Abschied: Awkwafina (li.) und Shuzhen Zhao  in „The Farewell“

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Filmstarts der Woche
12/19/2019

Filmkritiken der Woche: Schatz, die Katze ist tot

Nicht nur "Star Wars" ist gestartet. Auch die hervorragende Tragikomödie "The Farewell", ein Roadmovie mit Down-Syndrom und "Glück gehabt".

von Alexandra Seibel

Wie bringt man jemandem eine schlechte Nachrichten bei? Sagt man einfach: „Schatz, die Katze ist tot?“ Oder redet man lieber zuerst um den heißen Brei herum, ehe man die tote Katze aus dem Sack lässt?

Ein amerikanisch-chinesischer Familienvater in New York stellt diese Frage in Form eines Witzes, über den der Rest seiner Familie herzlich lacht. Doch die gute Laune findet ein jähes Ende: Es stellt sich heraus, dass die Großmutter der Familie,

die noch in China lebt, an Lungenkrebs im Endstadium leidet. Sie selbst weiß allerdings nichts davon. Und so soll es auch bleiben. Die chinesische Großfamilie beschließt, ihr nicht mit der schlechten Nachricht die letzten Lebensmonate zu verderben.

Eine Geschichte, die „auf einer echten Lüge beruht“, heißt es im Vorspann: Regisseurin Lulu Wang lässt in ihrem feinfühligen Kultur-Cuvet amerikanische und chinesische Wertvorstellungen aufeinander prallen, ohne die genre-üblichen Culture-Clash-Grobheiten strapazieren zu müssen. Gleichzeitig bietet sie einen gewitzten, semi-biographischen Einblick in ihre eigene Familienmemoiren und bringt die Oscar-Glocken zum Läuten.

Ein Höhepunkt in „The Farewell“ ist allein die amerikanisch-asiatische Schauspielerin und Rapperin Awkwafina („Crazy Rich Asians“) als Billi: Billi, die Enkelin der krebskranken Nai Nai, wohnt in New York und hängt sehr an ihrer fernen Großmutter. Als sie von den schlechten Nachrichten hört, bricht für sie eine Welt zusammen.

Anbaggern

Es heißt Abschied nehmen, allerdings so, dass die Großmutter nichts davon bemerkt. Das erweist sich als schwierig. Eine Hochzeit wird zum Vorwand genommen, um die verstreute Familie in Changchun zu versammeln. Nai Nai ist hocherfreut über den Besuch, kann aber nicht verstehen, warum alle so dreinschauen, als wären sie nicht auf einer Hochzeit – sondern auf einem Begräbnis.

Wong verzichtet darauf, essenzielle Lebensfragen mit unnötigem Drama zu beschweren. Stattdessen setzt sie auf witzige Oberflächen mit melancholischer Unterfütterung. Weil immer alle so tun müssen, als wäre die Welt in Ordnung, brechen wahre Gefühle in Form von falschen Spektakeln heraus – und führen so zu den komischsten Verzerrungen.

Auch erweist sich die kranke Großmutter als robust genug, um den Rest der Familie herum kommandieren zu können. Hurtig nutzt sie einen Spitalsaufenthalt, um für ihre Single-Enkelin einen jungen Arzt anzubaggern.

Billi selbst ist dagegen, der Großmutter die Wahrheit vor zu enthalten. Mit vorgestrecktem Hals schleicht sie durch die hektisch arrangierten Familienfestmahle und erinnert dabei an eine schmollende Schildkröte. Dabei hat auch sie genügend Geheimnisse, die sie verborgen hält.

Zudem brechen schwelende Konflikt innerhalb der Großfamilie auf. Sind die Familienmitglieder, die in Amerika leben, noch „echte“ Chinesen? Und was bedeutet es für Billi, als Kleinkind aus ihrer Umgebung herausgerissen und nach New York verpflanzt worden zu sein?

Auch um diese großem Fragen macht Lulu Wang kein großes Aufheben. Dafür zeigt sie am Ende Videoaufnahmen von ihrer eigenen Großmutter – und die sieht herzerwärmend lebendig aus.

INFO: USA/CHINA 2019. 100 Min. Von Lulu Wang. Mit Shuzhen Zhao, Awkwafina.

Filmkritik zu "The Peanut Butter Falcon": Wrestling-Schule statt Pensionistenheim

„Zeit fürs Bett, Spasti“: Der Ton ist rau im Altersheim von Richmond, Virginia. Vor allem gegenüber Zak, einem jungen Mann mit Down-Syndrom.


Eigentlich hat Zak  im Altersheim nichts verloren, doch aufgrund von Platzmangel und fehlender Familienunterstützung wurde er dort untergebracht. Und  Zak will nichts wie weg.

Mit der Hilfe eines Pensionisten (dem unbestechliche Bruce Dern) bricht Zak aus dem Altersheim aus und macht sich auf die Suche nach einer Wrestling-Schule. Sein größter Traum besteht nämlich darin, selbst einmal ein berühmter Wrestler wie sein großes Vorbild Salt Water Redneck zu werden.

Zak wird hinreißend von dem 22-jährigen Zack Gottsagen gespielt, den die   Erstlingsfilmemacher  Tyler Nilson und Michael Schwartz in einem Camp für Künstler mit Behinderung kennen lernten. Von ihm ließen sie sich   zu ihrem gutmütigen,  vorhersehbaren Buddy-Roadmovie durch die amerikanischen Südstaaten  inspiriert.

Kaum auf freien Fuß, trifft Zak auf einen  Krabbenfischer namens Tyler (gefühlvoll gespielt von dem unberechenbaren Shia LaBeouf) und trampt mit ihm durch die schön fotografierten Sumpflandschaften North Carolinas. Zwischen den  unterschiedlichen Männern entwickelt sich eine  unwahrscheinliche Freundschaft, die das Kino gerne in Filmen à la „Rain Man“ erzählt. 

Wie  im Mark-Twain-Abenteuer reisen Zak und Tyler  am Fluss entlang, machen Lagerfeuer, fangen Fische und finden Gott.  Dakota Johnson, die als Zaks Betreuerin den  Männern hinterher reist, schließt sich der kleinen Reisetruppe an. Gekonnt besetztes, effektvoll inszeniertes Gefühlskino mit hohem Feel-Good-Faktor.

INFO: USA 2019.  97 Min. Von Tyler Nilson, Michael Schwartz. Mit Shia LaBeouf, Zack Gottsagen, Dakota Johnson.

Filmkritik zu "Glück gehabt": Opferlamm zwischen zwei starken Frauen

„Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist“, ließ der unvergessliche österreichische Schriftsteller Friedrich Torberg seine nicht minder unvergessliche Tante Jolesch sagen. 

Einen der Glücksfälle, vor denen Gott uns hüten sollte, nimmt dieser Film unter die Lupe, basierend auf „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian

Artur, der „Held“ dieser Geschichte, ist  ausgebildeter Lehrer  Ende 30, der mit einem Copy-Shop-Job gerade so durchkommt. Für den kleinen Luxus und das bisschen Sex, das man im Leben braucht, sorgt seine Ehefrau Rita. Die Gemütlichkeit in Arturs Leben endet mit dem Beginn einer Affäre. Als seine Frau dahinterkommt, kann Artur bald nur noch von Glück reden, wenn er und seine Liebste das bevorstehende Weihnachtsfest überleben.
Der Film ist nicht  so schwarzhumorig wie die Buchvorlage, und Philipp Hochmair will sich nicht so ganz in seine Rolle als Opferlamm zwischen zwei starken Frauen hineinfinden – wofür die  Hauptdarstellerinnen entschädigen.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: Ö 2019. 100 Mion. Von Peter Payer. Mit Philipp Hochmair, Larissa Fuchs, Julia Roy, Robert Stadlober.