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Kritik
12/23/2019

Hurn und Drang: Yung Hurn, warum warst du so im Gasometer?

"Dirty Talking" zu Brummton und Zeitlupenbeat: Heimspiel für den Wiener Rapper.

von Georg Leyrer

Dieses "Y", das die Besucherinnen ins Gesicht geschminkt haben, das auch als goldener Kindergeburtstagsluftballon durch den Gasometer fliegt, das kennt man doch, woher aber gleich. Ups, stimmt: Das hat jenes Covergirl ins Schamhaar rasiert, das der Wiener Rapper Yung Hurn auf dem neuen Album angiert.

 

Sie merken schon: Es ist nicht alles einfach. Yung Hurn, warum bist du so?, fragt der Rapper denn auch beim ersten von zwei Konzerten im Gasometer gleich zu Beginn, zu Fußballtröte und Subbass. Eine gute Frage, die man sich insbesondere vor einem bühnenbeherrschenden Berg an Brüsten zwei Tage vor Weihnachten so noch nie gestellt hat!

Jetzt aber mal: Handy hoch. Der Auftritt beginnt, und der ausverkaufte Gasometer hüpft. Yung Hurn ist (gerade noch) der Mann der Stunde, mit seiner Mischung aus Hip-Hop-Modetrends und der sehr Wienerischen Fixierung aufs, wie sagt man, Kopulieren. Freud, Drahdiwaberl, Hurn, das geht sich irgendwie aus: Man hat es nie leicht gehabt in dieser Stadt mit dem Sex.

Zum Glück aber sind die Zeiten vorbei, in denen man aus jedem Popalbum eine Jugendbewegung, irgendeinen "No Future"- oder "Die Jugend heute ist so spießig"-Quatsch herausquetschen musste. Aber ein bisserl lustig ist das schon: Während Erwachsene bei der Aussicht auf ein Herumgefummle im Burgtheater tagelang die Aufregungsgeilheit kriegen, hören sich die Kids den wirklich harten Stoff an.

Was bei Yung Hurn, äh, alles kommt, in die Nase und überall anders hin, es ist Porno-Zeit, Baby.

Und natürlich auch wieder nicht. Wer glaubt, dass Pubertät früher hart war, der muss den heutigen Teenagern und Jungerwachsenen Ehrfurcht entgegen bringen. Was für ein wundersam vertracktes Netz an Spaß- und Sexismus-Fallstricken, an steilen verbalen Klippen und vielen, vielen Referenzebenen müssen die heute erobern. Sie tun das locker und gut gelaunt, während sich die Erwachsenen so herrlich plump verstricken.

Darf man heute noch "Bitch" sagen? Du nicht, Papa.

Es wird also bei Yung Hurn allerlei Synonymes über Sex ins Rennen geworfen (und an einer Stelle darf man Strache ausbuhen), man fährt, zwinker zwinker, "ohne Dach Cabrio", und das die ganze Nacht, und hin und wieder will man kichern ("Du bist ihre schöne Blume/Aber ich bin die Biene"), an anderer Stelle weniger. Wenn das die Oma wüsste (ahso, nein, sie weiß es und darf zum Geburtstag sogar auf die Bühne).

Aber insgesamt: Im besten Fall ist da lyricmäßig ein Meta-Worttheater rund um das Körperliche im Gang, eine "Dirty Talking"-Oper zu Brummton und Zeitlupenbeat, ein Druckabbaugehüpfe gegen eine Außenwelt, in der die Eltern politische Korrektheit für das größte Problem halten. Danke, Yung Hurn!

Im schlechtesten Fall ist das alles ernst gemeint.

Beides aber ist Überinterpretation für Menschen, die zu wenig Spaß haben. Die jungen Menschen haben den, und tanzen in all jenen Kleidungsstilen, für die man in den 80ern und 90ern noch zumindest schief angeschaut wurde. Zu recht! Es zahlt sich aber auch nicht aus, das schöne Gewand anzuziehen, zwischen Bierdusche und Fußabdruckspuren auf den brandneuen Sneakern kommt keiner ungeschoren raus. Wer doch irgendwie heil ist: Am Montagabend spielt Yung Hurn nochmal. Es gibt noch Tickets.

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