Carolee Schneemanns Happening Meat Joy

© /Schneemann

Performance-Kunst
12/02/2015

"Ich war sehr dickköpfig"

Die Künstlerin Carolee Schneemann über Katzen, Musen, Yoko Ono und Beschwerdebriefe.

von Barbara Mader

Carolee Schneemann ist eine Pionierin der Performance-Kunst. Die Farmerstochter aus Pennsylvania hat mit ihren Kunstwerken und Happenings über Geschlechterrollen, Sexualität und die Verwendung des Körpers in der Kunst Nachfolgerinnen wie Marina Abramović oder Tracey Emin den Weg bereitet. Im Gegensatz zu ihnen ist Schneemann damit nicht reich geworden. Erst seit Kurzem, erzählt sie im Gespräch mit dem KURIER, ist sie ihre permanenten Geldsorgen losgeworden. Ein neues Lebensgefühl.

An ihrem Alltag wird das nicht viel ändern. Sie wird weiter in ihrem Haus in der Nähe von New Paltz, 130 Kilometer nördlich von New York, wohnen und hin und wieder den Bus nach New York nehmen. Und sie wird weiterhin Beschwerdebriefe an die Betreiberfirma schreiben. Gegen Gestank, Handys und kleine TV-Geräte im Bus.

Ziemliche Aufreger

Carolee Schneemann ist heute eine 76-jährige, zarte, kleine Frau, die gern so tun, als wär sie ein bisschen schrullig. Sie ist alles andere als das. Was sie als Künstlerin, Choreografin, Experimentalfilmerin, Performerin und Autorin geleistet hat, war bahnbrechend und regte in den 1960er-Jahren ziemlich viele Leute auf. Arbeiten wie "Eye Body", wo sie nackt mit einer Schlange auf dem Oberkörper zu sehen ist, oder das Happening "Meat Joy", wo kaum bekleidete Darsteller mit rohen Fischen, gerupften Hühnern, Würsten, flüssiger Farbe und Papiermüll tanzten, wurden in Paris zum Fest, in England zum Skandal.

Mehrfach ließ man sie wissen, sie solle sich gefälligst anziehen, wenn sie als Künstlerin ernst genommen werde wolle. Darauf, dass eine Künstlerin selbstbestimmt und provokant weibliche Sexualität und Lust thematisierte, war man in den 1960ern einfach noch nicht vorbereitet. Sie antwortete mit Filmen, die sie beim Sex zeigten, und Performances wie "Interior Scroll", wo sie sich zuerst mit Farbe bemalte und dann aus ihrer Vagina einen Streifen Papier herauszog, von dem sie laut vorlas.

Männliche Perspektive

Ihre Arbeit sah sie als Reaktion auf die Darstellung von Sexualität vornehmlich aus der Perspektive männlicher Künstler. "Ich habe eigentlich nie daran gedacht, dass man mich schockierend finden könnte", sagt Carolee Schneemann, lächelt liebenswürdig und fragt, ob man gerne noch etwas Kaffee hätte.

Wie man sie sich als junge Frau vorstellen darf? "Ich war sehr dickköpfig. Ich wollte mich durchsetzen. Wissen Sie, als Frau war es in den Fünfzigerjahren, als ich begann, ohnehin schon schwer. Und als Künstlerin hatte man es doppelt so schwer. Mein Vater, meine Lehrer, meine Mitstudenten an der Kunstuni: Jeder wollte mich entmutigen. Yoko Ono, mit der ich zusammengearbeitet habe– eine fantastische Künstlerin – sie wurde letztlich doch auch erst berühmt, weil sie mit John Lennon zusammen war."

Und dann erzählt diese Frau, die zu einer der wichtigsten Protagonistinnen der New Yorker Avantgardeszene gehörte, die mit Claes Oldenberg und Andy Warhol arbeitete, die ihr Leben damit verbracht hat, Konventionen zu brechen, von ihrem Haus, ihren Katzen und vom Alleinsein. "Ich habe keinen Lebenspartner mehr. Ich werde auch keinen mehr haben."

Ihr Haus, 1750 gebaut, seit Generationen in Familienbesitz, ist ihr Anker. "Es ist ein sehr kraftvolles Haus. All meine Inspiration kommt aus diesem tiefen, alten Ort. Hier träumte ich, dass ich zeichne und male. Alle meine erotischen Filme habe ich hier gedreht. Und als Vietnam stattfand, sah ich Tote in den den Wäldern rundherum. Das Haus ist meine Muse."

Allerdings nicht die einzige. Schneemann lebt seit Jahrzehnten mit Katzen, einige davon wurden Teil ihrer künstlerischen Arbeit. Seit Kurzem hat sie einen besonders begabten Neuzugang namens "Ninja": "Sie ist ein Genie. Sie arbeitet täglich, es ist unglaublich. Ich weiß nicht, woher sie alle die Ideen hat. Letztens hat sie eine Packung Mehl in mein Schlafzimmer gebracht und auf dem Teppich verstreut. In den Mehlhaufen hatte sie sorgsam fünf blaue Vogelfedern gesteckt. Ein Kunstwerk!"

Werkschau in Salzburg Das Museum der Moderne Salzburg widmet dem Werk von Carolee Schneemann eine Retrospektive und würdigt sie als eine der wichtigsten Künstlerinnen ihrer Generation. Als Pionierin der Performance-Kunst ist sie in die Kunstgeschichte eingegangen. Schneemann wurde 1939 in Fox Chase, Pennsylvania geboren, studierte an der University of Illinois Malerei. Ihr Anliegen, die Malerei über die Leinwand hinauszutragen und zugleich Schöpferin und Darstellerin ihrer Bilder zu sein, führte sie zu Performance, Fotografie und Film.
www.museumdermoderne.at

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