© Museum Folkwang Essen/ARTOTHEK/Fondation Oskar Kokoschka/Bildrecht Wien

Kultur
04/08/2019

Er malte das 20. Jahrhundert: Kokoschka im Leopold Museum

Eine umfassende Retrospektive zeigt das vielgestaltige Werk des österreichischen Malers

Wenn von der Epoche „Wien um 1900“ die Rede ist, wird der Name Oskar Kokoschka gern im Dreiklang mit Klimt und Schiele genannt – und doch übertönten ihn die beiden zuletzt oft. Dass Kokoschka die Blütezeit, die mit dem Tod Klimts und Schieles 1918 endete, überlebte – er starb erst 1980 im Alter von 93 Jahren – macht ihn zur Darstellung eines Zeitstils ohnehin untauglich. Zugleich wird heute gern übersehen, dass Kokoschkas Werk nicht nur umfangreicher war, sondern zeitlebens auch viel prominenter wahrgenommen wurde als jenes seiner einstigen Wiener Kollegen.

Die große Retrospektive, die das Leopold Museum nun in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich ausrichtet (bis 8.7.), ist eine hervorragende Gelegenheit, Kokoschka besser zu begreifen. Mit 270 Werken ist es eine äußerst materialreiche Schau.

Und auch wenn sie den Werdegang des 1886 in Pöchlarn/NÖ geborenen Künstlers chronologisch durchbuchstabiert, gelingen Schwerpunktsetzungen, die von einem wachen Auge für heutige Themen zeugen.

Der Untertitel „Expressionist, Migrant, Europäer“ deutet an, wohin die Reise geht.

Der „Oberwildling“

Der Expressionist begegnet im Auftaktsaal zunächst mit einer Reihe zarter kindlicher Akte, die zwischen 1907 und 1913 entstanden und Schieles Aquarelle zu ähnlichen Motiven vorwegnehmen. Erwachende Sexualität war in jener Zeit höchst präsentes Thema – doch während Schiele mit dem Gesetz in Konflikt kam, und Adolf Loos pädophile Tendenzen geheim auslebte, gelang Kokoschka laut Kuratorin Heike Eipeldauer ein unverfänglicherer Zugang: Indem er Androgynität ins Bild holte, reflektierte er die Unsicherheit der jungen Generation auf einer elemantaren Ebene.

Kokoschkas Ölmalerei jener Zeit ist großartig und in vieler Hinsicht brutal, nicht nur weil der Künstler seine Porträt-Sujets schonungslos darstellte: Er kämpfte auch förmlich mit der Leinwand, in die er die Farbe dick auftrug, einrieb, abkratzte. Das Bildnis von Adolf Loos aus der Nationalgalerie Berlin (1909) oder das Doppelbildnis mit Alma Mahler aus dem Folkwang-Museum (1912/’13) sind außergewöhnliche Leihgaben, die die Entwicklung jener Zeit zeigen.

Wanderschaft

Ein „Migrant“ wurde Kokoschka zunächst aus freien Stücken, als er in Dresden eine Professur übernahm, Reisen durch Europa unternahm und sich 1934 in Prag niederließ. Die politisch motivierten Schmähungen, die ihn seit dem Frühwerk begleiteten, gipfelten aber 1937 in der Präsentation von Kokoschka-Werken in der NS-Propagandaschau „Entartete Kunst“. Als der Künstler 1938 nach London übersiedelte, war es eine Flucht in letzter Minute.

 

Der „politische“ Kokoschka“ beherrscht die zweite Halbzeit der Retrospektive über weite Strecken. Augenfällig ist darin eine Gruppe von wimmelbild-artigen Gemälden, die ab 1940 entstanden und sich am Stil englischer Karikaturen orientieren: „Anschluss – Alice im Wunderland“ heißt eines dieser Werke, das explizit auf Österreich anspielt und in dem ein britischer, ein deutscher und ein französischer Soldat als jene Affen auftauchen, die nichts sehen, sagen oder hören (Bild oben).

Politische Mythologie

Die Verquickung von aktuellen Kommentaren und politischen Ansichtsbekundungen mit mythischen Quellen und Querverweisen sollte in der Nachkriegszeit weiter aufblühen und monumentale Ausmaße annehmen. In einem Saal sind im Leopold Museum die riesigen Triptychen der „Prometheus-Saga“ (1950) und der „Thermopylae“ (1954) vereint, die der Künstler selbst als Hauptwerke betrachtete. Während er im Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl, eine Warnung vor menschlicher und insbesondere männlicher Arroganz erblickte, sah er die Thermopylen-Schlacht als Gründungsmythos des europäischen Freiheits-Begriffs.

Beide Bilder sind in ihrem barocken Gewusel schwierig zu deuten und waren wohl auch schon zu ihrer Entstehungszeit unverstanden. Der Trend zur völligen Abstraktion, der damals alles beherrschte, löste in Kokoschka eher Trotzreaktionen aus, er hielt eisern am Menschenbild fest. Der Künstler, den man einst einen „Oberwildling“, aber auch einen „jungen alten Meister“ genannt hatte, wurde am Ende den tatsächlichen „Alten Meistern“ immer ähnlicher.

Für jene Maler, die sich in den 1980ern „Junge Wilde“ nannten, war Kokoschka dann wieder ein Held.

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