Günter Wallraff: Sein Leben, seine Enthüllungen

Günter Wallraff ist Schriftsteller, Enthüllungsjournalist und längst kein Unbekannter mehr. Für seine Reportagen über schlechte Arbeitsbedingungen in Großkonzernen und andere verdeckte Ermittlungen schlüpfte er in die unterschiedlichsten Rollen. Schwedische Lexika führen sogar das Verb "vallraffen" als Bezeichnung für "verdecktes Arbeiten zur Aufdeckung von Machenschaften". Im Oktober vergangenen Jahres drohte ihm ein Prozess wegen Steuerhinterziehung und Beihilfe zum Sozialbetrug. Weiters soll Wallraff auch noch für eine Reportage eidesstattliche Versicherungen manipuliert haben. Der Kurier berichtete. Die meiste Zeit seines Lebens war Wallraff jedoch damit beschäftigt, Ungerechtigkeiten ans Tageslicht zu bringen: Ein Einblick in sein Leben und seine Enthüllungen. In den 1960er-Jahren war der deutsche Schriftsteller und  Enthüllungsjournalist Günter Wallraff bei dem Stahlwerk Thyssen beschäftigt und schrieb erste Reportagen, in denen er Einblicke in die industrielle Arbeitswelt gab. Bald darauf hängte sein Steckbrief in allen wichtigen Chefetagen und Personalbüros Deutschlands. Aber Wallraff wechselte Identitäten wie andere die Unterhosen. 1969 erschien sein Buch "13 unerwünschte Reportagen" in denen er beispielsweise in die Rolle eines Alkoholikers in einer psychiatrischen Klinik, eines Obdachlosen, eines Studenten auf Zimmersuche sowie eines potenziellen Napalmlieferanten für die US-Armee schlüpfte. 1974 kettete sich Wallraff an einen Laternenmast in Athen, um gegen die griechische Militärdiktatur zu protestieren. Die Geheimpolizei sperrte ihn ein und folterte ihn. Nach dem Zusammenbruch der Militärdiktatur kam er frei und veröffentlichte seine Erfahrungen in dem Buch "Unser Faschismus nebenan. Griechenland gestern – ein Lehrstück für morgen". 1976 lernte er in der Rolle eines Waffenunterhändlers den portugiesischen Staatspräsidenten General Spínola kennen, der gerade einen Putsch plante. Doch bevor Spínola seinen Plan in die Tat umsetzen konnte, veröffentlichte Wallraff die Details darüber in einer Pressekonferenz. Ende der 1970er-Jahre arbeitete er bei der Bild-Zeitung als Redakteur und schilderte in dem Bestseller "Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war" die unsauberen Recherchemethoden des Blattes. "Das war meine größte Schmutzrolle, die mich beschädigt hat und in der ich mich schrecklich verleugnen musste, wie bei einer freiwilligen Gehirnwäsche", erzählt Wallraff über seine Zeit bei der Bild-Zeitung. Die Axel Springer AG verklagte Wallraff mehrmals. 2010 sprach sich der aktuelle Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner jedoch öffentlich gegen die Art und Weise aus, wie die Bild-Zeitung Mitte der 1970er Jahre mit dem Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff umgegangen ist. Eine späte Wiedergutmachung... Seine wohl berühmteste Rolle ist die des türkischen Gastarbeiters Ali. Seine äußerst negativen Erfahrungen, vom Umgangston bis hin zur Verletzung von grundlegenden Arbeitsschutzregelungen, verarbeitete er in dem Millionen-Seller "Ganz Unten" (1985), der in 33 Sprachen übersetzt und 1986 verfilmt wurde. "Da mussten wir den Giftstaub geradezu fressen", erinnert sich Wallraff, der seine Zeit als Ali zwar als gesundheitsschädlich, aber auch psychisch aufbauend bezeichnet. "Ich gehörte dort zu einer Solidargemeinschaft." Auch politisch engagierte sich Wallraff immer wieder.  1991 reist er nach Israel. 1996 traf er sich mit dem PKK-Führer Abdullah Öcalan, um mit ihm über die Freilassung eines zu Tode verurteilten kurdischen Dissidenten zu sprechen. In den 1990ern recherchierte Wallraff auch als iranischer Arbeiter in Japan und sorgte dort medial für Aufregung. Der häufige Identitätenwechsel hat Wallraff aber auch Spaß gemacht. Er sei früher sehr introvertiert gewesen und habe sich nun zu einem aktiven und sozial engagierten Menschen gewandelt. Seit 2007 schreibt Günter Wallraff für das Zeit-Magazin Leben, wo er unter anderem in einem Call Center recherchierte und sich mithilfe eines Maskenbildners 16 Jahre verjüngen musste, da dort keine "älteren Menschen" eingestellt werden. Im November folgte die ZDF-Doku "Bei Anruf Abzocke", die die widrigen Umstände in dem Unternehmen thematisierte. Die zweite Reportage dieser Art war der Bericht über die Großbäckerei Weinzheimer. Der Betrieb wurde geschlossen. Nun wird Wallraff allerdings selbst kritisiert. Ein ehemaliger Mitarbeiter, den Wallraff jahrelang schwarz bezahlt haben soll, berichtete, dass sie für diese Reportage eidesstattliche Versicherungen in Zusammenhang mit der Bäckerei bearbeitet und Unterschriften von Mitarbeitern gefälscht hätten. Dem deutschen Enthüllungsjournalisten droht jetzt nicht nur ein Steuerstrafverfahren, er soll auch Dokumentenfälschung begangen haben. André Fahnemann, der als Wallraffs persönlicher Assistent tätig war, hatte sich beim Finanzamt selbst angezeigt und damit das Verfahren ins Rollen gebracht. Günter Wallraff als Somalier Kwami Ogonno war 2009 in Deutschland mit einem Kamerateam unterwegs und erlebte tagtäglich latenten Rassismus. 2011 wurde die Sendung auf ARTE ausgestrahlt. Dafür erntete er allerdings auch heftige Kritik. Die schwarze Autorin Noah Sow kritisierte diese Aktion unter anderem mit den Worten: "Er äfft unterdrückte Minderheiten nach und erntet damit Geld, Aufmerksamkeit und sogar Respekt." Die Methode selbst, so kritisiert die Süddeutsche Zeitung, sei rassistisch. Wallraff betreibe "weniger eine Anklage gegen den Rassismus als eine Inszenierung seiner eigenen Vorurteile". Wallraff mit seinem 2009 erschienen Buch "Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere." 2010 kämpfte Wallraff in Istanbul für die Freilassung des deutsch-türkischen Autors Dogan Akhanli, der bei seiner Einreise in die Türkei wegen bewaffnetem Raubüberfall und Mordes festgenommen wurde. Akhanli bestritt jegliche Verwicklung in das Verbrechen und bezeichnete die Anklage als politisch motiviert und konstruiert. Am 12. Oktober 2011 wurde Akhanli in Istanbul aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Im Juni demonstrierte Wallraff gemeinsam mit rund 80 Paketzustellern gegen die Arbeitsbedingungen in deren Branche. Er habe Hunderte Elendsberichte und Hilferufe von Fahrern erhalten, sagte Wallraff.
(kurier) Erstellt am
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