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Interview
09/08/2021

"Hochwald"-Regisseurin Evi Romen: "Ich beobachte Traumata"

Die gebürtige Südtirolerin im Gespräch über ihr Regiedebüt „Hochwald“, einen modernen Heimatfilm, über das Zerrissensein und das Leben zwischen zwei Kulturen.

von Susanne Lintl

Um die Flucht eines Burschen aus der Enge eines Südtiroler Dorfs, weg von Bigotterie und Engstirnigkeit, um Terror und Rückkehr und das Leben mit diesem Trauma geht es im kraftvollen Regiedebüt von Evi Romen, die sich bisher als erfolgreiche Editorin einen Namen gemacht hat. Zuletzt arbeitete Romen in dieser Funktion mit ihrem Ex-Mann David Schalko in der TV-Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ zusammen. Nun macht die sympathische Boznerin ihr eigenes Ding: „Hochwald“ wurde bei der Diagonale in Graz, bei der Branchen–ROMY und auch beim renommierten Filmfestival Zürich ausgezeichnet.

Der KURIER präsentiert den Film heute Abend im Filmcasino Wien, ab 17. September ist „Hochwald“ regulär in den Kinos zu sehen.

KURIER: Sie charakterisieren Ihr Regiedebüt als modernen Heimatfilm. Was meinen Sie damit?

Evi Romen: Ich habe dieses Branding selbst lanciert. In den Fünfziger und Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat der Begriff Heimatfilm immer ein wohliges Gefühl, aber auch Unwohlsein ausgelöst. Ich wollte mit diesen Versatzstücken spielen: mit dem Wohligen und mit dem, wo man sich nicht so wohl fühlt, also dem Weggehen, dem Wiederkommen, mit Sünde, mit Gottlosigkeit und doch Bei-Gott-Sein. Und ich wollte sehen, welche Textur das in der heutigen Zeit hat. Ich denke, dass die Themen und Inhalte immer noch gleich sind, aber natürlich haben sich die Welt und das Denken der Leute total verändert und deshalb sind die Dinge jetzt fließend.

Ist die Angst vor dem Fremden noch ausgeprägter geworden durch die Verwerfungen in der Welt? Vor allem in der Provinz?

Das habe ich mich auch gefragt, ich bin aber nicht sicher. Ich glaube, dass die Angst vor dem Fremden geringer ist als früher, weil man ja mehr kennt und mehr sieht. Man schützt sich mit der Annahme, bei uns kann so was nicht passieren. Aber auch kleine Dörfer sind vor dem Einbruch von globalen Ereignissen nicht gefeit. Und wenn so etwas passiert, ist die Angst sofort da und die Mauer wieder zu.

Stimmt es, dass die islamistischen Terroranschläge in Paris 2015 Inspiration für Ihren Film waren?

Ja, tatsächlich war ich da zufällig auf Heimatbesuch und habe die Nachricht vom Anschlag im Bataclan erhalten. Dann kam im regionalen Radio eine Unternotiz, dass auch ein junger Südtiroler unter den Opfern ist. Nachdem wir Südtiroler ja nicht so viele sind, bilden wir uns – wie die Isländer – immer ein, dass wir uns alle kennen. Daher war mein erster Gedanke: Ist das einer aus unserem Dorf? Man fängt dann an zu überlegen und so hat sich das Stück für Stück bei mir aufgebaut. Gottseidank ist es pure Fantasie geblieben. Ich kannte das Opfer vom Bataclan nicht.

Kommen Sie oft zurück in Ihr kleines Dorf?

Also, sagen wir es so: Die Verbundenheit ist sehr groß, das Nachhausefahren eher selten. Dazu muss ich sagen, dass ich zwischen Dorf und Stadt aufgewachsen bin. Wir haben den ganzen Sommer über am Berg gewohnt und sonst in der Stadt, in Bozen. Aber da gibt es noch die Familie, Freunde, die Kinder von Freunden. Wir kennen uns alle.

Sie wählen gerne gebrochene Figuren als Helden, Verzweifelte. Sind sie interessanter als die glatten Typen?

Naja, es ist schon faszinierend, nicht so glatte Typen zu zeigen. Manchmal auch deshalb, weil man den Blick so gut von sich selbst abwenden kann, wenn man andere am Abgrund beobachtet. Das Leid und das Extreme geben für das fiktive Erzählen viel mehr her. Brüche und unvorhersehbare Dinge sind das Spannende am Erzählen.

Sie sind schon lange in der Filmbranche, ein Profi. Wann fühlt man sich reif, seinen eigenen Film als Regisseurin zu machen?

Ich habe ja begonnen auf der Filmakademie und dort auch Filme gemacht. Ich dachte dann aber, dass es besser ist, handwerkliche Dinge zu machen und zu studieren. Da war dann diese Zufallsbegabung Schnitt, die mir schnell eine Karriere verschafft hat. Ich bin voll eingetaucht in diese Schnittwelt. Dann gab es zwei Momente, die mein Bedürfnis nach Kreativsein befeuerten. Der eine war, dass ich den Österreichischen Filmpreis in der Hand hielt und in die Menge der Menschen schaute, die mich offenbar gewählt hatten. Da dachte ich, das fühlt sich jetzt ein bisschen nach Lebenswerk an. Was könnte ich jetzt noch tun in meinem Leben? Im gleichen Jahr wurde ich 50. Da dachte ich: Jetzt oder nie.

Sie hatten sicher auch Anteil am Erfolg Ihres Ex-Mannes, haben viel mit ihm zusammengearbeitet. Wollten Sie sich emanzipieren? Auch einmal die Erste im Team sein?

Also wir haben einige Projekte zusammen gemacht. Schnitt ging gut, weil da habe ich das Zepter in der Hand gehabt. Beim Schreiben war’s schon etwas schwieriger, denn ich glaube, dass jeder von uns zu sehr Sturschädel ist oder sein eigenes Branding hat. Ich habe einfach gemerkt, dass wir zu sehr eigene Persönlichkeiten sind. Aber natürlich haben wir uns immer gegenseitig unterstützt. Nach der Scheidung habe ich mir einmal gedacht, vielleicht hat er weg müssen, damit ich Platz habe. Eine Künstlerehe ist halt sehr anstrengend, wenn jeder ständig danach sucht, seine Kreativität zu leben. Und wenn dann auch noch Kinder im Spiel sind, ist es überhaupt schwierig.

Haben Sie in „Hochwald“ auch eigene Traumata verarbeitet?

Ja und nein. Sagen wir eher: Ich beobachte Traumata. Ich habe das Gefühl, dass ich Traumata gesammelt und beobachtet habe über die Jahre. Natürlich, ein Trauma, das ich selber auch kenne, ist das Zerrissene – zu wem gehört man und wie kann man aus etwas raus, ohne raus zu müssen. Kann man in der Enge etwas ausleben oder nicht? Gelingt es mir wegzugehen? Diese Themen verfolgen mich. Natürlich spielt da auch mein Geburtsland eine große Rolle. Dieses Zerrissene ist uns Südtirolern ja in die Wiege gelegt. Wir stehen zwischen zwei Ländern, zwischen zwei Kulturen.

Haben Sie Blut geleckt? Führen Sie wieder Regie?

Ja, ich bleibe jetzt dabei. Mein nächster Film heißt „Happyland“ und ist wieder ein moderner Heimatfilm. Er spielt diesmal an der Donau, aber wo genau weiß ich noch nicht.

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