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Interview
12/16/2019

"Glück gehabt" mit Larissa Fuchs und Julia Roy: Keine nette Weihnachtskomödie

Die Hauptdarstellerinnen im Gespräch über ihren Kinofilm, eine Frauenquote und den Wiener Humor.

„Untersuchung an Mädeln“ lautete der Titel des ersten Spielfilms, mit dem der österreichische Regisseur und Drehbuchautor Peter Payer im Jahr 1999 auf sich aufmerksam machte. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Albert Drach drehte Payer eine bitterböse Satire über zwei Autostopperinnen, die einen Mann töten, weil er sie – wie sie sie später vor Gericht aussagen – vergewaltigt hatte. Doch der Untersuchungsrichter lässt sich davon nicht „beirren“. Weil die beiden einen schlechten Ruf haben, sind sie für ihn „Mörderinnen“.

Der großartige österreichisch-jüdische Schriftsteller Albert Drach (1902–1995) prangerte in seiner Literatur immer wieder die „Welt der Vorurteile“ an, in der Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer sozialen Stellung oder ganz einfach nach vorherigem Rufmord schuldig gesprochen werden. Dass er mit seiner „Untersuchung an Mädeln“ zu Filmehren kam, ist eindeutig ein Verdienst von Peter Payer.  

Abgründiger Psychothriller

Zwanzig Jahre nach seinem Filmerstling steht Payers neueste Auseinandersetzung mit „Mädeln“ ganz offensichtlich im Zeichen von #MeToo. In seinem neuesten Werk „Glück gehabt“ (ab 20. Dezember im Kino) agieren zwei Frauen, die im 21. Jahrhundert angesiedelt sind. Und wieder gibt es eine literarische Vorlage, auf der der Film basiert: Auf dem schwarzhumorigen Roman „Das Polykrates-Syndrom“ des Wahlwieners Antonio Fian.

Die dämonischen Blicke, die der Autor über die Sexszenen und blutrünstigen Handgreiflichkeiten seiner Protagonisten streifen lässt, sind in Peter Payers Filmversion weniger drastisch. Aber was als komödiantische Dreiecksgeschichte beginnt, entwickelt sich auch im Laufe der Filmhandlung zu einem abgründigen Psychothriller.

Philipp Hochmair spielt den Lehrer Artur, der sich als Nachhilfelehrer und mit einem Copyshop-Job gerade halt über Wasser hält, während seine Ehefrau Rita vor einem Karrieresprung steht. Sie soll Direktorin der Schule werden, in der sie arbeitet. Als die junge Alice in diese nicht immer harmonische Zweisamkeit platzt, kommt Arturs Leben ins Schleudern. Sexuell wie emotional.

Der KURIER hat die beiden Schauspielerinnen, die hinter den Rollen von Rita und Alice stehen und dem Film ihre persönliche Note verleihen, getroffen: Die in Frankreich bereits höchst erfolgreiche österreichisch-französische Schauspielerin Julia Roy (Alice) und die Deutsch-Russin Larissa Fuchs – mit jüdischen Wurzeln, wie sie betont. Sie ist Ensemblemitglied des Berliner Ensembles und hat bisher mit Regisseuren wie Luc Bondy, Peter Stein, Thomas Langhoff, Claus Peymann und Andrea Breth zusammengearbeitet. Nach Österreich gezogen ist sie aus privaten Gründen. Sie lebt hier in einer fixen Partnerschaft mit dem Film- und Burgschauspieler Johannes Krisch.

KURIER: Bei „Glück gehabt“ hat man von Anfang an den Eindruck, dass der Mann, den Philipp Hochmair spielt, zwischen zwei starken Frauen zerrieben wird …

Larissa Fuchs: Bei Rita, die ich spiele, stimmt das auf jeden Fall. Sie weiß genau, was sie will und hat all das erreicht, was man angeblich braucht: einen Mann, eine eigene Karriere, ein Haus, Geld – und letztendlich auch ... Aber mehr will ich nicht sagen, sonst verrate ich den Schluss.

Julia Roy: Was die Frau, die ich spiele, betrifft, so schaut es zumindest so aus, als hätte sie genaue Vorstellungen von dem, was sie will. Und offenbar ist es auch es kein Problem für sie, sich alles ungeniert zu nehmen – auch die Männer (lacht).

Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen Julia Roy privat und Alice im Film?

Roy: Im wirklichen Leben würde ich mich nicht mit einem Mann einlassen, der verheiratet ist. Das wäre ein Problem für mich. Ich kenne zwar Frauen, die gerade dann an jemandem interessiert sind, wenn er nicht zu „haben“ ist, aber solche Affären, die man „verstecken“ muss, sind eher als Abenteuer gedacht und nicht als länger dauernde Beziehung. Zumindest meiner Meinung nach.

Fuchs: Da kann ich aus meiner Erfahrung etwas anderes sagen. Denn eine Heirat ist ja im Grunde nicht mehr als eine Unterschrift auf einem Vertrag. Ich lebe seit einiger Zeit mit einem verheirateten Mann – und das hindert uns nicht daran, zusammen zu sein. Ich sehe das auch nicht als Problem – zumindest bei mir nicht. Bei uns ist alles ausgesprochen und wir spielen mit offenen Karten. Und wenn in einer solchen Beziehung alle ehrlich zueinander sind, dann kann der ursprüngliche Vertrag seine Bedeutung verlieren. Aber ich respektiere, dass du dazu eine andere Meinung hast. Zumindest derzeit noch (lacht).

Das Thema „Frauen im Film“ wird heute mehr denn je diskutiert. Es gibt den Anspruch von Filmemacherinnen, für die Vergabe von Filmförderungsmitteln eine Frauenquote einzuführen. Wie stehen Sie dazu?

Fuchs: Kunst – und dazu zählt der Film – nur nach Quoten zu regeln, finde ich nicht richtig. Auch wenn ich sehr dafür bin, dass Frauen gefördert werden, sollte dabei trotzdem die Qualität des Produkts im Vordergrund stehen. Wenn ein Drehbuch gut ist, sollte es egal sein, ob es von einer Frau, einem Mann oder von einem Kind geschrieben wurde. Qualität UND Quote sollten gleichermaßen bestimmend sein. Wenn die Quote mehr zählt, dann könnte das ja zur falschen Annahme führen, dass Frauen weniger Qualität liefern als Männer. Und das sehe ich ganz und gar nicht so! Uns geht es doch um die Geschichten – und die sollen gut sein.

Roy: Aber die Tatsache, dass es heute im Film viel mehr Frauen gibt, als früher, das hat schon damit zu tun.

Fuchs: Gute Filme machen konnten Frauen auch schon vor der Quoten-Diskussion. Aber es stimmt natürlich, dass es im Filmgeschäft – wie in jeder anderen Berufssparte – Männerseilschaften gab und gibt, die man durchbrechen muss. Aber ob Frauenseilschaften die richtige Gegenstrategie sind, bezweifle ich. Auf jeden Fall bleibt aber die Tatsache, dass filmemachende Frauen, die neben ihrer Arbeit oft auch Kinder zu betreuen haben, vielmehr Aufgaben gleichzeitig managen müssen. Aber ich glaube, wir können das alles – wahrscheinlich viel besser als Männer.

Um auf den Film „Glück gehabt“ zurückzukommen: Er wird als schwarze Komödie angekündigt, wobei man allerdings als Zuschauer einige Zeit warten muss, bis sich gegen die Schwärze der Geschichte die Komödie durchsetzt. Ging das schon aus dem Drehbuch hervor?

Roy: Ich habe selten so lachen müssen wie beim ersten Lesen des Drehbuchs. Schwarzer Humor und Sarkasmus sind so ganz meine Wellenlänge. Eine nette Weihnachtskomödie ist der Film jedenfalls nicht. 

Fuchs: Ich würde den Film als „Genre-Buffett“ bezeichnen. Denn wir bieten nicht nur eine schwarze Komödie, sondern auch Thriller-Effekte und Erotik – und dazu auch eine Liebesgeschichte.

Roy: Du findest den Film auch erotisch? (lacht)

Fuchs: Ja, weil du auch alles zeigst, was dein wunderschöner Körper zu bieten hat. Erotische Szenen im Jogging-Anzug gibt es ja kaum (beide lachen).

Sind erotische Szenen schwierig zu spielen?

Roy: Es ist immer schwierig, wenn eine ganze Film-Crew dasteht und man nackt sein muss. Ich finde, man ist eh schon ausreichend nackt als Schauspielerin – in dem Sinne, dass man immer auch viel von sich selbst hergeben muss, damit eine Figur emotional spürbar wird. Seele zu zeigen und sich dazu auch noch auszuziehen ist ein bisschen viel und mir sehr unangenehm. Aber in diesem Film fand ich es tatsächlich vom Drehbuch her gerechtfertigt, weil es auch eine lustige Szene ist. Ansonsten mache ich Nacktszenen grundsätzlich nicht. In diesem Fall war auch der Regisseur, Peter Payer, sehr beschützend.

Man sagt, dass die Form der „schwarzen Komödie“ eine Wiener Spezialität ist. Wie stehen Sie zum Wiener Humor?

Fuchs: Für mich als „Nationalitätenmischung“ funktioniert der Humor sehr gut, aber ich würde ihn tatsächlich nach Wien verorten. Wie man hier miteinander redet, wie man zugleich verletzend und nett sein kann, das habe ich woanders so noch nicht gehört. Und das spiegelt sich auch in den Dialogen wider: „Liebst du mich nicht mehr?“ „Wieso?“ „Weil du vergessen hast, das Essen zu salzen.“ Da muss man auch nichts mehr dazusagen. Das ist für mich das, was ich unter „Wienerisch“ verstehe (lacht).

Und erleben Sie solche Gespräche auch im Alltag?

Fuchs: Als ich zum ersten Mal nach Wien kam – das war mit einem Gastspiel des Berliner Ensembles – da habe ich eine Frau nach dem Weg gefragt. Ihre Antwort war: „Warum kaufen Sie sich keine Karte?“

Roy: Das hat so etwas vom Humor der Woody-Allen-Filme. Offenbar hat der Wiener Humor seine Wurzeln im jüdischen Humor. Und wir wissen, dass rund um den Zweiten Weltkrieg viele jüdische Künstler fliehen mussten – und da haben sie offenbar auch diesen spezifischen Humor in die USA gebracht, weshalb man sich in Wien manchmal wie in Woody Allens New York fühlt.

(von Gabriele Flossmann)

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