Kultur
22.05.2017

Erasure: Mit angezogener Handbremse in die Disco

Das Synthiepop-Duo Erasure bremst mit dem Album "World Be Gone" seine kreative Talfahrt.

Lange haben Erasure in ihren Songs nie um den heißen Brei herumgeredet: "Always, I want to be with you. And make believe with you. And live in harmony, harmony oh love", hieß es etwa auf dem Album "I Say I Say I Say", das 1994 veröffentlicht wurde. Zu einer Zeit, in der sich das Duo am Scheitelpunkt ihrer mittlerweile über 30 Jahre dauernden Karriere befand. Danach ging es für Andy Bell und Vince Clarke nur noch bergab.

Diese schmerzhafte Talfahrt können Erasure mit dem nun veröffentlichten "World Be Gone" aber vorerst einmal bremsen. Das liegt wohl daran, dass sich Vince Clarke, der musikalische Lenker und Denker des Duos, seiner Stärken erinnert. Denn der 56-Jährige weiß, wie man das Keyboard bedient, am Synthesizer schraubt und daraus einen Popsong macht. Immerhin vermachte er Anfang der 1980er-Jahre seiner damaligen Band namens Depeche Mode Songs wie "Just Can’t Get Enough". Aber noch bevor diese zu einer der erfolgreichsten Pop-Attraktion der Welt wurden, verließ Clarke die Truppe wegen musikalischer Differenzen, produzierte zuerst mit Alison Moyet als Yazoo noch veritable Hits ("Only You", "Don’t Go") und gründete dann 1985 mit Sänger Andy Bell Erasure. Zusammen schufen die beiden vor allem in der ersten Hälfte der 90er-Jahre Songs, die noch heute jede Wohnungsparty retten können: "Sometimes", "Love to Hate You" oder das eingangs zitierte "Always" – um nur einige zu nennen.

Mehr als 20 Jahre danach tragen Erasure derlei Liebesbekundungen noch immer nicht verschlüsselt vor: Und so wird der/die Angebetete im Lied "Love You To The Sky", dass das 17. Studioalbum eröffnet, gleich direkt angesprochen: "I wanna kiss you, baby!" Diesem Verlangen wird dann noch jenes Rhythmus-Bett beigestellt, in dem sich auch eine Helene Fischer gerne rekelt. Abhaken und weiterhören.

"Be Careful What You Wish For!" ist ein früher Höhepunkt, in dem Vince Clarke seinen opulenten Maschinenpark auf standby mode runterfährt und Andy Bell den nachdenklichen Humanisten gibt. Ähnlich getragen wie schwer klingt das titelgebende Stück "World Be Gone" – ein Vorbote auf die zeitkritischen Lyrics, die in "Oh What A World" ins düstere Soundkleid gehüllt werden. Damit schafft das Duo nach Jahren der Orientierungslosigkeit endlich wieder den Spagat zwischen Kitsch und Emotion, Eskapismus und Fingerzeig. Ein Grund für das gute Gelingen ist, dass Erasure mit angezogener Handbremse in die Disco fahren: Die Ballade steht ihnen gut.