Serbische Truppen wollen ins UN-Lager eindringen, während die niederländischen Blauhelme tatenlos zusehen: Jasna Duričić als Übersetzerin Aida (Mitte) kämpft um das Leben ihrer Familie

© Polyfilm

Interview
06/23/2021

Film über das Massaker von Srebrenica: Ein Tritt ins Minenfeld

In ihrem Drama "Quo Vadis, Aida?" erzählt Jasmila Žbanić von dem Massaker in Srebrenica und wurde für Auslandsoscar nominiert.

von Alexandra Seibel

Die Sonne strahlt vom Himmel in den heißen Julitagen von 1995. Doch die erschütternden Ereignisse in Srebrenica stehen in krassem Gegensatz zum wetterbedingten Sommergefühl: „Quo Vadis, Aida?“ der bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanić erzählt die dramatischen Vorkommnisse rund um den Genozid an mehr als 8.000 Menschen. Im Zentrum steht die Lehrerin Aida (Jasna Duričić), die als Übersetzerin in der Kleinstadt Srebrenica für die UN arbeitet. Als serbische Truppen die Stadt einnehmen, suchen Tausende – darunter Aidas Ehemann und ihre zwei Söhne – im UN-Lager Schutz. Doch die grausamen Taten der Armee von Ratko Mladić (Boris Isakovic) nehmen ihren Lauf, während die UN-Soldaten praktisch tatenlos dabei zusehen.

KURIER: „Quo Vadis, Aida“ erzählt vom Massaker in Srebrenica. Wie schwierig war es, einen so emotionsgeladenen Film auf die Beine zu stellen?

Jasmila Žbanić: In unserer Region ist das Thema des Genozids immer noch sehr aufgeladen und brisant. Es war daher klar, dass ein Film darüber ein Tritt in ein Minenfeld sein würde. Ich habe mich schließlich dazu entschlossen, mir so ehrlich wie möglich alle Perspektiven anzuschauen und dann meine eigene Erzählperspektive zu finden. Die Familiengeschichte der Dolmetscherin Aida ist fiktional. Aber abgesehen davon habe ich versucht, nur Details und Fakten zu erzählen, die ich durch Augenzeugenberichte belegen konnte.

Sie haben als Hauptfigur eine Frau, die von Beruf Übersetzerin ist, gewählt. Warum diese Entscheidung?

Ich habe Personen gebraucht, deren Schicksal ich erzählen konnte und bin auf das Buch „Under the U.N. Flag“ des bosnischen Übersetzers Hasan Nuhanović, der das Massaker von Srebrenica überlebt hat, gestoßen. Mein Film ist stark von diesem Buch beeinflusst, aber ich merkte, dass es besser wäre, die Geschichte aus der Perspektive einer Frau zu erzählen, die versucht, ihre Familie zu retten. Sie will zuerst auch noch anderen Menschen helfen, doch als sich die Situation so dramatisch zuspitzt, beginnt auch ihre Menschlichkeit zu schwinden.

Die niederländischen Blauhelm-Soldaten schreiten nicht entschieden ein, um die Morde an den Bosniern zu verhindern. Wie sehen Sie ihre Rolle in dem Massaker?

Wenn man sich die Faktenlage ansieht, muss man zugeben, dass sie tatsächlich sehr von jenen politischen Mächten blockiert wurden, die Srebrenica der serbischen Armee überlassen wollten. Die Niederländer erhielten keine Unterstützung. Trotzdem hatten sie die Aufgabe, die Menschen zu schützen, gaben aber keinen einzigen Schuss ab. Bei meinen Recherchen entstand auch der Eindruck, dass es ihnen auch an Solidarität und Empathie für die Bosnier und Bosnierinnen fehlte. Ich glaube, viele von ihnen – und vor allem der Kommandant – hatten keine Empathie für die Leute, sondern hegten, im Gegenteil eher anti-muslimische Ressentiments. Das wurde sogar vor Gericht bestätigt, dass sie von den Tötungen wussten und nichts dagegen taten.

Sie lassen einen Schauspieler als General Mladić auftreten. Wie haben Sie sich der Inszenierung angenähert?

Für diese historische Figur haben wir versucht, einen künstlerischen Schlüssel zu finden. Für mich war er jemand, der sich immer für die Kamera inszeniert hat – insofern haben wir diesen Zugang übernommen und ließen ihn den „Regisseur“ und den „Schauspieler“ seiner „Show“ sein. Er hat sich so für die Kamera inszeniert, wie er von den Leuten gesehen werden wollte. Aber wenn die Kamera ausgeschalten war, sah die Realität anders aus. Weiters haben der Schauspieler Boris Isaković und ich beschlossen, Mladić so authentisch wie möglich nachzuspielen. In der Republika Srpska und Srbija wird er immer noch als Held gefeiert, aber in Bosnien und der „normalen“ Welt gilt er als Kriegsverbrecher. Aber wir wollten ihn nicht einseitig zeichnen, sondern wollten, dass er für sich selbst spricht.

Sehr beeindruckend sind die Massenszenen in- und außerhalb des UN-Lagers.

Es gab diese zwei sehr unterschiedlichen Orte, nämlich das Innen, also im UN-Camp, und das Außen. Die österreichische Kamerafrau Christine A. Maier und ich beschlossen, diese Räume umgekehrt darzustellen, als man es erwarten würde. Die Menschen, die an den Toren des Camps warten, stehen an einem herrlichen Sommertag auf einem offenen Feld. Wir wollten die Sonne und das Sommergefühl betonen, das im absoluten Gegensatz zu dem steht, was die Menschen empfinden. Innerhalb des Lagers ist es dunkler und geschützter, aber auch dort herrscht Unsicherheit. Wir wollten betonen, dass die Tür zwischen diesen beiden Orten Leben und Tod bedeutete.

Welche Rolle spielt die Geschichte dieses Völkermordes heute in der Gegenwart?

In Bosnien ist der Genozid ein großes Thema, das viel in den Medien vorkommt, aber nicht in der Schule; dort wird er nicht gelehrt. Aber natürlich, in der Hälfte des Landes der Republika Srpska wird der Genozid geleugnet. Der Bürgermeister von Srebrenica behauptet, es hätte ihn nicht gegeben. Mladic und Radovan Karadžić, die in Den Haag als Kriegsverbrecher im Gefängnis sitzen, werden wie Helden verehrt. Aber ich möchte nicht generalisieren: Wenn ich sage, dass serbische Politiker den Genozid leugnen, meine ich damit die offiziellen Autoritäten. Aber es gibt auch viele Serben, die sich sehr darum bemühen, dass die Wahrheit erzählt wird.

Diesen Artikel können Sie auch in Bosnisch/Kroatisch/Serbisch lesen: 

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