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Kultur Geschichten mit Geschichte
10/06/2019

Der Wiener Schmäh wird nie untergeh’n

Alles aus Neugier. Serie Teil 1. Aus dem neuen Buch von Georg Markus: Die Geschichte des österreichischen Humors.

von Georg Markus

Eine Frau war gestorben. An ihrem offenen Grab stand ihr Gatte neben dem Hausfreund. Der Hausfreund war völlig gebrochen und weinte fassungslos. Schließlich legte der Gatte tröstend seinen Arm um die Schulter des anderen und meinte: "Nimm’s nicht so schwer. Ich werde sicher noch einmal heiraten!“

Den österreichischen Humor in der Form, wie wir ihn heute kennen, gibt es seit knapp 200 Jahren, beginnend mit Johann Nestroy. Sein Satz "Die Phönizier haben das Geld erfunden – aber warum so wenig?“ würde jedem modernen Kabarett ebensolche Lacher bescheren wie seinerzeit.

Hier einige bedeutende Satiriker und Beispiele ihres Humors.

Karl Kraus: Der Wiener wird nie untergeh’n, sondern im Gegenteil, immer hinaufgehen und sich’s richten.

Egon Friedell: Gott nimmt die Welt nicht ernst, sonst hätte er sie nicht schaffen können.

Alfred Polgar: Es hat sich bewährt, an das Gute im Menschen zu glauben, aber sich auf das Schlechte zu verlassen.

Fritz Grünbaum: Auf einen Mann, der Geschichte macht, kommen mindestens tausend Frauen, die Geschichten machen.

Karl Farkas: Gott hat aus dem Chaos die Welt erschaffen, und wir haben aus der Welt ein Chaos gemacht.

Helmut Qualtinger: Das Problem für jeden Wiener: Man kann es in Wien nicht aushalten. Aber woanders auch nicht.

Neben diesen und anderen Großen des Wiener Humors haben sich die "kleinen Leute“ ihren eigenen Schmäh geschaffen: den Witz – und mit ihm eine Reihe von Witzfiguren. Da wäre einmal der Altgraf Bobby:

Am Opernring begegnet Graf Bobby einem Dienstmann, der keuchend auf dem Rücken eine große Standuhr schleppt. Bobby bleibt kopfschüttelnd stehen, sieht den Dienstmann mitleidig an und geht auf ihn zu. „Sie, lieber Herr“, sagt er und zeigt auf seine Armbanduhr, "schaun S’ amal her – das müssen S’ sich kaufen! Das is’ praktisch!“

Als Vorbild für den Grafen Bobby soll ein Graf Salm gedient haben.

Zum ehernen Bestand unter Österreichs Witzfiguren zählt auch die neureiche Frau Pollak, die parvenühaft und ungeübt im Gebrauch von Fremdwörtern als Quelle immer wieder neuen Gelächters lebendig bleibt:

"Stellen Sie sich vor, Frau Pollak, in New York wird alle fünf Minuten ein Mann überfahren!“

"Mein Gott, der Arme!“

„Führer“-Witze

In den Jahren des „Dritten Reichs“ zählten Witze zu den wenigen Waffen des „kleinen Mannes“ gegen den allgegenwärtigen Staatsterror. Doch wer einen regimekritischen Witz erzählte, dem drohten Gefängnis, Konzentrationslager und in letzter Konsequenz die Todesstrafe.

Der „Führer“ betrachtet trübe sein Bild, das an der Wand hängt. „Was wird wohl mit uns beiden nach dem Krieg geschehen?“

„Ganz einfach“, antwortet das Bild. „Mich nehmen sie herunter und dich hängen sie auf!“

Im Juli 1946 kehrte Karl Farkas wie andere Emigranten nach den bitteren Jahren des Exils aus den USA zurück in die Heimat, bald trat er auch wieder im „Simpl“ auf. Als Erstes gedachte er seines Freundes und Doppelconférence-Partners Fritz Grünbaum, der in Dachau ermordet worden war.

Farkas konnte mit seinen Conférencen an die Tradition anknüpfen, die 1938 gewaltsam unterbrochen wurde: „Wenn ich Geld sage, meine ich damit jene Materie, die auf dem Weg zum Finanzamt flüchtig unsere Finger streift .“

Für kritisches Kabarett war Karl Farkas weniger zuständig, dieses Genre wurde in den Nachkriegsjahren von einem neuen, jungen Ensemble um Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger übernommen. Ihr erstes Programm „Brettl vor’m Kopf“ hatte 1952 Premiere, mit dabei war bereits einer der größten Hits aus Bronners Feder: „Der g'schupfte Ferdl“. Im Fernsehkabarett „Spiegel vor’m G’sicht“ folgte sechs Jahre später das Chanson „Der Papa wird’s schon richten“.

Auch von Helmut Qualtinger stammen mehr Texte als man allgemein annimmt: „Seitdem es Flugzeuge gibt, sind die entfernten Verwandten auch nicht mehr das, was sie einmal waren.“

Und nach Qualtingers Tod im Jahr 1986 geschah, was er vorausgesagt hatte: „In Wien musst erst sterben, damit s’ dich hochleben lassen, aber dann lebst lang.“

Die Spitzbuben

Eine ganz andere Form des Humors bekam man jahrzehntelang von den „Spitzbuben“ zu hören. Es war bei Gott nicht die intellektuelle Tour, mit der sie ihr Publikum unterhielten, aber es kam in Strömen und machte das Trio zur Wiener Institution: „Kommt ein Mann in eine Trafik und sagt: „Bittschön eine 60-Schilling-Stempelmarke. Aber radieren Sie den Preis aus. Es soll nämlich a Geschenk sein.“

Fritz Muliar leitete ab den 1960er-Jahren eine Renaissance des jüdischen Witzes ein: Zum Rebben kommt ein Mensch und fragt ihm: „Rebbe – ich weiß, ma darf am Schabbes nicht arbeiten, ma darf nicht rauchen, aber – Rebbe, darf man schlafen mit einer Frau?“

Der Rebbe klärt, wiegt den Kopp hin, wiegt den Kopp her – dann hebt er den Zeigefinger und sogt: „Ja! Ma darf schlafen am Schabbes mit einem Weib. Aber nur mit der eigenen Frau! Weil – Vergniegen es dorf keines sein!“

Es stellt sich die Frage, ob der Humor aus Österreich nicht nur eine große Vergangenheit hat, sondern auch Zukunft. Gerhard Bronner erklärte dazu auf offener Bühne, dass der Mensch als einziges Lebewesen in der Lage sei, zu lachen. „Und in diesem Sinn, verehrtes Publikum, verlernen Sie das Lachen nicht. Ich fürchte, Sie werden es noch brauchen.“

Lesen Sie beim nächsten Mal: Die nackte Kaiserin