© Theater in der Josefstadt/Moritz Schell

Kritik
09/06/2021

Furioser Saisonstart: "Die Dreigroschenoper“ in den Kammerspielen

Diese „Dreigroschenoper“ sollte man gesehen haben. Denn live im Theater ist gar nichts klein. Im Gegenteil!

von Peter Jarolin

Als sinngemäß „etwas kleiner“ hat mein sehr geschätzter Kollege Guido Tartarotti nebst allen Lobes die Streaming-Premiere im April bewertet. Ja, via Stream wirkt Theater wohl immer etwas klein. Aber live erlebt, in den Kammerspielen (und mit einem letztlich frenetisch jubelnden Publikum) kann von „etwas kleiner“ gar keine Rede sein. Denn mit Bertolt Brechts und Kurt Weills „Die Dreigroschenoper“ hat das Theater in der Josefstadt ein großes Juwel im Repertoire.

Catwalk

Denn, es ist eine – im positiven Sinn – bizarre Welt, in die Regisseur Torsten Fischer und seine genialen Bühnenbildner Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos das Publikum entführen. Das Orchester (die Musik von Kurt Weill wirkt zeitloser als der Text von Brecht) ist auf der Bühne platziert. Zwei Laufstege dienen als Spielfläche. Die durchwegs fabelhaften Musiker rund um Dirigent Christian Frank (auch Klavier) sind mitten im Geschehen, kreieren einen musikalischen Catwalk der Eitelkeiten, des bösen Wahnwitzes oder der Verzweiflung. Denn „gut“ ist hier niemand, aber überleben wollen alle. Und das ist auch gut so!

Denn diese Produktion – man hat hier nicht den Fehler gemacht, auf Opernstimmen zu setzen – lebt von den Darstellerinnen und Darstellen. Sie alle können gut singen, sind aber lebendige Figuren in diesem Universum von Brecht und Weill, in dem die „großen Themen“ Sex, Saufen, Fressen und Moral angesprochen werden.

Joker

Die behandelt Fischer auch, aber er macht einen Mackie Messer zur Kultfigur, Nichts kann diesem im Gesicht völlig weiß geschmickten Antihelden etwas anhaben. Wie Joaquin Phoenix in dem genialen Film „Joker“ wandelt Claudius von Stolzmann als hinreißend-intensiver Anti-Held durch die bewusst kühle Szenerie. Dieser Mackie hat ein Messer, und er setzt es gelegentlich auch ein. Logisch, dass ihn die Queen vor dem nahendem Galgen erlösen muss. So einen braucht man (das Theater) noch.

König

Wie auch alle anderen Darsteller. So gibt Josefstadt-Hausherr Herbert Föttinger einen extrem kraftvollen, famosen Peachum – das ist ein Bettlerkönig aus dem Bilderbuch, einer, der in seiner verbalen Sanftmütigkeit jede nicht nur psychische Gewalt dieser Welt ausstrahlt.

Und da wäre dann noch die große Maria Bill, die als vokal gewaltige Frau Peachum ihr Bühnen-Comeback gibt. Aber auch eine Swintha Gersthofer als überragende Polly, die auch für Brecht-Weill-Festspiele sorgt.

Girlie

Ein Ereignis aber zudem: Susa Meyer als vollendet-zynische Spelunken-Jenny, die allen Männern den Schneid abkauft. Und natürlich Paula Nocker, die (in Schulmädchen-Uniform ) als Lucy ein sehr gerissenes, mit Stimme gesegnetes Girlie zeigt.

Dominic Oley ist ein braver, zu Peachum in einer homoerotischen Beziehung verstrickter Polizeichef Brown, der gewiss nicht als Soldat auf den Kanonen wohnt. Die übrige Besetzung ist mit Tamim Fattal, Ljubiša Lupo Grujčić, Oliver Huether, Markus Kofler, Paul Matić, Alexander Strömer, Anton Widauer und dem Wien-Heimkehrer Marcello De Nardo als stark agierendem Hochwürden Kimball purer Luxus.

Fazit: Diese „Dreigroschenoper“ sollte man gesehen haben. Denn live im Theater ist gar nichts klein. Im Gegenteil!

 

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