Polizist Will Smith (li.) und sein Partner Martin Lawrence kämpfen gegen ein Kartell und haben auch sonst viel zu  besprechen: "Bad Boys for Life"

© Sony

Filmstarts der Woche
01/15/2020

Filmkritiken der Woche: „Opa“ Will Smith, Weltkrieg und Geister

Überraschend witziger Teil 3 der „Bad Boys“-Serie mit Will Smith und Martin Lawrence, Weltkrieg "1917" und eine Geisterstadt.

von Alexandra Seibel

Wenn ein (ex-)cooles Franchise wie „Bad Boys“ seinen dritten Teil ankündigt, besteht meist Grund zur Sorge. Umso mehr, wenn der neue Film über zehn Jahre auf die lange Bank geschoben wurde und mehrfach Regisseur und Drehbuchautoren wechselte. Michael Bay, der angestammte Krachmacher-Choreograf der explosiven Action-Comedy-Reihe,

ging schließlich im Zuge der Gehaltsverhandlungen verloren. An seine Stelle trat ein burschikoses Regie-Duo aus Brüssel namens Adil El Arbi und Bilall Fallah und lässt die bereits etwas abgehalfterten Bad Boys Will Smith und Martin Lawrence überraschend gut aussehen.

Dass Will Smith mittlerweile seinen Ziegenbart im Farbton Kakaobohne tönt, ist nur eines der gelüfteten Geheimnisse. Weit zwingender stellt sich die Frage: Wer schießt mit Bleikugeln auf ihn, um ihn zu töten?

Der Regiewechsel weg von Krawallschani Michael Bay hin zu den beiden Belgiern und ihrem verspielten, wortwitzigen Inszenierungsstil erwies sich als exzellenter Schachzug. „Comedy“ wie in Action-Comedy wird wieder großgeschrieben und gibt den beiden begnadeten Witzbolden Will Smith und Martin Lawrence reichlich Gelegenheit zur Verbalakrobatik.

Während Will Smith als Polizist Mike Lowrey gern den harten Mann und Sexbolzen markiert, liebäugelt sein Polizeipartner Marcus Burnett mit der Frühpension. Marcus will Mike für die wahren Werte des Lebens – Liebe, Ehe, Familie – begeistern und stößt auf taube Ohren.

Da hilft nur noch ...

Mike liebt sein Sex-Appeal, seine schmalen Anzüge und seine rasanten Autos. Nichts ist ihm peinlicher, als zum Kollegen in die alte Nissan-Schüssel zu steigen und im Schneckentempo über die Boulevards von Miami zu kriechen – mit dem Enkerl auf dem Kindersitz.

Als ein mexikanisches Drogenkartell zuschlägt, wird ein Gang höher geschaltet.

Mike – mittlerweile nicht mehr ganz so taufrisch wie im kultigen, ersten „Bad Boys“-Teil von 1995 – muss mit einem jungen Team zusammenarbeiten und sich blöde Witze über sein Alter anhören. „Siehst gut aus, Opa“, feixt ihm ein Zwanzigjähriger entgegen. Dass selbst ein so hübscher Mann wie Will Smith wegen seines Jahrgangs angepöbelt wird, ist ein klassischer Fall von ausgleichender Ungerechtigkeit.

Da müssen alle über 40 im Publikum grinsen.

... Hubschraubereinsatz

Damit kein falscher Eindruck entsteht: „Bad Boys for Life“ ist immer noch ein Film von Produzent Jerry Bruckheimer. Soll heißen: ultrabrutale Action, unzählige Explosionen, hektische Verfolgungsjagden und mehrfache Hubschraubereinsätze. „Wo haben die alle diese Helikopter her?“, wundert sich Detective Burnett, während über seinem Kopf die Propeller schnurren.Nicht nur Bay, auch die Belgien-Boys wissen, wie man knallhartes Actionkino inszeniert: Teilweise geht es zu wie bei Paul Verhoeven, wo sich Arnold Schwarzenegger in „Total Recall“ einen Toten als Schutzschild vorhielt.

Wer nicht plaudert, dem werden die Finger gebrochen. Tote zerplatzen auf Windschutzscheiben wie reife Melonen. Und wenn der zartbesaitete Marcus zu seinem Partner sagt: „Knock and talk“, dann übersetzt es dieser mit „Türe eintreten und in die Fresse hauen.“

Bruckheimer trommelt sich wie ein Primat auf die Brust. Gigantische Waffenarsenale werden geöffnet, Raketen abgeschossen. Darüber hinaus ziehen seine Regie-Knaben alle Register, geben ihren Laufbildern einen dreckigen, fleischfarbig-fetten Look und schrecken weder vor stilistischen Allgemeinplätzen wie Zeitlupe, noch vor Zeitraffer zurück. Zudem haben sie Gusto auf Telenovela und greifen gerne mal ins Schmalz.

Aber die Balance zwischen Action, Komik und Gefühl stimmt. Auch der buddhistische Witz, der erzählt wird, ist gut. Frag’ das Pferd.

INFO: USA 2020. 123 Min. Von Adil El Arbi und Bilall Fallah. Mit Will Smith, Martin Lawrence.

Filmkritik zu "1917": Zwei britische Soldaten in brandgefährlicher Mission

Mit seinem neuesten Film wirft sich James-Bond-Regisseur Sam Mendes mit zehn Nominierungen in die Oscar-Schlacht. Und die Anzeichen stehen auf Sieg – denn immerhin hat der Brite bereits zwei Golden Globes gewonnen.

„1917“ lebt von den jugendlichen Darstellern George MacKay und Dean-Charles Chapman, den man bereits aus „Game of Thrones“ kennt. Sie spielen zwei britische Soldaten, die sich auf eine brandgefährliche Mission begeben: Sie  sollen einer von feindlichen Truppen in den Hinterhalt gedrängten Division eine wichtige Nachricht überbringen. Davon hängt das Leben von 1.600 britischen Soldaten ab.

Die Mission der beiden Soldaten gleicht einem Selbstmordkommando. Zu Fuß, nur mit einem Gewehr bewaffnet, sollen sie versuchen, die feindlichen Linien zu durchbrechen. Die Rollen der Generäle – jeweils nur in kurzen Szenen zu sehen – sind mit prominenten Schauspielern besetzt. Benedict Cumberbatch und Mark Strong sollen den militärischen Befehlshabern das nötige Gewicht verleihen.

 

Schützengraben

 

Man kann nicht behaupten, dass der Krieg der Jahre 1914 bis 1918 bisher vom Kino vernachlässigt worden wäre. „Im Westen nichts Neues“ –  nach dem berühmten gleichnamigen Roman von Erich Maria Remarque – war eines der ersten, eindrucksvollen Beispiele dafür, wie das Kino mit dem Schrecken und dem Tod in den Schützengräben umgehen kann.

Kaum ein Film bisher blieb aber so dicht an seinen Protagonisten wie der von Sam Mendes. Die Kamera begleitet die beiden Soldaten auf ihrer waghalsigen Mission. Das naturalistische Ambiente, in dem sie agieren, konnte nur mit aufwendiger Technik bewältigt werden.  Kameras, die auf Kränen und Seilzügen befestigt waren, modernste Steadycam- und Drohnenaufnahmen machen den Film auch zum visuellen Erlebnis.

Text. Gabriele Flossmann

INFO: USA/GB 2019. 119 Min. Von Sam Mendes. Mit Dean-Charles Chapman, George MacKay.

 

Filmkritik zu "Ghost Town Anthology": Eine Geisterstadt mit Lebenden und Toten

Die Landschaft ist grau, vereist und trostlos. Hier möchte man nicht begraben sein. Aber es kommt noch schlimmer: Plötzlich schießt ein Auto ins Bild und rast mit großem Karacho gegen einen Pfeiler.

Der Tod des jungen Fahrers erschüttert die kleine    Dorfgemeinschaft  Irénée-les-Neiges, irgendwo in der kanadischen Provinz Quebec. Jetzt  leben nur noch 215 Menschen in der langsam aussterbenden Ortschaft – im wahrsten Sinn des Wortes eine Geisterstadt.
Genau diesen Begriff –  die Geisterstadt – hat der  frankokanadische Regisseur  Denis Côté sehr wörtlich genommen. Denn wo kommen plötzlich all die Leute her, die  stumm im Vorgarten stehen und starren?

Côté filmte sein melancholisches Porträt einer vergehenden Stadt und ihrer trauernden Bewohner mit  der Handkamera und auf 16-mm-Film. Seine  Bilder  sind von grobkörniger Qualität und sehen in ihrer Monochromie  manchmal fast schwarz-weiß aus. Oft stehen seine Figuren – die trauernde Mutter, der fassungslose Vater, der verstörte Bruder des Toten – im Gegenlicht. 

Man spürt förmlich, wie die Kälte durch Fenstern und Mauern dringt und von den Menschen Besitz zu ergreifen droht. Bei aller Frostigkeit kristallisiert sich aber auch eine subtile Form von Humor heraus und punktiert mit  feiner Spitze die erstarrten Lebensverhältnisse.

INFO: CAN 2019. 97 Min. Von Denis Côté. Mit Robert Naylor, Josée Deschênes.