Kultur
05.10.2017

"Happy End": Der Fluch der Familie

Michael Hanekes Familien-Farce bewegt sich nur im Mittelfeld seines bisherigen Filmschaffens.

Michael Haneke hat sich mit seinen Filmen – zuletzt mit "Liebe" – die Latte selbst sehr hoch gelegt. Sein Liebestod-Drama "Amour" riss das Publikum mit großer Wucht aus dem Sessel, holte den französischen Schauspiel-Star Jean-Louis Trintignant aus der Pension zurück, gewann Haneke die (zweite) Goldene Palme in Cannes und den Oscar in Hollywood.

Fünf Jahre später ging die Premiere von "Happy End" (ebenfalls in Cannes) vergleichsweise leise über die Bühne. "Happy End" erreichte weder die emotionale Sogwirkung noch die scharfsinnige Gesellschaftsanalyse, die Hanekes beste Arbeiten auszeichnen. Stattdessen funktioniert seine großbürgerliche Familien-Farce als unaufgeregte, vor sich hin murmelnde Zustandsbeschreibung im Ensemble-Format, ohne je zu sonderlicher Dringlichkeit aufzuwallen.

In der losen, quasi "innerlichen" Fortsetzung von "Amour" dominiert wieder Trintignant als Patriarch ("Ich habe meine todkranke Frau erstickt") seine Familie: Wie in einer barocken Version von "Denver-Clan" bewohnt er mit ihr ein grandioses Palais in der Hafenstadt Calais. Draußen mag die Flüchtlingskrise toben, doch jedes Familienmitglied ist in sein separates Drama verwickelt.

Die Tochter – immer patent: Isabelle Huppert – führt das familiäre Bauunternehmen und muss einen Unfall vertuschen. Der Sohn (Mathieu Kassovitz) arbeitet als Arzt und unterhält eine leidenschaftliche Internetaffäre. Gerade ist seine Teenager-Tochter aus erster Ehe eingezogen: Ein seltsames Mädchen, das mit seiner Handy-Kamera andere Leute filmt, ihren Hamster vergiftet und die E-Mails ihres Vaters liest. Einmal mehr weiß Hanke von (digitaler) Entfremdung und bürgerlicher Kälte zu erzählen: Wenn der Hund das Kind der Hausangestellten beißt, reicht Schokolade gegen den Schmerz. Verunglückte Arbeiter bekommen einen Scheck ausgestellt.

Das Wort Empathie kann hier keiner buchstabieren.

Formal ist "Happy End" von unfehlbarer Genauigkeit; aufgeräumte Bilder vermitteln eine Klarheit, in denen sich oft erst bei genauerem Hinsehen die Ereignisse verschleiern. Nicht selten finden im Bildhintergrund Begegnungen statt, deren Bedeutung sich erst nach und nach erschließt.

Best-of-Haneke

Haneke zersplittert sein Familienalbum in kleine Erzählfragmente und setzt sie dann abrupt wieder zusammen. Er tut dies in großzügigen Verweisen auf den eigenen Werkkatalog, als eine Art "Best of Haneke": Von "Bennys Video" über "Caché" bis hin zu "Amour" finden sich Anspielungen und Eigenzitate, die aber nicht weitergetrieben oder zugespitzt werden – und das ist auch das Enttäuschende daran. Was die pessimistische Gesellschaftsdiagnose betrifft, ist er sich aber treu geblieben. Kein "Happy End" im Haneke-Universum.

INFO: F/Ö/D 2017. 107 Min. Von Michael Haneke. Mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant.

KURIER-Wertung:

Transfrau in Trauer

Gerade noch hat das verliebte Paar gemeinsam Geburtstag gefeiert, sich geküsst, geliebt und eine Reise geplant. Doch nur wenige Stunden später erleidet der Mann einen Schlaganfall und stirbt – und zurück bleibt seine deutlich jüngere Geliebte.

Sie heißt Marina Vidal. Und sie hat nicht nur mit dem Verlust ihres Freundes Orlando zu kämpfen, sondern auch mit der Tatsache, dass sie eine Transfrau ist und sich mit einer feindseligen Umwelt herumquälen muss.

Der in Argentinien geborene Chilene Sebastián Lelio hat sich bereits mit seinem dynamisch-gefälligen Frauenporträt "Gloria" ins Herz seines Publikums katapultiert und legt nun mit seiner "fantastischen Frau" nach. Lelio engagierte die tolle, chilenische Trans-Schauspielerin und Sängerin Daniela Vega und schneiderte ihr ein recht simples Szenario auf den Leib. Sorgfältig teilt er die Welt rund um seine Transfrau in Gut und Böse ein und buchstabiert Marinas widerständiges Verhalten als vorhersehbaren Konflikt-Parcours herunter.

Denn auf dem Weg ins Spital stürzt der geschwächte Orlando und verletzt sich, was umgehend die Behörden auf den Plan ruft. Sie demütigen Marina mit peinlichen Untersuchungen und fotografieren ihre Geschlechtsorgane. Auch die Familie des Verstorbenen reagiert weitgehend mit Feindseligkeit und bezeichnet Orlandos letzte Liebe als "Perversion". Natürlich will man Marina auch verbieten, am Begräbnis teilzunehmen. Kaum eine Szene, der nicht Betroffenheitsgestus und moralischer Aufruf eingeschrieben ist.

Zum Glück steht Daniela Vega dem Regisseur mit ihrer Schönheit und ergreifendem Spiel zur Seite: Sie macht Lelios Malen nach Zahlen absolut sehenswert.

INFO: Chile/E/D/USA 2017. 104 Min. Von Sebastián Lelio. Mit Daniela Vega, Francisco Reyes.

KURIER-Wertung:

Und der Panther von Dalí knurrte

Wenn "La Chana" tanzte, kamen alle, um sie zu sehen. Die "Königin der Zigeuner" ließ ihren Flamenco los und trommelte mit den Füßen in einem Tempo auf den Boden, dass den Zusehern Hören und Sehen vergingen. Salvador Dalí kam täglich und hatte seinen Panther dabei, der gefährlich zu knurren begann. Peter Sellars war so begeistert, dass er sie nach Hollywood importieren wollte. Alles Geschichten, die längst nur noch in der Erinnerung existieren – oder in alten spanischen Fernsehaufzeichnungen. Heute ist La Chana eine kurzatmige alte Dame mit geschwollenen Knien und schwacher Konstitution. Doch selbst im Sitzen können ihre Füße in wildem Stepptanz aufwirbeln.

In der charismatischen Doku von Lucija Stojevic lässt die Flamenco-Tänzerin ihren Werdegang aufleben, erzählt von ihren Erfolgen auf den Weltbühnen – und wie sie mit gebrochenen Rippen tanzte, weil ihr Mann sie verprügelte.

Stojevic bebildert diese Bekenntnisse mit fulminanten Schwarz-Weiß-Fotos und TV-Mitschnitten. Das Drama, das die Künstlerin in ihrem Tanz entfaltet, bekommt durch das private Desaster niederschmetternden Resonanzraum. Zwischen Innigkeit und sorgfältiger Distanz entwirft Stejcovic das zartfühlende Porträt einer Künstlerin, die sich ihren (traurigen) Erinnerungen ausliefert, während sie längst in ihrer selbstbestimmten Gegenwart angekommen ist.

INFO: ES/ISL/USA 2016. 85 Min. Von Lucija Stojevic. Mit Antonia Santiago Amador.

KURIER-Wertung:

Comeback-Versuch als Putzfrau

Der Plot ist an Justyna Polanskas Bestseller "Unter deutschen Betten" (2011) angelehnt. Polanska ist eine von dem deutschen Publizisten Holger Schlageter erfundene Kunstfigur, die als polnische Putzfrau von ihrem Alltag in deutschen Haushalten erzählt.

Und im Film? Da steht Veronica Ferres als ehemals erfolgreiche Schlagersängerin Linda im Mittelpunkt, die auf offener Bühne spektakulär abstürzt – mitsamt ihrer Karriere. Ihr Lebensgefährte, der gleichzeitig auch ihr Manager ist, lacht sich daraufhin ein jüngeres Sternchen an. Für einen Comeback-Versuch ist Linda zu allem bereit – auch zur Zusammenarbeit mit ihrer Putzfrau. Von ihr will sie unbemerkten Zugang zum Musikstudio des Ex-Lovers, um dort einen neuen Song aufzunehmen. Dafür verspricht sie, ihr beim Putzen zu helfen.

Veronica Ferres, das unverwüstliche Superweib des deutschen Films, tauscht daher die hochhackigen Lack-Schuhe gegen Latex-Handschuhe, das Abendkleid gegen Arbeitskittel. Sie wühlt im Müll und putzt Toiletten. Der Blick unter die deutschen Betten, den Linda in ihrem unfreiwilligen Putzfrauendasein riskiert, ermöglicht dem Regisseur, sich mit seinem Film in den Bereich unter der Gürtellinie zu begeben, der ja bekanntlich der kleinste gemeinsame Nenner des Humors ist. Auf diesem Niveau bewegt sich leider ein wesentlicher Teil des Films, der im Grunde genommen eine recht sympathische Geschichte mit durchaus sympathischen Schauspielern erzählt.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: D 2017, 100 Min. Von Jan Fehse. Mit Veronica Ferres, Simon Schwarz.

KURIER-Wertung: