Monumentales Mosaik von Ferdinand Andri: Dargestellt sind die sieben Gaben des Heiligen Geistes

© Kurier/Gerhard Deutsch

Serie
05/28/2021

Heilig-Geist-Kirche in Ottakring: Meisterwerk der frühen Moderne

"Kunst in der Kirche": Josef Plečnik entwarf die erste Eisenbetonkirche Österreichs. Sie beeindruckt mit einem Mosaik Ferdinand Andris

von Thomas Trenkler

Nach einem Jahr coronabedingter Pause gibt es heute, Freitag, wieder eine Lange Nacht der Kirchen. Und erstmals gibt es auch ein Farbmagazin – realisiert in Kooperation mit dem KURIER: In „Nachts in der Kirche“ finden Sie mehrere Reportagen von Gotteshäusern in Wien, die in unserer Serie „Kunst in der Kirche“ erschienen sind.

 

Als Ergänzung wollen wir Ihnen heute, sozusagen als verspäteten Abschluss, eine Kirche vorstellen, die zwar nicht offiziell an der „Langen Nacht“ teilnimmt, aber größte Beachtung verdient: die Heilig-Geist-Kirche in Ottakring. „Sie ist tatsächlich ein Juwel der frühen Moderne – und auch revolutionär“, erklärt  Renate  Bauer, unsere Fremdenführerin, bei der Besichtigung. „Sie ist die erste Eisenbetonkirche Österreichs oder gar Mitteleuropas.“

Ohne Glockenturm

Die Wohnverhältnisse in Ottakring waren Ende des 19. Jahrhunderts erbärmlich, es gab nur zwei Kirchen. Und so sinnierte man über ein Gemeindezentrum. 1908 wurde unter der Patronanz der Herzogin Sophie von Hohenberg, der Gattin des Thronfolgers Franz Ferdinand, ein Kirchenbauverein gegründet. Zwei Jahre später konnte der Baugrund – an der Ecke Herbststraße/Klausgasse – erworben werden. Mit der Gestaltung beauftragte man Josef Plečnik, einen Schüler von Otto Wagner. Der Laibacher, 1872 geboren, war mit dem „Zacherlhaus“, 1903 bis 1905 am Bauernmarkt errichtet, bekannt geworden. Er legte mehrere Entwürfe vor; ausgeführt wurde schließlich aber nur eine Sparvariante – ohne Glockenturm und die flankierenden Gebäude.

 

Von der Ferne wirkt die Kirche, die mit ihrer fensterlosen Front samt Attikagiebel an einen klassizistischen Tempel erinnert, wie ein grauer Block. Auch deshalb, so Renate Bauer, weil die fünf Felder über den Eingängen nicht, wie einst geplant, mit Reliefs befüllt wurden.

Aber auch im Inneren vermochte die Kirche, von 1911 bis 1913 realisiert, nicht jeden zu beeindrucken: Franz Ferdinand bezeichnete sie als Mischung aus russischem Bad, Pferdestall und Venustempel. Aber der Thronfolger hatte ja auch verhindert, dass Plečnik der Nachfolger von Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste wurde. Der Architekt ging daher nach Prag – und ab 1925 begann er mit der Umgestaltung seiner Heimatstadt.

Mit der Heilig-Geist-Kirche, einem Gesamtkunstwerk (inklusive der Sitzbänke), emanzipierte sich Plečnik von seinem Lehrer, nach dessen Plänen von 1904 bis 1907 die Jugendstil-Kirche am Steinhof gebaut worden war. Denn es handelt sich um eine dreischiffige Basilika. Aber es gibt, weil Plečnik Stahlbetonträger einsetzte, keine trennenden Elemente: Der Raum wirkt fast quadratisch – und von jedem Platz aus sieht man zum Altarbereich.

 

Er könnte als Vorbild für die Christkönigs- beziehungsweise Seipel-Dollfuß-Gedächtniskirche von Clemens Holzmeister, 1934 geweiht, gedient haben. Denn er ist ebenfalls erhöht – und den Anschluss bildet ebenfalls ein monumentales Mosaik. Mit ihm wollte Josef Plečnik auf die byzantinische Kunst Bezug nehmen. Es stammt von Ferdinand Andri, der für die Fassade des „Zacherlhauses“ einen riesigen Erzengel Michael gestaltet hatte.

 

Dargestellt sind die sieben Gaben: Frömmigkeit, Stärke, Einsicht, Weisheit, Rat, Wissenschaft und Gottesfurcht. Die Idee sei, so Renate Bauer: „Der Heilige Geist stärkt als Mittler zu Gott den Menschen mit diesen Eigenschaften.“

Auch darunter, in der Krypta mit den Grotten, stößt man auf ein Werk von Andri: das Taufbecken aus grünem Marmor samt Deckel aus vergoldetem Holz. Im geschlossenen Zustand sieht es so aus, als würde Johannes im Jordan stehen, um  zu taufen.

1945 wurden in der Krypta 52 ukrainische Arbeiter, Kriegsgefangene und geflohene Soldaten der Deutschen Wehrmacht versteckt. Andri hingegen hatte sich 1938 dem Nationalsozialismus verschrieben – und war in die Gottbegnadeten-Liste aufgenommen worden ...

Zur Person: Die „echte Wienerin – sogar mit böhmischen Wurzeln“ –  absolvierte eine Tourismusausbildung an der WU und arbeitete viel im Ausland. Seit 1993 ist Renate Bauer Fremdenführerin in Wien

Programm: Renate Bauer betreut zumeist Gäste aus Übersee, bietet aber auch Stadtspaziergänge an – etwa zu  Jugendstil, die Frauen, das mittelalterliche  und das düstere Wien (1938 bis 1945).

Info: www.viennaforyou.com

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