Kultur
23.06.2017

"Washington Post"-Chefredakteur: Social Media ändert journalistischen Tonfall

Martin Baron von der "Washington Post" sprach beim GEN Summit in Wien über die Zukunft des Journalismus. Speed und IT seien Schlüsselfaktoren moderner Medienhäuser.

Es ist schwierig heute für traditionelle Medien - „aber nicht unmöglich“, das ist das Credo von Martin Baron, Chefredakteur der „ Washington Post“. Beim internationalen Kongress GEN Summit in Wien berichtete er am Donnerstag, wie sich das Traditionsblatt seit der Übernahme durch „Amazon“-Gründer Jeff Bezos neu orientiert.

IT nimmt tragende Rolle ein

Geschwindigkeit und Technologie seien Schlüsselfaktoren für den Erfolg in der digitalen Medienwelt. Techniker und Programmierer seien in der „ Washington Post“ keine Dienstleister für die Redaktion, sondern vielmehr „Bürger erster Klasse“ im Medienhaus, das eine Evolution Richtung „Technologie-Unternehmen“ vollziehe. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Redakteuren und IT sei die Voraussetzung dafür, den Content für die verschiedenen Plattformen aufzubereiten.

Social Media ändert Tonfall des Erzählens

Denn nicht nur „das Internet“ sei ein völlig neues Medium. Mit Snapchat, den „sozialen“ Plattformen, Apps, Podcasts und vielem mehr hätten Journalisten heute ständig neue Ausspielkanäle für ihre Geschichten zur Verfügung. Sie müssten aber medienadäquat denken. Der Tonfall des journalistischen Erzählens etwa werde salopper, authentischer, die Stimme des Autors hörbar, Dialog stehe im Vordergrund.

Speed entscheidend: "User sind ungeduldig"

Geschwindigkeit ist technisch und redaktionell ein Gebot der Stunde, war Baron überzeugt. Homepages müssten schnell laden - „die User sind ungeduldig und schnell wieder weg“. Im Newsroom der „Post“ gibt es nun keine Stunde mehr, an der nicht Journalisten Meldungen anderer Medien zusammensuchen und aufbereiten, selbst schreiben und alle Kanäle bedienen: „Keine Todeszonen“, nannte das Baron. „Immer der erste sein“ sei das Motto, auch Video dabei ein entscheidender Faktor.

Zugleich müssten die Newsrooms das Potenzial von Daten heben und ihre Schlagzeilen optimieren: „Schlicht, mit Pepp, verführerisch“ muss getitelt werden - und das habe nichts mit „Click Baiting“, also dem Generieren von Klicks um der Werbeeinnahmen Willen, zu tun, sondern sei journalistische Notwendigkeit. Auf die Frage, wie man die Menschen im Internet dazu bringen kann, mehr als die Schlagzeile zu lesen, gebe es nur eine Antwort: „Schreib eine gute Schlagzeile - und sie werden mehr lesen wollen.“

Sinnstiftendes Journalismus "Seele" des Medienhauses

Bei allem Zug nach vorn ändere sich aber eines nicht in der „Washington Post“, und diese Devise habe Bezos selbst vorgegeben: Kern des Unternehmens, „die Seele“, sei stets sinnstiftender Journalismus. „Missionare machen das bessere Produkt“, sei die Überzeugung. Erst recht, seit der US-Präsident Donald Trump seinen „Krieg gegen die Medien“ erklärt hat. Darauf reagiere die „Washington Post“ mit „ehrlicher, rechtschaffener, unabhängiger“ Berichterstattung. „Der Präsident ist vielleicht im Krieg, aber wir sind es nicht. Wir sind bei der Arbeit.“