© Festival de Cannes/CG Cinéma International

Kultur
07/07/2021

Filmfestival Cannes: Spucktest und Liebestod mit Funkenschlag

Das 74. Filmfestival in Cannes eröffnet mit Leos Carax wahnwitziger Rockoper "Annette" mit Adam Driver und Marion Cotillard. 3-G-Regeln in vollen Kinos gibt es keine.

von Alexandra Seibel

Endlich wieder Cannes!

Nachdem das angeblich wichtigste Filmfestival der Welt im letzten Jahr aufgrund von Corona nicht stattfinden konnte, wurde es heuer vom Mai in den Juli verschoben. Ursprüngliche Befürchtungen, wonach zum üblichen Festivalrummel auch noch eine Masse von Sommertouristen die Straßen verstopfen würden, haben sich als unbegründet erwiesen. Cannes fühlt sich überraschend leer an: Es gäbe um rund 35 Prozent weniger Akkreditierungen als üblicherweise, verkündete Festivalchef Thierry Frémaux. Vor allem im Bereich des Filmmarktes sind spürbar weniger Vertreter aus den USA und Asien angereist.

Die, die es doch an die Côte d’Azur geschafft haben, kämpfen mit speziellen Schwierigkeiten: Wenn man das sogenannte Palais, das Festivalzentrum in Cannes, betreten will, braucht man einen Coronatest, der höchstens 48 Stunden alt ist – oder einen Impfnachweis, der ab zwei Wochen nach dem Zweitstich gilt – und auch nur dann, wenn er mit einem EU-kompatiblen QR-Code ausgestattet ist.

Stellt sich heraus, dass alle Menschen aus Nicht-EU-Längern ihre Impfungen nicht ordnungsgemäß nachweisen können. Der amerikanischen Kollege aus Los Angeles hält ein hilfloses Papierheftchen hoch, auf dem seine Impftermine verzeichnet sind. Ohne besagten QR-Code kann er aber nichts damit anfangen. Obwohl schon seit Monaten mehrfach geimpft, muss er regelmäßig testen gehen.

Getestet wird vorrangig mit der Spuckmethode: Man sammelt seinen Speichel zusammen und hofft, dass man auf die gewünschte Menge – mindestens einen Milliliter – kommt. Gar nicht so einfach, wie sich herausstellt. Das US-Branchenblatt Variety berichtete genüsslich darüber, wie eine Probandin 15 Anläufe nehme musste, ehe sie die nötige Menge beisammen hatte. Andere spuckten sich selbst an oder ruinierten ihren Sampletest mit Speiseresten.

3-G-Regel gilt nicht

Nun könnte man meinen, dass diese doch recht scharfen Sicherheitsmaßnahmen im gesamten Festivalbereich gelten. Ist aber nicht so: In Frankreich darf man ins Kino gehen, ohne so etwas wie eine 3-G-Regel nachweisen zu müssen. Sprich: Jeder kann hinein. Getestet, geimpft – oder auch nichts davon. Überprüft wird das nicht; man setzt auf die Mündigkeit der Bürger und Bürgerinnen.

Diese lockeren Bestimmungen herrschen auch in den Festivalkinos, die sich nicht direkt im Palais befinden. Dicht an dicht sitzt man im Kino, Abstände zwischen den Sitzplätzen werden keine gelassen. Erinnert ein bisschen an die Bilder von der WM-Fußball – nur ohne Gebrüll.

Maskenpflicht in den Kinos herrscht schon, doch die Wahl der Maske bleibt dem Publikum hinterlassen. Die Dame neben mir hat einen Papierfetzen im Gesicht, der ihr locker unter der Nase hängt.

Im Zuge der Corona-Regelungen wurde auch die Beschaffung von Kinokarten geändert. Man stellt sich nicht mehr, wie vor Corona üblich, stundenlang in eine lange Schlange und hofft, dass man in den Film hinein kommt. Nein, ab heuer gilt ein Online-Buchungssystem, bei dem man immer zwei Tage im Voraus ab sieben Uhr morgen seine Tickets buchen kann.

Wer allerdings streberhaft in der Früh aufsteht, um sich seine Kartenwünsche zu sichern, kann sich gleich wieder ins Bett legen. Die Webseite bricht notorisch zusammen, und vor neun Uhr morgens schafft man es nicht einmal ins Hauptmenü.

Starpower

Aber hey, es ist Cannes!

Man befindet sich in wunderbarer Gesellschaft. Geballte amerikanisch-französische Starpower kam zur Eröffnung angereist und sorgte für Glanz und Glamour. Frankreichs Anarcho-Regisseur Leos Carax ("Die Liebenden von Pont-Neuf") brachte seine Hauptdarsteller mit zur Premiere: Adam Driver (Kylo Ren aus "Star Wars") überragte alle um Haupteslänge, seine Filmpartnerin Marion Cotillard glitzerte im silbernen Palettenkleid an seiner Seite.

Beide singen sich durch eine wahnwitzige Rockoper mit dem Titel "Annette", zu der die formidable amerikanische Art-Popband Sparks eine tolle Musik geschrieben haben. Berühmt für ihre theatralen, mit hoher Stimme intonierten Popgesänge unter Elektroeinfluss, treten die Bandmitglieder Ron und Russell Mael auch selbst in "Annette" auf.

Die stimmliche Hauptlast aber liegt auf Adam Driver und Marion Cotillard, die sich mit großer Leidenschaft und nervöser Energie durch eine tödliche Liebesbeziehung singen. Carax greift sowohl auf die Filmgeschichte wie auch große Operntraditionen zu, um sein sinistres Musical zu erzählen. Vor allem Adam Driver als Schock-Kabarettist, der sein Publikum mit provokanten Ansagen brüskiert, liefert die Performance seines Lebens.

Liebestod

Er spielt den Comedian Henry McHenry und tigert wie ein Boxer im Bademantel über die Bühne. Seine große Liebe gehört der Opernsängerin Ann – die wundervolle Cotillard – deren Bühnentode als tragische Heldin das Publikum entzünden.

Alle ihre Vorgängerinnen sind den Liebestod gestorben – von Madame Butterfly bis hin zu Carmen – und auch Ann beginnt ihren Geliebten zu fürchten.

Carax spielt mit dem mittlerweile viel strapazierten Konzept von der toxischen Männlichkeit und zieht es mit einem #MeToo-Verweis in die Gegenwart. In Anklang an Filme wie "A Star is Born", nimmt auch die Liebe zwischen Ann und Henry einen schweren Verlauf: Während sie immer berühmter wird, sackt seine Karriere ab. Auch die Geburt der gemeinsamen Tochter Annette – einer kleinen Holzpuppe mit Clownsgesicht – kann die Beziehung nicht retten.

Von der Opernaufführung bis hin zu Tiktok-Clips zieht der Regisseur alle Register, um die klassischen Motive von Liebe, Hass und Rache durch verschiedene ästhetische Formate zu deklinieren. Immer wieder entfacht er magische Momente, in der sich Musik, Gesang und Kamera zu einem Trio Infernale zusammenbrauen. "Annette" hat seine großartigen, euphorischen und tragischen Fieberschübe, bleibt dann aber auch wieder in seiner vordergründigen Medien- und Celebrity-Culture-Kritik stecken. So verrätselt wie Leos Carax’ letzter Film "Holy Motors" ist "Annette" bei Weitem nicht, aber doch wahnwitzig genug, um mithilfe der Sparks seine Funken zu schlagen.

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