© KURIER/Franz Gruber

Interview
10/22/2014

Leseschwäche - ein Gesellschaftsproblem

Bibliotheken-Chef Gerald Leitner über die Leseaktionswoche "Österreich liest" und funktionale Analphabeten.

von Barbara Mader

Laut Statistik Austria verbringen die Österreicher gerade einmal fünf Minuten täglich mit dem Lesen von Büchern und Zeitungen. Wem das noch nicht Anlass genug für Kulturpessimismus ist, der sei an die letzte Pisa-Studie erinnert, laut der fast ein Drittel der 15- und 16-Jährigen nicht sinnerfassend lesen können. Mit der Initiative "Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek" will Gerald Leitner, Geschäftsführer des Büchereiverbandes Österreich, einen Beitrag leisten, um gegenzusteuern.

KURIER: 2012 haben die österreichischen Bibliotheken mit dem Verleih von eBooks begonnen. Damals gab es das Problem, dass sich Verlage weigerten, eBook-Lizenzen an öffentliche Bibliotheken zu verkaufen.

Gerald Leitner: Das macht uns noch immer große Sorgen. Nicht einmal 50 Prozent der Bücher der Spiegel-Bestseller-Liste können wir anbieten, weil große deutsche und amerikanische Verlage nach wie vor keine Lizenzen verkaufen. Die großen Konzerne wollen selbst Plattformen aufbauen und betrachten Bibliotheken als Konkurrenz. Wir hoffen auf eine Änderung des Urheberrechts.

Diese Woche wird im Nationalrat die Gesetzesinitiative des Kulturministers beschlossen, nach der auch eBooks künftig der Buchpreisbindung unterliegen.

Es ist eine auch aus unserer Sicht absolut begrüßenswerte Initiative, um die Situation der Autoren und Verlage zu stärken. Wir hoffen allerdings, dass Verlage nicht höhere Preise von Bibliotheken verlangen werden, das intendiert der Gesetzesgeber sicherlich nicht. Amazon wird allerdings alles tun, um solche Initiativen auszuhebeln, wie zum Beispiel jetzt schon mit der Flatrate für Kindle Unlimited. Ich denke, die technische Entwicklung wird in Richtung Streaming gehen, und dann ist der Preis pro Buch wieder obsolet. Die rasante technische Entwicklung wird ständige Adaptierungen des Urheberrechts bedingen.

Die Entlehnzahlen der Bibliotheken sind zuletzt auf 22 Millionen gestiegen. Frauen und Kinder lesen, Problem sind nach wie vor die Männer.

Ja, wie immer. Das geht schon bei der Pisa-Studie los. Da haben die Burschen schlechtere Leseergebnisse als die Mädchen.

Welche Möglichkeiten haben Sie, die Problemgruppe der jungen Männer anzusprechen?

Wir probieren viel aus, um Lesen interessanter zu machen. Wie bieten jetzt zum Beispiel Poetry-Slams an. Wie weit wir damit erfolgreich sind, weiß ich nicht. Es ist ein hartes Geschäft. Wir haben 2013 in Österreich über 40.000 Leseveranstaltungen angeboten. Mühsam, aber man muss alles tun, um die Leute zum Lesen zu bringen. An den Männern beißen wir uns anscheinend die Zähne aus.

Eine positive Entwicklung ist, dass Kinder- und Jugendliteratur gesteigerte Umsatzzahlen hat. Andererseits: Funktionaler Analphabetismus bei jungen Erwachsenen ist eine der größten Herausforderungen für die österreichische Bildungspolitik.

28 Prozent der Pflichtschulabsolventen sind bei Schulabschluss funktionelle Analphabeten, es ist nicht anzunehmen, dass sich die später zu Lesern entwickeln. Und zu diesen 28 Prozent kommen etliche hinzu, die das Lesen dann ganz verlernen. Das ist ein gravierendes Gesellschaftsproblem. Da muss man investieren, sonst fällt uns das bald auf den Kopf. Da geht es nicht um Schöngeistiges, sondern darum, dass unsere Gesellschaft auseinander bricht.

Lesewoche: Zum neunten Mal findet bis 26. Oktober das Literaturfestival "Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek" statt, das bisher jährlich mehr als eine halbe Million Besucher angelockt hat. Heuer lädt man österreichweit zu 771 Veranstaltungen in öffentlichen Bibliotheken, darunter Literaturwanderungen, Vorlesestunden, Bilderbuchkinos, Lesenächte und Literaturcafés.

Link: www.oesterreichliest.at

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