Aller Anfang ist schwer: Junge Krankenpflegerinnen üben mit geduldigen Patienten das Blutdruckmessen

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Kultur
06/20/2019

Filmkritik zu "Zu jeder Zeit": Erst die Babypuppe, dann der echte Patient

Nicholas Philibert beobachtet mit aufmunterndem Blick junge Menschen bei der Ausbild zum Krankenpfleger.

Händewaschen, Blutdruck messen, Spritzen aufziehen: Eine Gruppe junger Menschen wird in den Beruf  der Krankenpflege eingewiesen. Kichernd stoßen sie Injektionen in Plastikpopos und üben Wiederbelebung an Babypuppen. Doch dann beginnt die Arbeit am echten Patienten: Nervöse Jungkrankenschwestern stochern  in Venen herum oder können den Herzschlag nicht finden. „Bin ich das Versuchskaninchen?“, will ein misstrauischer Mann wissen.

Mit dem langmütigen Auge des geübten Dokumentaristen beobachtet der französische Filmemacher Nicolas Philibert  („Sein und Haben“) diskret die alltäglichen Routinen der Krankenpflegeschulung. Die medizinische Annäherung an den Patienten wird begleitet mit  einem umfassenden Ethikunterricht: Gelehrt werden nicht  nur die richtigen Handgriffe, sondern auch eine  innere Haltung.

In drei Kapiteln erzählt Philibert mit dem aufmunternden Blick eines großen Humanisten von der Einübung  in den Beruf und der Erziehung des Herzens. Die Kamera bleibt meist nahe an den werktätigen Händen, den Körpern und den Gesichtern.  Im dritten Teil von Philiberts feingliedrigem, nahtlos entworfenen  Ausbildungsporträt werden die ersten eigenständigen Erfahrungen im Rahmen einer Supervision bewertet. In intimen Gesprächen berichten Schüler und Schülerinnen von intensiven  Erfahrungen wie unfreundliche Vorgesetzte, aggressive Patienten oder Sterbefälle. Auch vom Glück ist die Rede, das sich bei dem Gefühl einstellt, jemandem wirklich geholfen zu haben. In heiterem Tonfall erzählt Nicolas Philibert die Ausbildung  nicht nur als Beruf, sondern als Berufung.

INFO: F 2018. 105 Min. Von Nicolas Philibert. Mit Wachidou Alassani, Emmanuelle Briganti.