FPÖ freut sich kurz, weil Thurnher ja inhaltlich über die „Tempelberg“-Affäre von Norbert Hofer gestolpert ist. Unmittelbar danach wird bekannt, dass ihre Nachfolgerin Claudia Reiterer heißt, die neben ihrer langjährigen Tätigkeit als ORF-Journalistin und Moderatorin auch ein Privatleben hat. Und in dem ist sie mit Alexander Van der Bellens Wahlkampfmanager Lothar Lockl verheiratet.
So schnell kann blaue Freude verfliegen.

Allerdings: So lustig es ist, sich darüber zu amüsieren, dass die Frau des grünen Wahlkampfmasterminds künftig die wichtigste politische Diskussionssendung des Landes moderiert, so daneben ist es, Frau Reiterer ihren Ehemann vorzuhalten. Als Journalistin wird sie ohnehin an ihrem Fachwissen und an ihrer Objektivität gemessen.

Wenn man ihr schon unbedingt was vorhalten will, dann vielleicht Stilfragen: Die Frau war tatsächlich einmal „Dancing Star“.