Kultur 09.03.2018

"Ganymed" im Kunsthistorischen Museum: Ach, grausame Natur

Ganymed © Bild: KHM/Helmut Wimmer

Die Gräuel und die Freuden der Natur, Kunst, Theater und Musik bei "Ganymed Nature".

"Schaun magst", singen die Strottern. Na gut! Man sitzt ja schließlich auf der Klimtbrücke im Kunsthistorischen Museum (KHM).

Die musikalische Aufforderung ist, sich "die Bilder vom Egon Schiele, ach, nein, von dem anderen" anzusehen. Man tut’s, ist hautnah dran am Klimt, dazu singt die Säge, und man ist mittendrin in " Ganymed". Abends im Museum sprechen bei dem Projekt Schauspieler zu den KHM-Bildern maßgeschneiderte Texte, man spaziert durch die Ausstellungsräume und wird auch musikalisch genährt.

Die aktuelle Ausgabe (Termine bis in den Juni gibt es hier) widmet sich der Natur. Und es ist diese ja keine nette (wir sind schließlich nicht im naturhistorischen Haus gegenüber!). Sondern eine schwierige, eine oft auch grausame.

Das Schweigen des Hummers

ganymed © Bild: KHM/Helmut Wimmer

Was für endlose Gräuel der Natur (und des Menschen) in den Bildern im Museum lauern! Und sei es nur der Hummer, der aus "Großer Fischmarkt" von Joachim von Sandrart heraustritt, in Form des rotwallig beumhangten Peter Wolf zu uns spricht – und mit den Worten von David Foster Wallace vom Todeskampf des gekochten Krustentiers berichtet. Wie sich der Hummer anklammert an den Seiten des Kochtopfes, es ist zum Verzweifeln.

Dabei noch eine leichtere Übung. "Josef sieht wirklich erschöpft aus", sagt Rania Mustafa Ali zu Gentileschis Jesus-Bild "Ruhe auf der Flucht nach Ägypten". Sie weiß, wovon sie spricht: Die junge Frau, die mit Leinwand und Turnschuhen im KHM steht, ist selbst geflohen, aus dem Grauen des syrischen Krieges. Sie filmte auf dem Handy mit, Unvorstellbares; 2,5 Millionen Menschen haben das gesehen. Nun zeigt sie bei "Ganymed Nature", wie an der Grenze zu Mazedonien Tränengasgeschoße auf die Flüchtlinge herabregnen.

Vivien Löschner berichtet, wieder zu einem Bild von Jesus und Maria ("Maria mit Kind" von Fra Bartolomeo), von einer missglückten In-Vitro-Befruchtung und davon, was die Frau dabei mitmacht. Auch das ist, führt man es sich so richtig vor Augen, eine außerordentliche emotionale Belastung.

ganymed © Bild: KHM/Helmut Wimmer

Gar nicht so düster ist hingegen die Musik zu Bruegels "Der düstere Tag": Die Formation Blech zieht melancholische Trompetentöne durch die Ausstellungsräume, es ist jene Art von Musik, bei der sich in einer Fernsehserie im Rückblick ein ganzes Leben schlagartig verändern würde; dargeboten im fantastischen goldenen Daunenmantel, den etwa auch DJ Karlheinz Essl trägt: Er lässt zu Rubens’ "Gewitterlandschaft" ganz erzähltreu ein Klanggewitter niedergehen, es regnet, donnert, blitzt und strebt nach Höherem.

Katharina Stemberger wartet das Unwetter ab; danach sinniert sie – mit den Worten Eva Menasses – über die "Ansammlung adipöser Speckfalten-Engel" auf Rubens’ "Venusfest". Nebenan trägt der Chor Company of Music zu Rubens’ "Mariä Himmelfahrt" einen Besucher durch den Raum; dazu erklingt Johanna Doderers "Natürlich-Übernatürlich"-Musik. Auch wenn es um Natur geht: In den KHM-Räumen herrscht bei "Ganymed" ein ganz eigener Zauber.

( kurier.at ) Erstellt am 09.03.2018