Kultur
20.12.2017

"Es hat etwas wirklich Gespenstisches an sich"

Der österreichische Regisseur Wolfgang Murnberger über seinen TV-Film "Kästner und der kleine Dienstag", der am Donnerstag Premiere hat (20.15, ORF2/ARD).

Die Kinderbücher von Erich Kästner (1899– 1974) erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit, weil sie von zeitloser Schönheit und Aktualität sind. Bücher wie "Emil und die Detektive", "Das doppelte Lottchen" oder "Pünktchen und Anton" waren und sind Klassiker der Kinderliteratur: Wer sie gelesen hat, wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit seinen Kindern vorlesen oder zum Lesen geben. So werden die Geschichten von einer zur nächsten Generation getragen.

Einen anderen Blick darauf offenbart "Kästner und der kleine Dienstag" - der TV-Film feiert am Donnerstag, dem 21. Dezember, um 20.15 Uhr in ORF 2 und in der ARD Premiere. Das Drama führt die Zuschauer zurück in das Jahr 1929 und zu der Freundschaft zwischen Erich Kästner (gespielt von Florian David Fitz) und dem Buben Hans-Albrecht Löhr (Nico Ramon Kleemann), der in "Emil und die Detektive" als "kleiner Dienstag" mitspielte. Regie führte bei dieser deutsch-österreichischen Produktion der Niederösterreicher Wolfgang Murnberger.

KURIER.TV: Was hat Sie an diesem Projekt interessiert?

Wolfgang Murnberger: Mich hat diese Geschichte von Anfang an sehr berührt und gefesselt. Es ist die emotionale Verbindung von Erich Kästner zu Hans-Albrecht Löhr, die einem sehr nahegeht. Das war für mich als Regisseur auch jener rote Faden, den ich vom Anfang des Films bis zu dessen Ende spannen konnte. Dazu kommt, wenn man sich wie ich wieder "Emil und die Detektive" anschaut, in dem auch der kleine Löhr mitgepielt hat und dabei weiß, dass von all den Buben kaum einer den Krieg überlebt hat und fast alle gefallen sind, dann packt das einen. Denn allein dieses Beispiel zeigt den Wahnsinn des Nazi-Regimes.

Kästner wird in der Literaturgeschichte ambivalent dargestellt, was im Film eine Fortsetzung findet.

Das zeigt auch das Schicksal von Kästners Freund und Karikaturisten Erich Osher, der dazu meint: "Unter Schweinen kann man nicht sauber bleiben". Er wird denunziert und begeht vor der Hinrichtung Selbstmord, um einen ebenfalls verhafteten Freund vielleicht damit zu helfen. Es hat mich sehr interessiert, wie die Menschen damals versucht haben, sauber zu bleiben – und gleichzeitig zu überleben. Kästner hat etwa unter falschen Namen Film-Drehbücher für die Ufa geschrieben, wie " Münchhausen" mit Hans Albers. Kästner ist gleichzeitig der einzige Autor gewesen, der bei seiner eigenen Bücherverbrennung dabei war. Das alles hat ja etwas wirklich Gespenstisches an sich.

Hatten Sie Bedenken, dass wieder die "Moralkeule" geschwungen wird?

Ich hoffe, dass wir genau das nicht gemacht haben. Florian David Fitz' Kästner ist sehr differenziert gezeichnet. Es ist ja tatsächlich nicht ganz klar, warum Kästner in Deutschland geblieben ist – wahrscheinlich hat er es wirklich seiner Mutter zuliebe getan, die Berlin nicht verlassen wollte. Kästner hat auch immer wieder erklärt, dass einer da bleiben müsse, um über das Geschehene zu berichten – aber irgendwie hat er es nie geschafft, den großen Roman über diese Zeit zu schreiben, obwohl er es vorgehabt hatte. Vielleicht hatte er auch deshalb am Ende seines Lebens ein Alkoholproblem. Ich stelle mir das ganz schwierig vor, wie Kästner sich gefühlt haben mag.

Eine zentrale Rolle in dieser Geschichte nimmt Hans Löhr, der "kleine Dienstag", ein. Der Bub wird dargestellt von Nico Ramon Kleemann. Wie war der Dreh mit ihm?

Es gibt Kinder,die sind einfach begabt. Er war so einer, das habe ich schon beim Casting gesehen. Wenn man das Glück hat, ein begabtes Kind zu finden, dann muss man als Regisseur gar nicht viel machen. Das kommt ganz natürlich. Das war hier so ähnlich wie bei Adrian Goigingers Film "Die beste aller Welten" und Jeremy Miliker, der den Buben Adrian Wachter gespielt hat. Zuvor aber muss man erst einmal so ein Kind suchen – und dann auch finden.

Wie ist Ihr eigener Bezug zu Kästner?

Ich habe Germanistik studiert und bin so mit ihm in Berührung gekommen. Ich habe seine Kinderbücher gekannt und auch einige Gedichte. Und als das Angebot kam, habe ich mir gedacht, super, jetzt muss ich mich mit Kästner beschäftigen.

Was haben Sie gefunden?

Ich habe seine Gedichte und Reden gelesen und so lernt man einen Menschen kennen. Dieser trockene, fast schwarze Humor, der hat mich begeistert. Am meisten gilt das für die "Sachliche Romanze". Es ist mitunter zynisch, aber es ist trotzdem ein liebenswürdiger Zynismus – es steckt Wahrheit in diesem Gedicht. Denn es ist ja auch wirklich schwierig mit der Liebe, wenn sie abhandenkommt, ohne dass man was dafür kann.

Gibt es aus diesem Film eine Aussage, unter die man ihn als Motto stellen könnte?

Ein schöner Satz ist: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es (aus „kurz und bündig“, Anm.). Ich habe daran gedacht, dieses Filmvorhaben unter dieses Motto zu stellen.

Ein wahres Drama

Die Geschichte von "Kästner und der kleine Dienstag" beginnt 1929 in Berlin. Gerade hat der Schriftsteller Erich Kästner (gespielt von Florian David Fitz) sein erstes Kinderbuch "Emil und die Detektive" auf den Markt gebracht, das sich binnen kurzer Zeit zum Bestseller bei der jungen Leserschaft entwickelt. Unter seinen Anhängern ist auch der achtjährige Hans-Albrecht Löhr (gespielt von Nico Ramon Kleemann und Jascha Baum), der Kästner einen Fanbrief schreibt. Kästner ist angetan von der Begeisterung des Buben, und für Hans geht ein Traum in Erfüllung, als 1931 "Emil und die Detektive" verfilmt werden soll und er für die Rolle des "kleinen Dienstag" besetzt wird. Über die Jahre entwickelt sich eine enge Freundschaft zwischen Kästner und Hans, die durch die Machtergreifung der Nazis auf eine harte Probe gestellt wird. Kästners Bücher werden verboten und öffentlich verbrannt, das Idol wird zur Gefahr für den Buben. Der Film von Dorothee Schön (Drehbuch) und Wolfgang Murnberger (Regie) erzählt die Bedeutung von Freundschaft, Loyalität, Aufrichtigkeit.

Die Doku. Ebenfalls am Donnerstag widmet sich in ORF 2 die Doku "Erich Kästner – Das andere Ich" (22.30) dem Leben und Schaffen des Autors.