Kultur
27.04.2017

"Guardians of the Galaxy Vol. 2": Superheld mit Papa-Problem

Der Retro-Schmäh der Fortsetzung kann mit dem Original nicht mithalten.

Das berühmte zweite Album ist immer das Schwierigste, umso mehr, wenn das erste mit Jubel überschüttet wurde. Auch " Guardians of the Galaxy Vol. 2" hatte mit diesem Problem zu kämpfen – und eindeutig verloren.

Als die "Ober-Idioten der Galaxy", wie sie sich selbst nannten, im Jahr 2012 als Superhelden-Scherzartikel aus dem Marvel-Comics-Universum sprangen, rissen sie das Publikum vom Sessel. Mit frischer Selbstironie und einem hüftschwingenden Retro-Soundtrack aus den 70er-Jahren erheiterten sie das ansonsten eher bierernste Universum der Superhelden.

Doch schon der Musik-Schmäh funktioniert in der Fortsetzung längst nicht mehr so gut: Die seltsame Oldies-Playlist zwischen "My Sweet Lord" und "Wenn der Teekessel singt" (aka "Father and Son") kann oft nur mühsam die Löcher im Erzählverlauf stopfen. Ganz abgesehen davon, dass die wirre Handlung etwas bedürftig daher kommt. Immerhin gibt sie Anlass für lustige Sketchabfolgen, die im fantasievollen Sci-Fi-Setting zwischen Sitcom-Humor und Actionlärm wechseln. Chris Pratt als bubenhafter Superheld Peter Quill und Zoe Salanda als grüngesichtige Kämpferin Gamora teilen sich ihren Leinwandauftritt mit Waschbär Rocket ("Ich bin kein Waschbär"), dem vierkantigen Muskelmann Drax und Baby-Groot, einem herzigen Baummännchen mit dem IQ einer Holzkluppe.

Der vollmundige Waschbär ist es auch, der eine von zahlreichen Verfolgungsjagden auslöst. Er stiehlt einer goldfarbenen Priesterin wertvolle Weltall-Batterien und provoziert dadurch eine wilde Actionsequenz. Doch selbst im Angesicht großer Gefahr bleibt der Tonfall betont flockig-locker: Die Größe der "Häufchen" (später des Penis’) wird diskutiert, die sich Rocket und Peter Quill wechselseitig ins Bett legen wollen. Ringsum explodieren die Flugzeuge. Da wird selbst Gamora sauer: "Wir werden wahrscheinlich gleich sterben und worüber redet wir? Häufchen!"

Schlingpflanze

Ja, kaum zu glauben. Aber manchmal landen die Wortwitze auch ganz gut. Kurt Russell hat einen bemerkenswerten Auftritt als Gott ("Ich bin ein Gott mit kleinem ,g‘") und könnte eventuell Peter Quills Vater sein. Er nennt sich Ego – Nomen est omen – und ladet Peter und Gamora auf seinen bizarren Planeten ein. Dort sieht es aus wie im psychodelischen Drogenrausch: Blubbernde Discokugeln explodieren, die farbenfrohe Inneneinrichtung im Schlingpflanzenstil besticht durch eine Mischung aus exotisch und billig.

All dem forcierten Actionspaß liegen Ernst gemeinte Themen zugrunde. Deine Familie sind die Freunde, die du dir aussuchst, zum Beispiel: Trotz aller Papa-Probleme, die reihum bei den Protagonisten aufpoppen. Diese Froh-Botschaft setzt sich letztlich gegen die biologischen Erzeuger durch und singt das Loblied der Ersatzfamilie. Selbst Peter Quills Ziehvater, dem schurkischen Blaugesicht Yondu, wird vergeben. Zuerst von Peter, der Yondu mit dem Vorwurf verblüfft, er habe ihn als Kind immer mit dem Auffressen gedroht ("Das war doch nur Spaß!"). Dann von Sylvester Stallone persönlich, dem für seinen salbungsvollen Kurzauftritt als Ravager-Anführer wohl ein fetter Marvel-Scheck gewunken hat.

So kommt, mit dem Erfolg des ersten Teils im Rücken, "Guardians of the Galaxy, Vol. 2" breit grinsend auf uns zu – und liefert dann doch nur den halben Spaß.

INFO: USA 2017. 136 Min. Von James Gunn. Mit Chris Pratt, Zoe Saldana.

KURIER-Wertung:

Mädchen in Schuluniform zwischen Coming-of-Age und Coming-Out

Autofahrstunde auf dem Feld. Zwei Mädchen hinter dem Steuer, Paula und Charlotte: Die eine kann fahren, die andere nicht. Am Ende die Verabschiedung. Paula beugt sich zu Charlotte, reißt sie an sich und küsst sie.

Oder zumindest stellt sie sich das vor. Tatsächlich aber verabschiedet sie sich etwas verlegen und steigt aus.

Zwischen Wirklichkeit und Möglichkeitssinn inszeniert die junge Regisseurin Monja Art ihr zartbesaitetes Coming-of-Age-Drama im Internat von Wiener Neustadt. Mädchen und Burschen tragen Schuluniform und hören Wanda, lesen Proust auf Französisch und haben Sex auf dem Klo. Das Begehren fluktuiert. Paula ist in Charlotte verliebt, aber die Situation ist kompliziert.

Nicht, weil es sich dabei um zwei Mädchen handelt; Monja Art erzählt in ihrem Langspielfilmdebüt Frauenliebe als völlig unaufgeregte Tatsache.

Die Gefühlslagen befinden sich in Fluss, Perspektiven werden ausgelotet: Paula schläft mit einem Schulkollegen, um herauszufinden, wie es sich anfühlt. Er ist verliebt– sie nicht. Dafür durchschaut Paula nicht, was ihre sexuell umtriebige Klassenkameradin Lilli von ihr will. Handelt es sich um echte Zuneigung? Oder doch nur um eine erotische Versuchsanordnung mit dem Ziel, die Annäherung zwischen Paula und Charlotte zu hintertreiben?

Mit leichter, aber sicherer Hand skizziert Monja Art die große Überempfindlichkeit des Moments: flüchtige Berührungen werden als Sensationen erlebt, Freundschaften auf den Prüfstein gestellt, Herzen gebrochen. Coming-of-Age und Coming-Out fallen in ein jugendliches Experimentierfeld zwischen Provinzfadesse und dem Freiheitsversprechen des Erwachsenwerdens.

INFO: Ö 2017. 109 Min. Von Monja Art. Mit Elisabeth Wabitsch, Anaelle Dézsy, Christopher Schärf.

KURIER-Wertung:

Nobelpreisträger erlebt die Rache der Provinz

Ein Literat und Nobelpreisträger namens Daniel Montovani, dessen kreative Quellen am Versiegen sind, besucht nach Jahrzehnten der Abwesenheit sein argentinisches Heimatkaff. Die Dorfbewohner empfangen ihn anfänglich mit offenen Armen, doch je länger er verweilt, desto schärfer treten die Diskrepanzen hervor. Umso mehr, als der Schriftsteller das Provinzleben und seine Skurrilitäten als literarische Vorlage benutzte und sich damit nicht nur Freunde machte.

Das Regie-Duo Gastón Duprat und Mariano Cohn setzt seinen misanthropen Helden zunehmend grotesken Situationen aus : so muss Montovani desinteressierten Radiojournalisten zwischen zwei Werbepausen ein Interview geben oder die Gemälde eines Amateurmalklubs bewerten. Gegen Ende hin jedoch stumpft der Witz der Satire in einer unerwarteten Wendung etwas ab.

INFO: ARG/E 2016. 118 Min. Von Gastón Duprat, Mariano Cohn. Mit Oscar Martínez.

KURIER-Wertung:

Getanzte Utopie zur Musik von Beethoven

In ihrem Film „Dancing Beethoven“ hat die spanische Regisseurin Arantxa Aguirre das Zustandekommen eines der atemberaubendsten Tanzstücke des 20. Jahrhunderts festgehalten: Gemeinsam mit dem Tokyo Ballett und dem Israel Philharmonic Orchestra - unter der Leitung des Star-Dirigenten Zubin Metha - wurde Maurice Béjarts legendäre Choreographie von Beethovens 9. Symphonie rekonstruiert.

Es ist knapp zwei Jahre her, seit es im überfüllten Eisstadion von Lausanne zuging wie in einem Pop-Konzert. Der Name Béjart füllte auch nach seinem Tod die Zuschauer-Tribünen. Der 2007 verstorbene Choreograf war ein Meister des Stilmix – er wusste, wie Ballett nicht nur bewegen, sondern auch unterhalten kann und scheute dafür auch vor großen Gefühlen und Kitsch nicht zurück.

Anfang der 1960er-Jahre hatte er in Havanna junge schwarze Tänzern gesehen, die ihn zu einem Ballettabend für universelle Nächstenliebe inspirierten. Nach Beethovens Musik und getanzt von Menschen verschiedener Ethnien. Béjarts Originalchoreografie, deren Rekonstruktion dieser Film begleitet, wurde zuletzt 1999 vom Ballett der Pariser Oper aufgeführt.

„Alle Menschen werden Brüder“, heißt es in Schillers „Ode an die Freude“, die Beethoven in seiner 9. Symphonie vertonte und die inzwischen zur Europa-Hymne wurde. In Zeiten von Flüchtlingsströmen und Fremdenhass wird „Dancing Beethoven“ zur getanzte Utopie. Ein Film nicht nur für Ballett-Fanatiker.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: CH/ES 2016. 79 Minuten. Von Aranxia Aguirre. Mit Malya Roman, Julien Favreau.

KURIER-Wertung: