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Kultur
02/20/2020

Erwin Wurms "Fastenpullover" - ein Medien-Coup im Stephansdom

Der Künstler stellt gemeinsam mit Dompfarrer Toni Faber sein Gespür für wirksame Inszenierung unter Beweis

von Michael Huber

Eine Terminkollision sei dafür verantwortlich, dass das Fastentuch im Wiener Stephansdom nicht erst am Aschermittwoch, sondern eine knappe Woche davor präsentiert werde, erklärte Dompfarrer Toni Faber bei einem Pressetermin am Donnerstag.  Die Einweihung des Kunstprojektes, das dem Künstler Erwin Wurm eine spektakuläre Werkpräsentation in der wichtigsten Kirche des Landes beschert, fiel also just auf den Tag des Opernballs und mitten in die Faschingszeit. Daher muss die Frage erlaubt sein, ob die Kunstaktion, wie von Faber intendiert, allein als vorösterliche Besinnung verstanden werden muss - oder ob sie auch als ein Akt karnevalesker Maskerade gelten darf.

Die Verkleidung des Hochaltars, die bei Wurm die Form eines riesigen, rund 80 m² großen Pullovers in der für Fastentücher üblichen Farbe violett annimmt, soll traditionsgemäß die Sinne für das österliche Mysterium der Auferstehung schärfen. Es sei "auch ein Verzicht des Sehens", wie Faber betonte - historisch gilt der Bilderverzicht auch als ein Akt der Demut vor dem Unsagbaren und als Aufforderung zur Besinnung auf den Kern des Glaubens.

Das scheinbare Paradox, dass Ikonen durch Verhüllung sichtbarer werden, ist auch in der nicht-sakralen Kunst ein geläufiges Phänomen. Arnulf Rainers Übermalungen, wiewohl nicht streng religiös angelegt, fielen beim Gründer der "Galerie St. Stephan", Msgr. Otto Mauer, bereits in den 1960er Jahren auf fruchtbaren katholischen Boden; der Künstler Christo perfektionierte die Technik mit der Verhüllung des Berliner Reichstags oder der für September dieses Jahres angekündigten Einwickelung des Pariser "Arc de Triomphe".

Eine wirkliche Bilderaskese bewirkt eine derartige Kunst freilich nicht - sie erzeugt neue, starke Bilder. Wie Christo haben auch Erwin Wurm und Dompfarrer Toni Faber - er schreibt bekanntlich eine wöchentliche Kolumne im KURIER - erkannt, dass ein ikonisches Gebäude wie der Stephansdom auch ein Massenmedium ist, und sie nutzen diesen Umstand meisterhaft aus.

Die tausenden Touristen und Gläubigen, die täglich das Sakralgebäude betreten, finden in der ungewohnten, kunsthistorisch aber bis zu Popkünstler Claes Oldenburg und den Surrealisten rückführbaren Konstellation eine willkommene Irritation vor, die natürlich auch höchst geeignet für die Weiterverbreitung auf sozialen Medien ist. Dass Wurm ein Gespür dafür hat, seine Werke auf spektakulären Plätzen zu platzieren, steht außer Frage - so prangt am "Hotel Daniel" nahe des Belvedere seit Jahren eines seiner verformten Segelboote, sein "Narrow House" (eine verzerrte Nachbildung seines Elternhauses) wurde u.a. am Canal Grande in Venedig zur Attraktion, bei der Venedig-Biennale 2017 postierte er einen kopfstehenden LKW weithin sichtbar vor dem Österreich-Pavillon.

Nun steht eine große Wärmeflasche auf Beinen - "Big Mutter" genannt - selfietauglich vor dem Stephansdom. Dass der VP-Bezirksvorsteher Markus Figl eine sichtbarere Aufstellung beeinsprucht hatte - das Werk steht nun auf kirchlichem Boden - wurmte den Künstler ziemlich, wie er beim Pressetermin offen zugab.

Die Instagram-Freundlichkeit von Wurms Kunst darf aber nicht als anbiedernd verstanden werden - sie scheint vielmehr im Werk, das lange vor den sozialen Medien entstand, angelegt. In seinen "One Minute Sculptures", die Wurm in den 90er Jahren breite Bekanntheit bescherten, erweiterte er seinen Kunstbegriff dahin, dass Betrachter zu Akteuren, die Akteure selbst zu Skulpturen und  - in der Foto-Dokumentation - zu Bildern werden. Nichts anderes geschieht jetzt mit Wurms Setzungen an öffentlichen Orten, die zum Posieren und Fotografieren einladen. Seine "Wandpullover", die Wurm u.a. für die steirische und niederösterreichische Landesregierung und für die Räume des Ex-SP-Kulturministers Josef Ostermayer schuf, hüllten Polit-Akteure in kunstsinnige Strickmuster.

 

Im  Stephansdom soll nun der Fasten-Pulli mit grünem Saum ("ein Zeichen des Frühlings", so Wurm) Wärme und Barmherzigkeit symbolisieren - ebenso wie die Wärmeflasche, die der Künstler als Erinnerung an die Fürsorge seiner Mutter seit längerer Zeit im Formenrepertoire führt. In den Schiffen des gotischen Doms ist aber zusätzlich noch eine veritable Wurm-Werkschau ausgebreitet: Hier zeigt sich das Spiel mit Verformungen scheinbar vertrauter Gegenstände, das der Künstler seit geraumer Zeit in zahllosen Varianten treibt.

Kalt-Warm

Ein Kühlschrank, ein Boxhandschuh und ein Architekturmodell des Wiener "Narrenturms" sind da mitsamt den Spuren teils gewaltsamer Bearbeitung zu sehen, dazu ein gestauchtes Ehebett aus dem Formenkosmos des "Narrow House". Wer will, kann Analogien zu den gelängten gotischen Figuren im historischen Bildprogramm des Doms suchen und finden.

"Deformierte Gebäude und Gegenstände eröffnen neue Perspektiven auf die Kraft und Möglichkeit unserer Erneuerung aus dem Glauben", heißt es dazu in der per Pressetext mitgelieferten Interpretation. Wurm hat sie wohl nicht so intendiert, wenngleich er zugab, zuletzt wieder in die Kirche eingetreten zu sein und Intervallfasten zu betreiben. Die Geschmeidigkeit des Künstlers im Hinblick auf Interpretationen und auf vorteilhafte Präsentationen rief stets Nörgler und Neider auf den Plan - sie werden gewiss auch im Stephansdom Anschauungsmaterial finden. Im Kern ist Wurms Allianz aber nur konsequent.

Wie Faber betont, wurden für die Intervention keine Kirchensteuer-Mittel aufgebracht, der Pullover verbleibt als einzige Neuanfertigung  des Projekts in Wurms Eigentum. Der Künstler, der für das Projekt kein Honorar bezog, hat aber gewiss nicht ganz selbstlos gehandelt: Mit der Sichtbarkeit, die der Dom bietet, kann keine Innenstadt-Galerie mithalten. Die einst von Otto Mauer begründete "Galerie St Stephan" heißt heute übrigens "Galerie nächst St.Stephan" und wird von der Galeristin Rosemarie Schwarzwälder geführt. Sie zeigt derzeit Werke von Luisa Kasalicky und von Herbert Brandl.

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