Kultur
08.09.2018

Filmfestival Venedig: Netflix-Film gewinnt den Goldenen Löwen

Der mexikanische Oscarpreisträger Alfonso Cuarón gewinnt Goldenen Löwen, Großer Preis der Jury geht an Yorgos Lanthimos.

Der Sieger des Filmfestivals in Venedig ist ein Netflix-Film: Alfonso Cuaróns charismatische Kindheitserinnerung „ROMA“ gewann den Goldenen Löwen für den besten Film. Zuvor hatte Netflix „ROMA“ aus dem Filmfestival in Cannes zurück gezogen: Nachdem die Streaming-Plattform keinen französischen Kinostart geplant hatte, wurde „ROMA“ nicht in den Wettbewerb akzeptiert.

In „ROMA“ erinnert sich Cuarón an seine Kindheit in Mexico City der 60er und 70er Jahre und erzählt in brillanten Schwarzweiß-Bildern aus dem Leben einer Oberschichtsfamilie – aus der Perspektive des Dienstmädchens. Männer sind durchwegs abwesend, und nicht umsonst widmete der mexikanischen Star-Regisseur den Filmen jenen Frauen, die ihn aufgezogen haben.

Der Online-Gigant hat bereits im Vorfeld angekündigt, „ROMA“ auch in die Kinos zu bringen. Überhaupt könnte der Sieg in Venedig weiter dazu beitragen, dass Netflix seine Strategien überdenkt und verstärkt dazu bereit ist, Eigenproduktionen von renommierten Regisseuren den Kinos zu überlassen.

Der Große Preis der Jury ging an „The Favourite“, die umwerfende Sittenkomödie von Yorgos Lanthimos. Mit trefflichem Witz und geölter Zunge erzählt der sardonische Grieche von den Palast-Intrigen am Hof der englischen Königin Anfang des 18. Jahrhunderts. Olivia Colman spielt die exzentrische Herrscherin, die sich von ihren rivalisierenden Gespielinnen nicht nur die Füße massieren lässt. Für ihr exzellentes Spiel erhielt die Britin auch gleich den verdienten Preis für die Beste Darstellerin.

In der Kategorie für Bester Darsteller konnte sich der sympathische US-Schauspieler Willem Defoe durchsetzen, nachdem er sich in Julian Schnabels Malerporträt „At Eternity’s Gate“ als Vincent van Gogh verausgabt hatte.

Ausgerechnet mit einem Western reüssierte der französische Palmengewinner Jacques Audiard: In seinem unterhaltsamen „The Sisters Brothers“ spielen Joaquin Phoenix und John C. Reilly ein rauflustiges Brüderpaar, das gegen Geld Leute umlegt.

Ebenfalls mit einem herausragenden Western, „The Ballad of Buster Scruggs“, profilierten sich die US-Brüder Ethan und Joel Coen um ein weiteres Mal und gewannen den Preis für das Beste Drehbuch. „The Ballad“ ist übrigens ebenfalls eine Netflix-Produktion.

Mehr Frauen im Wettbewerb wünschte sich Jennifer Kent in ihrer Dankesrede für den Spezialpreis der Jury: Die Australierin und einzige Frau im Wettbewerb hatte mit ihrem ultra-brutalen Rape-Revenge-Blutrausch im tasmanischen Busch, „The Nightingale“ für ein gespaltenes Publikum gesorgt.

Leer

Der deutsche Beitrag von Oscarpreisträger Florian Henckel von Donnersmarck, „Werk ohne Autor“ ging leer aus. Mit seinem großspurigen, an die Biographie des Malers Gerhard Richter angelehnten Ritt durch die deutsche Geschichte konnte Donnersmarck die Preisjury unter dem Vorsitz von Guillermo del Toro dankenswerterweise nicht beeindrucken.

Gleich zwei Preise erhielt dafür die österreichische Filmemacherin Sudabeh Mortezai: Ihr zweiter Langfilm „Joy“, der von dem deprimierenden Schicksal nigerianischer Sexarbeiterinnen in Wien erzählt, lief in einer Nebenreihe und wurde als Bester Europäischer Film ausgezeichnet. Zusätzlich erhielt Mortezai auch den mit 10.000 Euro dotierten Hearst Film Award für die beste weibliche Regie. Davon würde man sich nächstes Jahr in Venedig mehr wünschen.

 Die wichtigsten Auszeichnungen im Überblick:

   - Goldener Löwe für den Besten Film: "Roma" von Alfonso Cuaron (Mexiko)

   - Großer Preis der Jury: "The Favourite" von Yorgos Lanthimos (Großbritannien, Irland, USA)

   - Silberner Löwe für die Beste Regie: Jacques Audiard für "The Sisters Brothers" (Frankreich, Belgien u.a.)

   - Preis für das Beste Drehbuch: Ethan und Joel Coen für "The Ballad of Buster Scruggs" von Ethan und Joel Coen (USA)

   - Preis für die Beste Schauspielerin: Olivia Colman für "The Favourite" von Yorgos Lanthimos (Großbritannien, Irland, USA)

   - Preis für den Besten Schauspieler: Willem Dafoe für "At Eternity's Gate" von Julian Schnabel (USA, Frankreich)

   - Spezialpreis der Jury: "The Nightingale" von Jennifer Kent (Australien)

   - Marcello-Mastroianni-Preis für den Besten Jungdarsteller: Baykali Ganambarr für "The Nightingale" von Jennifer Kent (Australien)

   Nebenschiene "Giornate degli Autori":

   - Bester Europäischer Film bzw. Hearst Film Award für die Beste weibliche Regie: "Joy" von Sudabeh Mortezai (Österreich)