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Gespräch
07/25/2021

Nitsch sagte 6-Tage-Spiel ab, dirigiert in Bayreuth "Fluss der Farben“

Hermann Nitsch ergänzt in Bayreuth drei konzertante Aufführungen der „Walküre“ mit Malaktionen. Günther Groissböck sagte ab.

von Thomas Trenkler

Am Montag wäre es endlich so weit gewesen: Bei Sonnenuntergang hätte im Innenhof von Schloss Prinzendorf im Weinviertel das neue „6-Tage-Spiel“ des Orgien Mysterien Theaters begonnen. Das gab Hermann Nitsch Anfang dieses Jahres in einer Aussendung bekannt.

Schon lange hatte der Mitbegründer des Wiener Aktionismus auf das zweite „6-Tage-Spiel“ seines Lebens – das erste fand 1998 statt – hingearbeitet. Doch dann kam alles anders, das gewaltige Existenz- und Daseinsfest musste auf 2022 verschoben werden. Einerseits wegen der Auswirkungen der Pandemie. Denn lange Zeit wusste niemand, was im Sommer möglich sein würde. Ein „6-Tage-Spiel“, bei dem die Gäste nicht nur distanzierte Zuschauer, sondern auch involvierte Teilnehmer sein sollen, funktioniert aber nicht mit zugewiesenen Plätzen oder Abstandsregeln.

Und andererseits, weil „der Nitsch“ ein ehrendes Angebot bekam: „Der Kulturdezernent von Bayreuth hat mich gefragt, ob ich nicht die ,Walküre‘ gestalten will – unter ganz anderen Voraussetzungen: Es handle sich um eine konzertante Aufführung, die Sänger würden wie bei einem Oratorium an der Rampe stehen, und ich solle parallel dazu eine Aktion machen.“ Ein solches Angebot konnte Nitsch nicht ausschlagen: „Weil ich die Musik von Richard Wagner liebe.“

„Genialer Vollender“

Enthusiastisch sogar, wie er betont, und das seit frühester Jugend: „Sein von der antiken Tragödie ausgehender ,Ring des Nibelungen‘, ,Tristan und Isolde‘, ,Die Meistersinger von Nürnberg‘ und ,Parsifal‘ haben mich bis heute in ihren Bann gezogen." Er habe Wagner, sagt Nitsch, immer schon bewundert – „als den Sucher nach dem Gesamtkunstwerk“. Der deutsche Komponist sei sogar sein „Lehrer“ gewesen. Denn natürlich ist auch das „6-Tage-Spiel“ ein alle Sinne forderndes Gesamtkunstwerk.

„Erregt und entäußert“

Es hat sich schon früh, Anfang der 1960er-Jahre, aus der Aktionsmalerei herausentwickelt. Und diese sei, so Nitsch, die erste Stufe seines Orgien Mysterien Theaters. Denn der Künstler erregt und entäußert sich beim Malprozess: Er fühlt die Substanz der Farbe, die Flüssigkeit, den Schleim, den Brei. „Er verschüttet, bespritzt, besudelt, bedreckt die Bildfläche und knetet die Farbsubstanz.“

Wenig später ging Nitsch einen Schritt weiter: Er verwendete auch Blut, Gedärme und Fleisch, was damals auf Unverständnis stieß. Aber für Nitsch ist auch „die Ausweidung eines Tieres ein Malakt“. Eines Tieres wohlgemerkt, das nicht aus Lust und Laune getötet wurde, sondern von der Gesellschaft zum Zweck der Nahrungsaufnahme: „Wir wissen nur zu gut, wie die Tiere in den Schlachthöfen gequält werden. Aber wir sind halt leider Raubtiere. Und so gehört auch das Schlachten zum Sein dazu.“

„Warum ist etwas?“

Mit seinem Orgien Mysterien Theater preist Nitsch das Sein in allen Facetten: „Es gibt eine große Frage, die von vielen Philosophen gestellt wurde: Warum ist überhaupt etwas? Warum ist nicht viel mehr nichts? Mir geht es um die Tatsache, dass etwas ist. Mit geht es um diese Istigkeit. Und diese Istigkeit ist für mich das Sein: Dass wir da sind, dass sich die Schöpfung, das Universum ereignet, weil es ist. Und diesen positiven Umstand möchte ich verherrlichen. Er ist für mich der Umstand schlechthin, erhöht bis zum Gottesbegriff.“

Wäre daher nicht Wagners „Parsifal“ viel eher der richtige Stoff für ihn?

Nitsch widerspricht nicht: „Ja, der ,Parsifal‘ ist sehr verwandt zu meinem eigenen Werk. 1995 habe ich in der Wiener Staatsoper ,Hérodiade‘ von Jules Massenet umgesetzt. In der Folge bot mir Ioan Holender, der damalige Direktor, den ,Parsifal‘ an. Wir standen kurz vor der Vertragsunterzeichnung, aber dann kam es nicht dazu.“

2013 folgte „Saint François d’Assise“ von Olivier Messiaen an der Bayerischen Staatsoper in München. Danach beschloss Nitsch, keine Inszenierungen mehr von Werken anderer Künstler zu machen. Denn im Alter lassen ja doch die Kräfte nach. Und: „Ich habe mein eigenes Werk zu verwalten.“ Aber nun hat man ihm eben die „Walküre“ angeboten. Und wenn der Grüne Hügel, der Olymp also, ruft: Da ist man dann nicht sonderlich wählerisch.

„Gewalt und Pracht“

Was er genau plant, darf Nitsch nicht verraten. Es soll ja auch eine Überraschung sein – zumindest bei der ersten Aufführung am 29. Juli. Aber man kann davon ausgehen, dass sich die Malaktion nicht grundlegend von jenen unterscheidet, die Hermann Nitsch in den letzten Jahren z. B. in seinem Museum in Mistelbach realisierte: Die „Malassistenten“ lassen Farben über riesige Leinwände rinnen. Oder schütten sie auf diese. Direkt eingreifen will der alte Meister nicht: „Ich werde irgendwo sitzen – und dirigieren. Nicht die Musik, aber den Fluss der Farben.“

 

Obwohl Nitsch ursprünglich nicht daran gedacht hatte, bewirke „die Gewalt und Pracht der Musik“, dass die Aktionsmalerei doch auf sie beziehungsweise auf den Inhalt Bezug nimmt: „Die Farben des gesamten Regenbogenspektrums werden versuchen, mit der Farbenpracht der Wagnerschen Musik im positiven Sinn zu konkurrieren.“ Eine Journalistin der dpa schloss daraus, dass Nitsch „eine bunte ,Walküre‘ angekündigt“ habe, was dieser im Interview nicht so stehen lassen konnte: „Ich mag das Wort ,bunt‘ nicht. Bunt ist Karneval. Ich bevorzuge glühende Farben, die der Partitur der ,Walküre‘ entsprechen. Ich will einen Farbrausch bewirken.“

Einen prächtig leuchtenden Farbrausch natürlich: Zunächst kommen vornehmlich blaue, grüne und violette Farben zum Einsatz. Später, bei der Vermählung von Sieglinde und Siegmund, fließe die Farbe der Blutschande, also rot. Und so weiter. Im dritten Akt schließlich werde das Motiv des Feuers nach Orange-, Gelb- und Rottönen verlangen. Generell gilt: „Klänge werden zu Farben.“

Es sind, neben einer Generalprobe, drei konzertante Aufführungen unter der Leitung von Pietari Inkinen vorgesehen (auch am 3. und 19. August), aber ohne Günther Groissböck, der eben, völlig überraschend, die Rolle des Wotan zurückgelegt hat. Es wird aber nicht an den Schütt- und Rinnbildern weitergearbeitet: Mit jedem der drei Akte beginnt eine neue Malaktion mit neuen Leinwänden. „Und sie dauert eben so lange, so lange die Musik spielt.“ Eine Absprache mit dem Dirigenten werde es nicht geben, sagt Nitsch: „Er macht, was er muss. Ich mache, was ich will.“

„Räume aus Klängen“

Zehn Tage nach der letzten Performance in Bayreuth, am 29. August, wird der alte Herr, der im Winter nicht gerade bei bester Gesundheit war, seinen 83. Geburtstag feiern. Am Vorabend soll im Mistelbacher Nitsch Museum, nur wenige Kilometer von Schloss Prinzendorf entfernt, die „Weinviertel Sinfonie“, die zweite Sinfonie für Streichorchester des Gesamtkunstwerkers, vom RSO zur Uraufführung gebracht werden. Unter der Leitung von Michael Mautner, der anmerkt, dass Nitsch musikalische Vorgänge schreibt, „die keinem akademischen Komponisten jemals einfallen würden“. Aber wer sich den hohen Anforderungen mit offenen Ohren hingibt, werde reich belohnt: „Die archaische Kraft, die leuchtenden Klangfarben, aktionistische Raserei im Wechsel mit der endlosen Schönheit reiner Akkorde, sind ein im höchsten Maße sinnliches Erlebnis, gleichsam Räume aus Klängen.“

Die „Weinviertler Sinfonie“ dürfte, wie auch die im Juli 2020 dargebrachte „Moskauer“, in das „6-Tage-Spiel“ integriert werden. Denn die musikalischen Aufführungen sind keine vom Theater losgelösten Konzerte: „Sie sind immer die Musik meines Theaters“, sagt Nitsch. Beim neuen „6-Tage-Spiel“ werde sie im Zentrum stehen: „Es soll sich der gesamte Kosmos meiner Musik zeigen!“

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