Verblüffende Ähnlichkeit: Steve Coogan (li.) als Stan und John C. Reilly als Ollie

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Kultur
05/09/2019

Filmkritik zu "Stan & Ollie": Harte Eier mit Nüssen

Bittersüße und toll gespielte Hommage an das britisch-amerikanische Slapstick-Duo Stan Laurel und Oliver Hardy.

Als das österreichische Fernsehen noch FS 1 und FS 2 hieß, kam das britisch-amerikanische Komiker-Duo Stan Laurel und Oliver Hardy oft auf Programm-Besuch. In die Kindersendung „Auch Spaß muss sein“ von Herbert „Happi“ Prikopa, zum Beispiel, wo sie als Dick und Doof ihre schwarzen Hüte lüfteten und gemeinsam mit Buster Keaton und Charlie Chaplin den Humor einer ganzen Generation prägten.

Ob die Millennials heute noch wissen, wer genau Dick und Doof sind, bleibt dahin gestellt; für alle anderen bietet das Kino derzeit ein wohliges Nostalgie-Bad. Denn dort finden sich Stan Laurel und Oliver Hardy, wie sie leibten und lebten: Stan, der sich am Kopf kratzt und dabei seinen infantil-renitenten Gesichtsausdruck aufsetzt; Ollie, der leicht pikiert mit seiner Krawatte winkt.

Die Ähnlichkeit, die Steve Coogan und John C. Reilly mit ihren Vorbildern Stan und Ollie erreichen, ist hinreißend, und vor allem Reilly verschwindet völlig in seinem Ollie-Körper – bis hin zum markanten Doppelkinn.

Karrieretief

Im Jahr 1937 befand sich das Slapstick-Duett in Hollywood auf dem Höhepunkt seines Ruhms. In einer glänzenden, langen Fahrt folgt die Kamera den beiden Stars auf ihrem Weg zum Filmset. Es wird gestritten: Stan findet, dass ihr Produzent Hal Roach mehr Gage springen lassen sollte. Ollie wiegelt ab; er hat eine teure Scheidung anhängig und will es sich mit niemanden verscherzen. Bei „Action“ setzen sie routiniert zum tollpatschigen Tänzchen an – und die Zuschauer wälzen sich am Boden vor Lachen.

Die bittersüße Hommage von „Drecksau“-Regisseur Jon S. Baird an das Jahrhundert-Duo und seine komplizierte Beziehung verweilt nur kurz beim Erfolgshoch. Danach stürzt sie sich ins lange Karrieretief: Knapp zwanzig Jahre später interessiert sich kein Studio mehr für Stan und Ollie. Gealtert touren sie durch Newcastle von 1953 und steigen in schäbigen Hotels ab. Zartfühlend lotet Baird das Terrain einer verglimmenden Karriere zwischen verhaltenem Drama und melancholischer Komik aus. Außerdem verschmilzt er Stan und Ollies Bühnenroutinen mit biografischen Details. Steve Coogan als Stan entpuppt sich als Mastermind und ist endlos damit beschäftigt, Gags zu erfinden und an Drehbüchern zu feilen. Unterhaltungen würzt er mit trockenem Humor und lässt auch im wirklichen Leben schwere Koffer die Stiegen hinunter rattern.

Ollie geht es gesundheitlich schlecht. Seine körperliche Krise legt die Sollbruchstellen ihrer Freundschaft offen: Hat Ollie einst seinen Partner Stan verraten, als er einen Film mit Harry Langdon drehte? Ist ihre Freundschaft nur rein beruflich oder auch privat haltbar?

In London stoßen die Ehefrauen dazu und verdoppeln den Spaß, weil sie parallel zu den Männern ebenfalls eine Komik-Routine entwickeln. Die resoluten Damen widersprechen einander ununterbrochen und entpuppen sich als wahre Gag-Lieferantinnen: „Zwei Komödien-Auftritte für den Preis von einer“, stellt der Tourmanager säuerlich fest.

Das Publikum verhält sich zuerst zurückhaltend und bleibt den Theatern fern. Doch wenn Stan bei einem Krankenbesuch seinem Ollie harte Eier mit Nüssen aufwartet und ihm dann mit einem Eisenstück den Kopf zerdeppert, gibt es kein Halten mehr. Hingebungsvoll umspielt die Kamera das komische Paar, dessen Witz sich aus kongenialer Verbundenheit ergibt, und hält sie oft zu zweit im „Two Shot“ fest. Ohne Stan, kein Ollie: „Es war wunderschön, solange es dauerte.“

INFO: GB/CAN 2018. 97 min. Von Jon S. Baird. Mit Steve Coogan, John C. Reilly, Nina Arianda.