Kultur 16.12.2011

Forrest Gump aus Bagdad geht zur SS

Sherko Fatah – "Ein weißes Land" erzählt von einem unbedarften Handlager des Grauens.

Anwar, geboren in Bagdad als Sohn eines Aufsehers in einer Dattelfabrik, streift durch das Bagdad der Dreißigerjahre. Getrieben vom Wunsch, jemand zu sein. Im Streben nach Anerkennung stolpert der einfältige junge Mensch von einem Unglück ins andere. Denn zur Kenntnis genommen fühlt er sich erst, wenn er einer Gruppe angehört, einen Anzug trägt und – eine Uniform. Sherko Fatah, 1964 in Ost-Berlin als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen geboren, legt mit „Ein weißes Land“ seinen vierten Roman vor und erzählt erneut die Geschichte eines unbedarften jungen Mannes, der zur willenlosen Kriegsmaschine wird. Nicht aus Überzeugung. Vielmehr tölpelt er von einem Ereignis ins nächste. Gleich einem arabischen Forrest Gump ist er immer dabei, wenn Geschichte geschrieben wird.
Anwar ist ein leerer Mensch, der unbedarft und rückgratlos für jede Schandtat zur Verfügung steht. Getrieben von der Verachtung der eigenen Herkunft schließt er sich wem auch immer an.

 

Opportunist

Er agiert dabei wie ein Hans im Glück, der das anfänglich Gute gegen immer Finstereres eintauscht: "Ich erinnere mich, dass ich nicht wusste, was Bildung ist, bevor ich gebildeten Leuten begegnete." Die Bildung wähnt er da, wo Menschen in schicken westlichen Kleidern im Reichenviertel von Bagdad Billard spielen. Die Gruppe wohlhabender Juden, der er sich anschließt, tauscht er aus Opportunismus gegen eine Räuberbande ein, die ihm vielversprechender erscheint, was die eigene Wichtigkeit betrifft. Um nahtlos zu den Faschisten zu wechseln, für die er seine jüdischen Freunde ausspioniert. Im Gefolge eines palästinensischen Großmuftis geht er nach Berlin, wo er die Nazi-Parolen der neuen arabisch-deutschen Freundschaft nachplappert. Er landet bei der SS, freut sich über seine Uniform. Mit Schicksal hat das alles nur am Rande zu tun. Fatah erzählt in nüchterner Sprache die spannende Geschichte eines Gewissenlosen, der in den Kloaken Deutschlands und der arabischen Welt herumtreibt.

( Kurier ) Erstellt am 16.12.2011