Fühlt man sich in Ländern zu Hause? Der Schriftsteller Ilija Trojanow machte sich viele Gedanken über Exil, Muttersprache und Un-Ort Heimat

© Thomas Dorn

Ilija Trojanow
08/26/2015

"Ich war der Nestbeschmutzer"

Ein Leben des Widerstandes gegen den Machtapparat: Der Schriftsteller Ilija Trojanow über Helden und Böse, seine Korrespondenz mit Angela Merkel und was es bedeutet, Flüchtling zu sein.

von Barbara Mader

Die Titel seiner Romane erzählen sein Leben: "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" und "Der Weltensammler" hießen die ersten Bücher des Schriftsteller s Ilija Trojanow, der mit sechs Jahren mit seinen Eltern aus Bulgarien fliehen musste: Als politisch Verfolgte erhielten sie Asyl in Deutschland. Später lebte Trojanow in Afrika, Indien und nun in Wien. Mit seinem Reportagen, Dokumentationen und Romanen gehört Trojanow zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Gesellschaftskritik. In seinem neuen Roman "Macht und Widerstand", nominiert für den Deutschen Buchpreis, erweist er sich erneut als hochpolitischer Literat: Echte Biografien und Dokumente aus dem Archiv der Staatssicherheit werden hier zur großen Erzählung über Widerstand im kommunistischen Bulgarien und zur Parabel über das menschliche Antlitz des Bösen.

KURIER: Der Verlag bezeichnet "Macht und Widerstand" als Ihr "Lebensbuch". Wie gefällt Ihnen das?

Iljia Trojanow: Nun, das stimmt insofern, als es mich, als Kind politischer Flüchtlinge, ein Leben lang beschäftigt hat. Wenn man flieht, ist das Heimatland ja nicht weg. In Erzählungen der Eltern oder in Briefen ist die Verbindung weiter vorhanden. Und wenn man dann ins jugendliche Alter kommt, beschäftigt man sich intensiver damit. Ich hab mich schon vor 1989 damit auseinandergesetzt, danach war ich sehr oft in Bulgarien.

Und so sind Sie auch auf die Originaldokumente gestoßen?

Durch Vertrauen und Freundschaft. Es ist die Kunst jedes Autors und Journalisten, dass man Vertrauen aufbaut. Und die Leute wollten ja, dass ich das erzähle. Dieser Teil der Geschichte ist so marginalisiert, dass ein großes Bedürfnis herrscht, dass diese Stimmen gehört werden.

Sie erzählen anhand der Biografien eines Stasi-Offiziers und eines Widerstandskämpfers von menschlichen Gegensätzen: Würde und Niedertracht. Der Böse ist bei Ihnen genauso menschlich wie der Held. Wie stellt man das Böse dar?

In der Trivialliteratur wird das öfters gemacht, auch im Film und im Fernsehen, aber in der Literatur muss man lange suchen. Und wenn, dann sind die Bösen oft überzeichnet, haben etwas Geniales, wie Mephisto.

Das ist hier, beim Stasi-Mann, überhaupt nicht der Fall. Der ist ja eher ein Durchschnittstyp.

Ja, aber er ist natürlich auch durchaus gerissen. Im Rahmen der sozialen Strukturen, in denen er sich bewegen muss, gewieft. Andere Bösewichte in der Literatur sind für mein Empfinden oft zu wenig verantwortlich: Der "Kleine Mann", der wider Willen in etwas hineingerät. Ich wollte etwas in der Mitte haben: Weder einen genialen Bösen noch jemanden, der nur marginal am Bösen beteiligt war, sondern einen Pfeiler des repressiven Systems.

Ihre Bücher wurden in mehr als 25 Sprachen übersetzt, auch ins Bulgarische. Wie werden Sie dort als Schriftsteller wahrgenommen?

Das hat sich sehr gewandelt. Zu Beginn war ich der Nestbeschmutzer. Mit zunehmendem Erfolg ist es gekippt: Dann war ich plötzlich "unser Trojanow". Bei diesem Buch wird es spannend. Weil es etwas versucht, das im gesamten Ostblock bisher eher selten gemacht wurde: Der nächsten Generation zu ermöglichen, sich mit den Vorgängen im ehemaligen Ostblock und der postkommunistischen Zeit auseinanderzusetzen. Entscheidend in diesem Roman ist ja der Kampf um die Erinnerung heute. Die Kontinuität, die Brücke zwischen damals und heute. Was passiert, wenn Menschen wie Konstantin (der Widerstandskämpfer im Buch, Anm.) darum kämpfen müssen, dass ihre heroische Geschichte überhaupt Platz bekommt. Er hat unglaublichen Mut bewiesen und ist bedroht davon, ausgelöscht zu werden.

Sie sind mit sechs Jahren mit Ihren Eltern aus Bulgarien geflohen. Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute die Bilder der Flüchtlinge sehen?

Das beobachte ich ja schon seit Jahren. Ich war letztes Jahr in den Flüchtlingslagern an der türkisch-bulgarischen Grenze, davor an der türkisch-griechischen Grenze.

Aber es hat doch jetzt besondere Ausmaße angenommen.

Quantitativ, aber nicht qualitativ. Das Leid der einzelnen Familien ist gleich geblieben. Die grundsätzlichen Probleme sind gleich geblieben. Es gibt keine halbwegs durchdachte europäische Flüchtlings- und Einwanderungspolitik. Was ein Witz ist. Man kann es nicht oft genug betonen. Es ist ja nicht nur ein humanitäres Thema, sondern die Frage: Wie gestalten wir Gesellschaften in globalisierter Zeit? Es ist völlig klar, dass Migration dazu gehört. Die Abschottung ist nicht mehr möglich. Wenn Politiker mehr Mut hätten, bis hin zur FPÖ, würden sie allen Bürgern sagen: Wir müssen Lösungen finden, die von uns allen mehr Flexibilität verlangen, denn das bedeutet Globalisierung. Die Bevölkerung Österreichs ist Gewinner dieser Globalisierung. Also müssen wir auch jetzt gemeinsame Lösungen finden, für jene Resultate der Globalisierung, die für manche vielleicht unangenehme Seiten haben. Zum Beispiel Migration. Ich frage mich schon immer wieder, wie Menschen, die am Sonntag immer unsere gemeinsamen christlichen Werte beschwören – ich kann es nicht mehr hören! –, wie schnell die alle aus dem Fenster rausfliegen, wenn es darum geht, das Haus mit ein paar Kurden zu teilen.

Flüchtende sind immer am Abgrund ...

Nein, das ist ein Missverständnis. Wir nennen alle Flüchtlinge, aber viele von ihnen sind Migranten. Wir müssen da ehrlicher sein.

Aber derzeit geht es um Flüchtlinge. Syrer, die aus dem Krieg flüchten.

Ja, aber es kommen ja auch viele Afrikaner.

... auch dort gibt es Krieg.

Ja, aber jedes Land ist unterschiedlich. Indem wir alle Flüchtlinge nennen, verbauen wir uns den differenzierten Blick und die richtige politische Lösung. Seit es die Menschheit gibt, brechen Menschen auf der Suche nach besserer Arbeit auf. Und wir müssen uns fragen, welche Möglichkeiten es gibt, diesen Wunsch zu verwirklichen, weil es auf beiden Seiten positive Effekte hat. Für uns, aber auch für die dortigen Gesellschaften. Ich habe lange in Afrika gelebt und ich weiß, das ist die beste Entwicklungshilfe, die es gibt: Halbe Dörfer werden dort ernährt von jemandem, der in Europa bei Renault am Fließband arbeitet. Mir ist die ganze Diskussion im Moment viel zu hysterisch.

Sie werden oft nach Ihrem vielfach ausgezeichneten Roman "Weltensammler" genannt, haben in vielen Ländern gelebt und sich publizistisch damit auseinander gesetzt. Gibt es ein Land, in dem Sie sich zu Hause fühlen?

Fühlt man sich in Ländern zu Hause? Fühlt sich ein Wiener in Vorarlberg zu Hause? Ich fühle mich wohl in dem Teil der Stadt, in dem ich wohne. Und es gibt in vielen Gegenden Ecken und Enden, die mir nahe sind. Es gehören auch Teile von Mumbai zu mir.

Themenwechsel. Sie haben 2013 einen offenen Brief an Angela Merkel geschrieben, in dem Sie sie auffordern, die Wahrheit über die NSA-Affäre zu sagen. Über 60 Autoren haben ihn unterschrieben. Hat sich die Kanzlerin je gemeldet?

Nein. Sie ist zu sehr damit beschäftigt, sich nicht auseinanderzusetzen mit dem Chaos, das jetzt öffentlich wird, wer wen ausspioniert.

Haben Sie das erwartet?

Wenn jemand am Stammtisch sagt, er habe keine hohe Meinung von Politikern, dann ist das oft ein Vorurteil. Bei mir ist das ein extrem gut recherchiertes und von meiner Lebenserfahrung belegtes Urteil.

Zur Person: Der Weltensammler

Vielseitig
Ilija Trojanow, 1965 in Bulgarien geboren, ist Schriftsteller, Übersetzer, Verleger. Sein Roman „Der Weltensammler“ wurde ein Weltbestseller. Trojanow ist extrem vielseitig. U. a. bloggte er über Oper, schrieb Reiseführer über Afrika, und veröffentlichte 2009 mit Juli Zeh ein Plädoyer gegen den Überwachungswahn: „Angriff auf die Freiheit“. 2013 initiierte er einen Offenen Brief an Angela Merkel zur Causa NSA – daraufhin wurde ihm die Einreise in die USA verweigert. Trojanow lebt in Wien. Seine derzeitige Leseempfehlung: E. L. Doctorows „Ragtime“.

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