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Hartmann-Prozess
06/24/2014

Wer hat vom zerbrochenen Krug gewusst und profitiert?

Zum Auftakt ging es um das dubiose Finanz-System der Burg und um zu viele Zeugen.

von Guido Tartarotti

So prallt die Welt des Theaters auf die Realität: Während im Saal M des Arbeits- und Sozialgerichts in Wien-Josefstadt die Klage von Matthias Hartmann gegen seine Entlassung als Burgtheaterdirektor verhandelt wird (es geht um bis zu zwei Millionen Euro), warten auf den Gängen Menschen auf ihre Prozesse, die von solchen Summen nur träumen können. Abgearbeitet, müde und resigniert Aussehende, die versuchen, sich in die Frühpension zu retten. Eine Frau erzählt sich selbst die Geschichte ihrer Depressionen. Ein Mann klagt gegen seine Entlassung – er habe 14 Stunden am Tag geschuftet – und hört von seiner Anwältin, dass seine Klage aussichtslos ist.

Und während es in Saal M um die Feinheiten der Abschreibung von Bühnenbildnern geht, um für Juristen sicher hoch delikate Details der Verfahrensabläufe und um die Frage, wer wann warum nichts gewusst hat, und dabei erstaunlich gute Stimmung herrscht (es wird gescherzt und gelacht); wird es anderswo am Gericht plötzlich laut. Der Kläger in einem Arbeitsrechtsprozess hat sich in der Verhandlung die Unterarme aufgeschnitten. In erstaunlich kurzer Zeit ist sehr viel Polizei da. Alle rufen nach der Rettung, aber die kommt lange nicht. Die Richterin erklärt, dass sich die Prozesse verzögern, sie könne nicht in einem Saal voller Blut verhandeln. Ein Wartender knurrt: "So ein Volltrottel."

Im und vor dem Saal M geht es gesitteter zu. Die IntimfeindeHartmann und der mit 30. Juni zurücktretendeBundestheater-Holding-ChefGeorg Springer begrüßen einander ironisch-freundlich.

Im Prozess geht es dreieinhalb Stunden lang hin und her. Die eine Seite – vertreten durch Burgtheater-Anwalt Bernhard Hainz – betont, Hartmanns Entlassung sei zu Recht erfolgt, da dieser von dubiosen finanziellen Systemen im Haus nicht nur gewusst, sondern auch von ihnen profitiert habe.

Hartmanns Anwälte – Georg Schima und Katharina Körber-Risak – weisen dies energisch zurück. Nicht Hartmann hätte die Weiterbeschäftigung der umstrittenen Geschäftsführerin Silvia Stantejsky gewünscht, sondern Springer. Stantejsky wird vorgeworfen, in der Burg ein dubioses finanzielles Netz gesponnen zu haben. Sie wurde ebenfalls entlassen und hat ebenfalls dagegen geklagt.

Inszenierung

Der Hartmann-Prozess erinnert ein wenig an eine Theaterinszenierung: Er wird höchst eloquent geführt, dauert zu lange, und man ahnt das Ende. Den Vergleich – nach dem hier alles riecht – lehnen beide Seiten aber noch ab. Schima betont, seinem Mandanten gehe es nicht nur um Geld, sondern um seinen Ruf.

30 Zeugenanträge gibt es bereits, darunter finden sich prominente Namen: Staatsopern-Direktor Dominique Meyer, Ex-Burgchef Nikolaus Bachler, Kontrollbank-Generaldirektor Rudolf Scholten oder Burg-Aufsichtsratschef Christian Strasser. Richterin Kristina Heissenberger zeigt sich besorgt: "Das wird uns Jahre beschäftigen." Man werde die Zeugen wegen der komplizierten Sachlage mehrmals hören müssen.

Nach der Verhandlung gab sich Hartmann entspannt. Er habe sich auf die "ästhetischen Aspekte" konzentriert und fühle sich an Kleists "Der zerbrochne Krug" erinnert. Fortsetzung: 24. September. Am Freitag beginnt ein Parallelprozess: Die Burg klagte Hartmann.

In Kleists Stück geht es übrigens um die geraubte Unschuld.

Das Finanzdrama am Burgtheater

Hartmann will "Klarheit und Wahrheit"

KURIER: Was erwarten Sie sich von dem Prozess? Ihre Rehabilitierung? Oder deutet nicht alles auf einen Vergleich hin?
Matthias Hartmann: Ich erwarte mir Klarheit, Wahrheit und Recht.

Sie haben in der Presse gesagt, sowohl Springer als auch PricewaterhouseCoopers mit Informationen konfrontiert zu haben, die auf Bilanzbetrug hinwiesen. Hätten Sie nicht spätestens da Konsequenzen als Geschäftsführer ziehen müssen?
Mein Ansprechpartner für die Missstände und deren Beseitigung ist der Eigentümervertreter. Ihn habe ich rechtzeitig informiert.

Sie sagten, sie fühlen sich "gelegt", u. a. weil Ihnen nicht die wahre Finanzsituation der Burg bei Vertragsunterzeichnung vorgelegt wurde.
Ich verbitte mir den Vorwurf der arglistigen Täuschung, da ich selber ein Getäuschter bin.

Welche Rolle spielt es für Ihren Prozess gegen die Entlassung, wieviel Mitschuld Springer trägt?
Man kann mir nicht Kontrollversagen unterschieben, wenn es zur Kontrolle eine eigene Institution gibt.

Um was es geht

Das Arbeits- und Sozialgericht wird ab Dienstag zur Spielstätte der Burgtheater-Affäre: Ex-Direktor Matthias Hartmann bekämpft seine Entlassung. Das Burgtheater wiederum will (Prozessstart: Freitag) rückwirkend gegen die Vertragsverlängergung Hartmanns im Jahr 2012 vorgehen. Der KURIER beantwortet im Vorfeld die wichtigsten Fragen:

Was war noch gleich das Problem?

Das Burgtheater ist in einer schweren Krise: Direktor Matthias Hartmann und Vizedirektorin Silvia Stantejsky wurden entlassen. 2012/’13 steht ein Minus von mehr als 19 Millionen Euro in der Bilanz. Es geht u.a. um falsche Buchhaltung, schleierhafte Bar-Auszahlungen, Steuerschulden, nicht wahrgenommene Verantwortung, gegenseitige Schuldzuweisung. Die bisher von Georg Springer (siehe oben) geleitete und dem Burgtheater übergeordnete Bundestheater-Holding ist ebenfalls betroffen.

Wer streitet jetzt mit wem?

Heute beginnt am Arbeitsgericht der Prozess, den Hartmann gegen das Burgtheater angestrebt hat. Der Ex-Direktor will seine Entlassung anfechten. Seine finanziellen Forderungen könnten sich auf insgesamt zwei Millionen Euro (u. a. die Gage bis zum regulären Vertragsende 2019) summieren. Auch die ehemalige Vizedirektorin Silvia Stantejsky führt einen dementsprechenden Prozess gegen die Burg. Dieser hat bereits im April begonnen und wird im Herbst fortgesetzt. Am Freitag startet ein dritter Prozess: Diesmal heißt es Burgtheater versus Hartmann. Das Theater fechtet die Vertragsverlängerung (und damit die Forderungen Hartmanns im anderen Prozess) an: Hätte man Einblicke in das Finanzdebakel gehabt oder davon nur ansatzweise etwas geahnt, wäre Hartmann 2012 nicht verlängert worden.

Geht das nicht einfacher, etwa in einem gemeinsamen Prozess?

Dass die beiden Hartmann-Prozesse zusammengelegt werden, ist nicht unmöglich (bei beiden geht es um Sorgfaltsverstöße). Wahrscheinlicher ist jedoch, dass einer der Prozesse unterbrochen wird, bis es ein Urteil im anderen gibt.

Was werden diese Rechtsstreits ergeben?

Vor dem Arbeitsgericht geht es im Wesentlichen nicht um ein vollinhaltliches Aufrollen der Burgtheater-Affäre, sondern eigentlich um die Rechtmäßigkeit der Entlassungen. Dabei stellen sich natürlich Fragen nach Verantwortlichkeiten in der Finanzaffäre; darüberhinaus gelten bei Geschäftsführern strengere Maßstäbe an die Sorgfalt als bei Angestellten. Entlassungen können aber auch aus reinen Formalfehlern (etwa: nicht rechtzeitig erfolgt) ungültig sein. Hartmann will geltend machen, dass seine Entlassung durch die falsche Person vorgenommen wurde: Nicht Kulturminister Josef Ostermayer, sondern Bundeskanzler Werner Faymann hätte diese aussprechen müssen. Aus Sicht der Bundestheater-Holding war die Entlassung hingegen rechtens, da der einstige Burg-Chef bereits seit Jahren von Schwarzen Kassen am Haus gewusst habe. Die Frage, was Hartmann wann gewusst hat und wie er mit diesem Wissen umgegangen ist, wird auch im Prozess Burgtheater versus Hartmann eine wesentliche Rolle spielen.

Gibt es am Dienstag gleich ein Urteil?

Nein, der erste Termin ist noch kein inhaltlicher, sondern ein vorbereitender; es geht um Prozesstermine, Zeugen etc. Die Folgetermine werden für September und den Herbst erwartet, dann wird es spannend(er). Der Prozessverlauf beim Arbeitsgerichtsprozess um den ehemaligen MAK-Direktor Peter Noever legt übrigens eine weitere Option nahe: Noever und das MAK haben sich verglichen, eine Option, die es in allen Prozessen rund um die Burg natürlich auch gibt.

Was gibt es Neues?

In den Tagen vor den Prozessbeginnen drangen neue Infos an die Öffentlichkeit. Darunter: Ein Rechnungshof-Rohbericht und ein Gutachten mit Kritik an der Holding. Und die Details einer Finanzregelung, die die derzeitige Direktorin Karin Bergmann bei ihrem ersten Abschied aus der Burg getroffen hat: Sie habe sich die Abfertigung auf acht Monate verteilt auszahlen lassen, berichtet der Standard.

In einem Interview mit der Presse bekundete Hartmann, sich "gelegt" zu fühlen. Und er verwies erneut auf eine Verantwortung Springers.

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