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Kultur Geschichten mit Geschichte
03/24/2019

Der geheimnisvolle Ring des Herrn Iffland

Die größten Schauspieler. Eine Serie von Todesfällen, Proteste gegen einen Ringträger und ein verlorenes Kuvert.

von Georg Markus

Das hätte sich Herr Iffland nicht träumen lassen. Dass er 200 Jahre nach seinem Tod immer noch in aller Munde sein würde. Weniger seiner Schauspielkunst oder der Stücke wegen, die er geschrieben hat. Sondern wegen eines Rings, der seinen Namen trägt und der dem jeweils bedeutendsten Schauspieler deutscher Zunge zuerkannt wird. Seit Freitag steht fest, dass der verstorbene Ringträger Bruno Ganz den Iffland-Ring seinem deutschen Kollegen Jens Harzer vermacht hat.

Um den Ring ranken sich viele Mythen. Schon sein Ursprung ist unklar. Lange hieß es, August Wilhelm Iffland selbst hätte ihn gestiftet. Das mag stimmen, doch dürfte er ihn dem Schauspieler Ludwig Devrient nur als freundliche Geste geschenkt haben, wie er als Theaterintendant mehrere Ringe verschenkte. Devrient hinterließ den Ring seinem Neffen Emil, von dem er an Theodor Döring weiterging. Erst der nächste Ringträger Friedrich Haase behauptete ohne jeden Beweis dafür, Iffland hätte das Schmuckstück dem „bedeutendsten und würdigsten Schauspieler des deutschen Sprachraums“ hinterlassen.

Der Nachfolger

Von da an sind mit der Annahme des aus Gold, Eisen, Brillantsplittern und einem Iffland-Bild gefertigten Rings bestimmte Pflichten verbunden. Etwa, dass der Geehrte unmittelbar nach Empfang des Ringes seinen Nachfolger zu bestimmen hat, dessen Namen er jedoch Zeit seines Lebens nicht verraten darf. Vielmehr, erklärte Haase, müsse der Ringträger den Namen seines Nachfolgers schriftlich hinterlassen.

Friedrich Haase vererbte den geheimnisvollen Ring an den großen Schauspieler Albert Bassermann. Wie dramatisch sich die Geschichte der Ringträger nach Bassermann gestaltete, schildert Krauß in einem Brief an seinen Nachfolger Meinrad:

Bassermann bestimmte zuerst Alexander Girardi. Er starb. Dann Alexander Moissi. Er starb. Dann Max Pallenberg. Er stürzte mit dem Flugzeug ab. Und da Bassermann abergläubisch war, bestimmte er keinen Nachfolger mehr. Er übergab ihn stattdessen der (österreichischen) Bundestheaterverwaltung. Diese ließ die österreichisch-deutschen-schweizerischen Bühnenangehörigen abstimmen. So kam der Ring an mich.“

Künstler und Mensch

Was Werner Krauß in dem Brief verschweigt, ist der umfangreichen „Akte Iffland“ im Österreichischen Staatsarchiv zu entnehmen: Dass nämlich die Vergabe des Rings an ihn, Krauß, äußerst umstritten war. In den Dokumenten findet sich dieses Telegramm des Schweizer Bühnenkünstlerverbands vom 22. November 1954: „Der von Albert Bassermann hinterlassene Iffland-Ring stellt ein Symbol dar. Der jeweilige Träger muss als Künstler und als Mensch Vorbild sein. Die Vergangenheit des Herrn Werner Krauß entspricht in Gesinnung und Haltung dieser Voraussetzung nicht. Wir protestieren nachdrücklich gegen die Verleihung des Rings an ihn.“

 

Tatsächlich war Krauß ein unbeirrbarer Antisemit, der in üblen Nazi-Propagandafilmen, allen voran in „Jud Süß“, mitspielte, sich nach dem Krieg mehreren „Entnazifizierungsprozessen“ stellen musste und bis 1948 mit Berufsverbot belegt war.

Überstimmt

Doch der Protest der Schweizer Bühnenkünstler wurde von ihren deutschen und österreichischen Kollegen überstimmt, sodass der Iffland-Ring an Krauß – an dessen Qualifikation als Schauspieler niemand zweifelte – ging.

Und so setzt Werner Krauß seinen im Safe der österreichischen Bundestheaterverwaltung hinterlegten Brief fort: „Lieber Josef Meinrad... Nun können Sie mich nicht mehr fragen, warum ich Sie zum Träger bestimmt habe, da muss ich es niederschreiben. Sie, lieber Josef Meinrad, sind für mich in Ihrer Einfachheit, ihrer Schlichtheit, ihrer Wahrhaftigkeit der Würdigste. Darum bitte, nehmen Sie den Ring, tragen Sie ihn und gedenken Sie manchmal meiner. Ihr Werner Krauß.“

Meinrad wundert sich

Als Meinrad nach Werner Krauß’ Tod im Jahr 1959 diese Zeilen las, fiel er aus allen Wolken. „Am meisten habe ich mich selbst gewundert“, erklärte mir Meinrad viel später in einem Interview, „weil damals kein Mensch außerhalb Wiens den 46-jährigen Josef Meinrad kannte, den der große Werner Krauß zu seinem Nachfolger als Träger des Iffland-Ringes ernannt hatte.“

 

Oskar Werner soll sich – so erzählt man in Theaterkreisen – von dem Schock, dass nicht er, sondern Meinrad mit dem „Ring der Ringe“ bedacht wurde, nie richtig erholt haben. Noch Jahre später sagte Oskar Werner voller Bitterkeit: „Sollte ich mir jemals einen Rolls-Royce anschaffen, dann habe ich mein Talent verloren“ – eine sehr direkte Anspielung, die eindeutig auf den Rolls-Royce-Fahrer Josef Meinrad gemünzt war.

Der Ring im Banksafe

Bei dem erwähnten Interview, das ich im Oktober 1995 in seinem Haus in Großgmain bei Salzburg mit Meinrad führte, erwähnte er auch, dass er den Ring in einem Banksafe und den Brief mit dem Namen seines Nachfolgers in der Österreichischen Bundestheaterverwaltung deponiert hätte. Mit einem Lächeln fügte Meinrad hinzu, dass er mir natürlich nicht verraten würde, wer der nächste Träger sei.

Vier Monate später starb Josef Meinrad – aber die Öffentlichkeit erfuhr noch immer nicht, wer den Ring erhalten würde. Der Grund dafür: Meinrads Brief war in den Räumen der Bundestheaterverwaltung verloren gegangen, eine hektische Suchaktion blieb zunächst erfolglos.

Meinrads Witwe, die den Namen kannte, weigerte sich, ihn zu nennen und in der Bundestheaterdirektion überlegte man bereits, wie schon einmal „ein Gremium von Künstlern einzusetzen, das darüber befinden soll, wer den Iffland-Ring erhält.“

Der Brief taucht auf

Der Brief tauchte dann doch noch auf: mit mehrtägiger Verspätung im Archiv der Österreichischen Bundestheaterverwaltung. Unter der Aktenzahl „615/79/vertraulich“.

Und so wurde am 28. Februar 1996 feierlich bekannt gegeben, dass Josef Meinrad den Schweizer Schauspieler Bruno Ganz zu seinem Nachfolger bestimmt hatte.

Der Iffland-Ring.

-Eine gespenstische Serie von Todesfällen.

-Proteste gegen einen Ringträger.

-Und ein verlorenes Kuvert.

Eine zutiefst österreichische Geschichte also.

August Wilhelm Iffland

August Wilhelm Iffland, 1759-1814, beliebter Schauspieler,  Theaterintendant und Autor von 65 Bühnenstücken. Er ersetzte den bis dahin üblichen pathetischen Stil durch eine natürliche Sprechweise und wurde von Goethe und Schiller bewundert. Iffland war verheiratet und blieb kinderlos.

 

Die Ringträger

1814-1832 Ludwig Devrient
1832-1872 Emil Devrient
1872-1878 Theodor Döring
1878-1911 Friedrich Haase
1911-1952 Albert Bassermann
1954-1959 Werner Krauß
1959-1996 Josef Meinrad 
1996-2019 Bruno Ganz
Ab 2019 Jens Harzer