Hält sich selbst für gefährlich: Elle Fanning als Jung-Model in Los Angeles, das den Neid ihrer Kolleginnen auf sich zieht – „The Neon Demon“

© /Thimfilm

The Neon Demon
06/23/2016

"The Neon Demon": Blutlachen im Mondschein

Hohlköpfige Farce auf die Fashion-Industrie von Nicolas Winding Refn.

von Alexandra Seibel

Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn hat die Teenagerin in sich entfesselt. Laut eigenen Aussagen wollte der 45-Jährige – für viele seiner Fans spätestens seit "Drive" im Status der Verkultung – immer schon einen Film über das 16-jährige Mädchen machen, das in seiner Brust schlummert. Daher wandte er sich nun nach seinem letzten Film "Only God Forgives", einer gebärmütterlichen Gewaltorgie, der Fetischisierung eines Mädchenkörpers zu. Und das ist schwer erträglich.

Dazu muss man sagen, dass sich Nicolas Winding Refn für einen wahren Radikalen der Filmkunst hält und sich selbst den Titel "Sex Pistols des Kinos" verliehen hat. Doch Punk sieht anders aus.

Für "The Neon Demon" krallte sich Winding Refn die 18-jährige Hollywood-Zuckerpuppe Elle Fanning, die mit ihrem süßen Mopsgesicht und dem blonden Haarkranz quasi den Inbegriff der jungfräulichen Unschuld darstellt. Und verwandelt sie genüsslich vom niedlichen Landei in einen selbstverliebten, übersexualisierten Vamp.

Strippen

Elle Fanning kommt als junges Mädchen namens Jesse nach Los Angeles, um eine Karriere als Model anzustreben. Alle sind von ihrer Schönheit geplättet, und sie wird umgehend von einem Top-Fotografen engagiert.

Im Gegenzug lässt er sie gleich einmal vor seiner Linse strippen, was Winding Refn dezent-geifernd andeutet, aber nicht zeigt. In jedem Fall erbleichen alle anderen Models vor Neid und trachten der neuen Kollegin nach Leib und Leben.

Refn-Fans huldigen ihrem Meister als faszinierenden Stilisten, der es gekonnt versteht, wunderbar komponierte, unverwechselbare Tableaus auf die Leinwand zu bannen. Tatsächlich wabern in "The Neon Demon" seine nachtschwarzen Zeitlupen-Bilder irgendwo zwischen David Lynchs "Mullholland Drive" und Helmut-Newton-Unterwäsche-Models herum. Die Frauen, allesamt von puppenhafter, pornografischer Leblosigkeit, starren emotionstot in die Kamera.

Mit Jesse im Mittelpunkt, zelebriert Winding Refn bizarre Foto-Shootings und Nachtclubauftritte: Gierig saugt sich die Kamera an ihrem Gesicht fest, während sie mit Blut oder Goldfarben überschüttet wird. Streckenweise verwandeln sich die Bilder in abstrakte Musterungen, was beinahe schon wieder interessant sein könnte. Aber nur beinahe.

Einzig der von Giorgio Moroder inspirierte, hypnotische Dark-Disco-Soundtrack von Cliff Martinez kündet manchmal von jener vibrierenden Erregung, die den stilistisch überkandidelten, dabei gänzlich geheimnislosen und hohlen Bildern komplett abgeht. Das ändert sich auch nicht durch lesbische Liebesszenen unter der Dusche oder Blutlachen im Mondschein.

Mies

In einer der miesesten Szenen hört Jesse, wie im Nebenzimmer ihres Motels eine Minderjährige vergewaltigt wird. Winding Refn umgeht zwar den Voyeurismus-Vorwurf, in dem er dazu keine Bilder liefert. Doch die Mischung aus Ekel und Erregung, mit der er Jesse an der Wand dem Geschreie und Gestöhne lauschen lässt, ist beispiellos. Wer sich hier aufregt, dem wird entgegengehalten: Es handle sich um eine "post-feministische Farce" – und da ist ja bekanntlich alles erlaubt. Jesses lesbische Freundin Ruby etwa, auch so eine undurchdringliche Stilbombe in High Heels, arbeitet nebenbei im Leichenschauhaus und schminkt Tote. Als Jesse ihre Avancen ablehnt, schwingt sich Ruby gleich auf die nächstbeste weibliche Leiche und hat Sex mit ihr. Noch so ein alberner Einfall, bei dem sich Winding Refn so richtig "Punk" fühlen kann.

Wie sagte doch ein Besucher nach der Premiere in Cannes so treffend? "Ein Arschloch von einem Film."

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