Kultur
30.05.2017

Erwin Wurm: Ein Fußtritt für das Unversehrte

Der Kunst-Jahresregent zeigt im 21er Haus die Werkgruppe „Performative Skulpturen“

Das Problem mit Erwin Wurms Beitrag zur Venedig-Biennale – dem kopfstehenden LKW und dem Wohnwagen im Österreich-Pavillon – ist ja, dass er ein wenig mit dem Gestus eines alternden Rockstars daherkommt. Es wirkt, als spiele da einer noch mal das Riff von „Smoke On The Water“ vom mächtigen Verstärkerturm aus, weil’s die Leute halt gern hören – nur bilden in Wurms Fall die vor 20 Jahren ersonnenen „One Minute Sculptures“ die Noten der Hitmelodie.

Es führt allerdings kein Weg an dem Umstand vorbei, dass Wurms Werk keineswegs in einer Retro-Schleife gefangen ist, sondern sich tatsächlich weiterentwickelt. Die Gruppe der „Performativen Skulpturen“, die nun in konzentrierter Form im Wiener 21er Haus zu sehen sind, verdeutlicht das.

Verwundet

Die roh, teilweise fast verwundet wirkenden Objekte sind weniger spektakulär und weniger Instagram-fotogen als der LKW in Venedig oder das riesige „Fat House“, das – gewissermaßen als Lockstation – im Belvedere-Garten diesseits des Gürtels platziert wurde. Zugleich haben die Skulpturen einen schlüssigen Platz in Wurms Schaffen und transportieren etwas, das vielen anderen Arbeiten des Kunst-Stars fehlt, nämlich Selbstzweifel.

Wohl sind die meisten Skulpturen Wurms „performativ“ in dem Sinn, dass sie durch Handlungen entstehen oder nach solchen verlangen. Doch während die Anweisungen der „One Minute Sculptures“ („Still stehen und ans Mittelmeer denken“) jenseits des Moments keine Spuren hinterlassen, geht es Wurm bei dem vorliegenden Werkblock, der im Kern seit 2012 entstand, darum, Aktionen ins Material zu bannen.

Überrollt

So ließ der Künstler Architekturmodelle, aber auch einen Kühlschrank, ein Sofa oder einen Boxhandschuh aus Ton formen und machte sich mit Händen, Füßen oder Hackwerkzeugen daran zu schaffen. Manchmal überfuhr er den nassen Ton auch mit dem Auto.

Diese Bildhauerei, die mitunter in Bild-Quälerei ausartet, darf als Auseinandersetzung Wurms mit seinem erfolgreichen Werk gelten: Wie viele Großkünstler lässt auch er seine Häuser, Autos, Figuren oder „Wandpullover“ in einem arbeitsteiligen Werkstattprozess fertigen. Doch wie er selbst bekennt, fehlte ihm irgendwann der direkte Kontakt zum Akt des Selbstmachens.

In Videos in der Schau ist zu sehen, wie Wurm die Tonskulpturen durch Eintreten, Hacken und Bohren zugleich zerstört und formt. Dass manche Architekturmodelle Gefängnisse oder den Wiener Narrenturm darstellen, unterstreicht, dass der wieder entdeckte Körpereinsatz eine Befreiungsgeste darstellt. Sie ist aber keine Rückkehr zum Tun eines selbstvergessen formenden Künstlers, wie er etwa in den Fotos aus Alberto Giacomettis Atelier entgegentritt: Schon die unversehrten „Performativen Skulpturen“ sind Produkte sorgfältiger Vorbereitung, ihre Zerstörung bzw. Verformung delegiert Wurm teils auch an andere, das Ergebnis wird wieder aufwändig in Kunstharz, Bronze oder Aluminium gegossen.

Statt des genialen Schöpfergestus verdeutlichen die „Performativen Skulpturen“ vielmehr Zustände wie Wut und Unzufriedenheit: Diese befallen offenbar auch einen gut etablierten Künstler gegenüber dem System, das ihm Ruhm und Geld bringt. Der Werkblock dient als Erinnerung, dass der Rock-Veteran eben nicht in Selbstzufriedenheit erstarrt ist – sondern auch brüllen kann.

Info: World Wide Wurm

Die Schau „Performative Skulpturen“ eröffnet am Donnerstag, den 1.6. (19 Uhr) im 21er Haus – an dem Abend entstehen „live“ neue Ton-Skulpturen. Im Garten des Oberen Belvedere ist das „Fat House“ (2003) zu sehen (beides bis 10.9.) Am Dach des nahe gelegenen „Hotel Daniel“ prangt Wurms Segelboot (2012).

Das 21er Haus bildet für den Künstler mit dem Kunsthaus Graz (bis 20.8.) und der Biennale Venedig (bis 26.11.) eine „Trilogie“. Das Leopold Museum zeigt Wurm-Werke bis 19.6. Eine Werkschau in Brasília läuft bis 26.6., am 7.7. eröffnet eine weitere in Duisburg.