Kultur
18.07.2018

Filmkritik zu Hans Weingartners "303": Roadmovie im Redefluss

Ein junges Paar fährt im Wohnmobil durch Europa und redet, bis es sich verliebt.

Seinen größten Hit landete der österreichische Regisseur Hans Weingartner mit „Die fetten Jahre sind vorbei“: Sein erst zweiter Spielfilm lief 2004 in Cannes und traf in einer gelungenen Mischung aus Beziehungsdreieck und Politthriller den Nerv der Zeit. Die beiden Nachfolgefilme „Free Rainer. Dein Fernseher lügt“ und „Die Summe meiner einzelnen Teile“ – eine Mediensatire und ein Psychodrama – konnten an diesen Erfolg nicht mehr anschließen. Seiner dezidiert gesellschaftskritischen Erzählhaltung blieb Weingartner aber ungebrochen treu.

Auch sieben Jahre nach seinem letzten Spielfilm eröffnet er nun sein jugendliches Roadmovie „303“ mit einer Diskussion zum Thema Haltung. Einem Politikstudenten namens Jan wird ein Stipendium verwehrt – wahrscheinlich, weil er sich zu kritisch zur US-Drohnen-Politik geäußert hat. Sein Professor wiegt bedauernd den Kopf: Da hätten Sie wohl etwas strategischer vorgehen müssen, Herr Kollege. Das lässt der junge Mann nicht auf sich sitzen: Und was ist mit Haltung?

Gott und die Welt

Weingartner interessiert sich für Haltungen, und zwar zu buchstäblich zu allen Themen, die sich bei einer Flasche Wein – oder auf einer Reise im Wohnmobil durch Europa – diskutieren lassen. Von der Kapitalismuskritik zur Partnerwahl, Gott und der Welt gibt es keinen Aspekt menschlicher Existenz, über den sich nicht beschwingt philosophieren ließe. Dazu braucht es nur zwei junge, attraktive Menschen, die aufeinander treffen und eine Fahrt in einem antiquierten Mercedes-Hymer-303-Wohnmobil antreten.

Wie sie zueinander kommen, verdankt sich in erster Linie den Anstrengungen des Drehbuchs; doch einmal auf Kurs, steuert das junge Paar Richtung Spanien und nutzt die Gelegenheit, seine Weltsichten auszutauschen.

Wie lebt es sich in unserer Konsumgesellschaft? Wie funktioniert die Vereinzelungsstrategie des Kapitalismus? Was ist Liebe, was Leidenschaft? Kann man ein Leben lang einer Person treu bleiben?

Weingartner recherchierte seine Dialoge in akribischer Beobachtung und Befragung junger Menschen, deren Ansichten er – gemeinsam mit Silke Eggert – in treffliche Dialoge goss. Als wahrer Glücksgriff erwiesen sich auch die fabelhaften Schauspieler Mala Emde und Anton Spieker als Jule und Jan, aus denen die Sätze völlig unangestrengt nur so heraus quellen. Jede Sekunde glaubwürdig, diskutieren sie sich durch die 145 Minuten lange, manchmal doch etwas ermüdende Textladung.

Wortbesessen

Weingartner schöpft seine Inspiration von den wortbesessenen Dialogfilmen des US-Filmemachers Richard Linklater, bei dessen Wien-Film „Before Sunrise“ er als Produktionsassistent mitarbeitete. Ähnlich wie Linklater das Paar July Delpy und Ethan Hawke im Redemarathon vor sich hertrieb, lässt auch Weingartner Jan und Jule in langen Einstellungen durch Wiesen und Wälder spazieren und zu großen Lebensthemen parlieren.

Doch wo Linklater seine Gesprächsbereitschaft zur radikalen Obsession steigert, tendiert Weingartner zum Konventionellen. Wenn ausreichend gesprochen wurde, unterbricht immer wieder ein gefühlvoller Popsong den Redefluss und untermalt gefällig die pittoreske Reiselandschaft. In den blassen Farben des Frühsommers ziehen beschauliche Orte und Strände vorüber und beschwören Europa als Urlaubsparadies jenseits der politischen Problemzonen.

Die unausweichliche Liebesbeziehung zwischen Jan und Jule versucht Weingartner dem Formelhaften zu entreißen, indem er sie möglichst lange – fast schon prüde – hinauszögert. Das Schönste, sagt Jan einmal, sind genau die drei Sekunden, die man erlebt, bevor der Kuss stattfindet. Genau diese Magie der ersten Berührung – der Gedanken, der Körper – möchte Hans Weingartner einfangen. Und in vielen, nicht allen Momenten, gelingt ihm das auch.

INFO: D 2018. 145 Min. Von Hans Weingartner. Mit Mala Emde, Anton Spieker, Jörg Bundschuh.