Grandioses Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt für "Sommergäste" – sofern man nicht in den ersten Reihen sitzt

© SF/Monika Rittershaus

Kultur
08/01/2019

Gorkis "Sommergäste" in Salzburg: Vorstadtweiber auf Urlaub

Gesellschaftskritik, die nicht weh tut: Evgeny Titov inszenierte für die Salzburger Festspiele Maxim Gorkis „Sommergäste“

von Thomas Trenkler

Die Salzburger Festspiele halten ihrem Publikum den Spiegel vor. Nicht nur, wie jedes Jahr, mit einem Läuterungsdrama, das für jedermann gilt, sondern heuer dezidiert – im Schauspiel. Wenn Jörg Hartmann aus dem Saal auf die Bühne tritt, um für „Jugend ohne Gott“ in die Rolle des lange Zeit opportunistischen Lehrers zu schlüpfen, darf jeder grübeln, wie er sich in der NS-Zeit verhalten hätte. Den Mut zum Widerstand haben eben nur wenige.

Noch viel brutaler halten die Festspiele ihren Sommergästen den Spiegel mit einem Stück von Maxim Gorki vor, das am Mittwoch als Eigenproduktion auf der Pernerinsel von Hallein Premiere hatte: Ein bürgerlicher Freundeskreis, darunter drei Ehepaare, macht gemeinsam Urlaub. Die Beziehungen sind zerrüttet, statt Sterne in Athen gibt es Schnaps in Sankt Kathrein.

Der Sinn des Lebens erschöpft sich für die Männer darin, dieses in vollen Zügen zu genießen. Gehungert habe man genug in der Jugend, wie es der Ingenieur Suslow einmal auf den Punkt bringt: Nun will man gut essen, gut trinken – und gut ficken. Dies gelte nicht nur für ihn, sondern für alle, schließlich sei er ein gewöhnlicher Mensch, ein Jedermann. Von Läuterung hält er natürlich nichts.

Die Frauen hingegen wollen nicht nur Jungfrau oder Nutte sein dürfen. Warwara, Ehefrau des Rechtsanwalts Bassow, übt wiederholt Kritik an der Welt der Männer, und über die leidende Ärztin Marja gibt Gorki der herrschenden Schicht den Auftrag mit: „Wir müssen uns ändern!“

 

 

Dass sich der Festspielbesucher angesprochen fühlen soll, macht Raimund Orfeo Voigt mit seinem wuchtigen Bühnenbild, einem Festspielhaus im Querschnitt, klar. Es gibt Gänge mit Treppen, viele Lamellen und ein Pausenfoyer mit hohen Fenstern, alles gediegen aus Holz. Dieser Konzertsaal könnte irgendwo in Russland stehen und er stammt, wie der gemusterte Teppichboden verrät, aus den 70er-Jahren. Vom Prinzip her ähnelt die Konstruktion jener, die Voigt am Josefstädter Theater für „Der einsame Weg“ anwandte: Wie bei einem Pater Noster, nur in der Horizontalen, schieben sich die Architekturteile allmählich nach links – und rechts folgen neue ins Blickfeld.

Mateja Koležnik, deren eiskalte Schnitzler-Interpretation im November 2018 Premiere hatte, hätte auch Gorkis „Sommergäste“ – wie „Der einsame Weg“ 1904 uraufgeführt – inszenieren sollen. Doch sie musste krankheitsbedingt absagen. Evgeny Titov, der in Salzburg debütierende Einspringer aus Kasachstan, musste also die dominante Bühne wie das Ensemble übernehmen. Und er übernahm wohl auch – in Ansätzen – das Regiekonzept.

Kein Honigschlecken

Er machte seine Sache gut. An die Nieren aber ging der Abend leider nicht. Vielleicht auch deshalb, weil die extreme Strichfassung kaum Möglichkeiten für die Entfaltung der Charaktere bot. Nicht einmal Sergej, im Original eine große Plaudertasche, darf geschwätzig sein.

Wie in einer Soap jagen einander die Pointen, man fühlt sich gar (nicht wegen Gerti Drassl) an die „Vorstadtweiber“ erinnert: Smalltalk mit Prosecco in der Hand, die Damen elegant von Andrea Schmidt-Futterer eingekleidet. Ein Pärchen knutscht, alle tanzen ekstatisch zur Techno-Musik, die Männer saufen und verlieren ihre Contenance, sie torkeln bloßbeinig oder mit nacktem Oberkörper. Jammerlappen betteln um Liebe und erhalten eine Abfuhr, einer schießt sich in den Bauch, niemand hilft. Mittendrin Martin Schwab als alter Mann, der nichts hat außer einem Sack voll Geld. Auch reich sein ist kein Honigschlecken. Und der umgarnte Dichter weiß, dass er seine Leser verloren hat.

 

Die drei Ehepaare passen so gar nicht zusammen (vom Niveau wie von der Physionomie her), aber das steigert das Tragikomische. Dagna Litzenberger Vinet z.B. verabscheut als immerzu tänzelnde Julija ihren sabbernden Pjotr (Sascha Nathan) – und dennoch: am Schluss machen die beiden, wie auch Olga und Kirill, einfach weiter. Sie sitzen in der Bequemlichkeitsfalle.

Nur Warwara, die Dame in Rot (Genija Rykova), wird ihren sexistischen Sergej (Primož Pirnat) verlassen. Der 130 Minuten lange Abend wurde eifrig beklatscht. Der ORF würde sogleich mit dem Sequel beginnen.