Chefredakteur Walter Hämmerle kämpft um den Erhalt der Zeitung, die in Republikseigentum steht.

© Kurier/Gilbert Novy

Medienpolitik
03/22/2021

Ende der „Wiener Zeitung“ de facto fix

Die älteste Zeitung der Welt finanziert sich über das gedruckte Amtsblatt. Das wird im Jänner abgeschafft

von Philipp Wilhelmer

Es gibt eine Publikation, die so alt ist, dass schon der berüchtigte Zensurpolitiker Fürst von Metternich versuchte, sie abzuschaffen. Die Wiener Zeitung, gegründet 1703, gilt gemeinhin als die älteste Zeitung der Welt. Metternich, der auf eine Gleichschaltung der Presse, Spitzelwesen und Unterdrückung freier Informationsflüsse setzte, setzte 1815 den damaligen Chefredakteur ab. Die Zeitung überlebte die Metternich-Ära nur, in dem sie sich verstärkt um Kulturbelange kümmerte und sich aus der Politik heraushielt.

Heute wackelt die Wiener Zeitung wieder, da mag das Feuilleton noch so qualitätsvoll sein: Ab Jänner 2022 wird die Regierung Sebastian Kurz der Zeitung, die in Republikseigentum steht, den finanziellen Stecker ziehen, wie am Montag zu erfahren war. Der Grund: Das Amtsblatt wird reformiert und Pflichtveröffentlichungen sollen gratis (und digital) werden. Das gedruckte Amtsblatt ist aber die wichtigste Einnahmequelle der Zeitung, die damit Berichterstattung mit Qualitätsanspruch verwirklicht.

Kleiner Etappensieg

Dabei war in der Vorwoche ein Etappensieg erreicht worden: Die Umsetzung einer EU-Richtlinie durch das grüne Justizministerium war so unglücklich formuliert, dass das Amtsblatt schon heuer wackelte. Das wurde repariert, allerdings betont man nun in Verhandlerkreisen: An einer Neuaufstellung der Zeitung führe kein Weg vorbei.

Eine Übergangsfrist wird die Transformation des Traditionstitels in Republikseigentum abschließen. Zielrichtung: Sparen. Digitalisieren.

Redaktion ist nicht prioritär

Auf der Prioritätenliste weiter unten gereiht ist der Erhalt der Redaktion: Angesichts der finanziellen Einbußen durch den Wegfall des Amtsblatts ist ein Erhalt der Tageszeitung illusorisch. Denkbar wäre eine Wochenzeitung oder – noch realistischer – eine reine Onlineplattform. Festlegen will sich keiner. In einer offiziellen Aussendung vom Montag ist die Rede davon, dass man durch den Wegfall der Pflichtveröffentlichung eine „grundlegende Änderung des Geschäftsmodells“ in Angriff nehmen müsse. „Es ist mir wichtig, den Transformationsprozess der Wiener Zeitung, so wie es im Regierungsprogramm vorgesehen ist, mit großer Sorgfalt umzusetzen“, sagt Geschäftsführer Martin Fleischhacker.

Broschüren für PR

Heikel mutet in dem Zusammenhang an, dass an der Wiener Zeitung-Tochter „Content Agentur Austria“ sehr wohl festgehalten wird: Diese soll als Dienstleister für die Republik Broschüren und andere Kommunikationsvehikel produzieren. Hier sieht man seitens der Regierung wohl weiterhin eine Geschäftsgrundlage.

Chefredakteur kämpft um Erhalt

Wiener Zeitung-Chefredakteur Walter Hämmerle kämpft jedenfalls weiter für den Erhalt seiner Redaktion: „Ich bin davon überzeugt, dass es sich die älteste Tageszeitung der Welt verdient hat, von seinem Eigentümer in eine gute Zukunft geführt zu werden“, sagte er am Montag dem KURIER. „Die Wiener Zeitung-Redaktion ist seit Jahren in einem umfassenden Transformationsprozess: Noch besser werden. Digitaler werden.“ Man sei schon jetzt auf zahlreichen zusätzlichen Kanälen vertreten, etwa Video oder Social Media. „Mittelfristig brauche es als Grundlage dafür aber noch eine gedruckte Tageszeitung“, so Hämmerle.

Solidarität bei Rabl-Stadler und Co.

Im Social Web regt sich angesichts der Einstellungstendenzen eine Welle der Solidarität für die Wiener Zeitung. Prominente wie Helga Rabl-Stadler, AMS-Chef Johannes Kopf oder OMV-Vorstandsvorsitzender Rainer Seele sprechen sich dort für einen Fortbestand der ältesten Zeitung der Welt aus.

Grüne "loten aus"

Relativ unsentimental sehen das Thema die Grünen: „Wir können nicht einfach Geld zuschießen. Die Frage ist, wie wir sie trotzdem retten können“, sagte Mediensprecherin Eva Blimlinger vor zwei Wochen in einem Interview mit dem Branchenmagazin Horizont. „Derzeit loten wir alle Varianten aus und lassen überprüfen, ob sie beihilferechtlich möglich sind. Eine schwierige Situation.“

Beim kleinen Koalitionspartner regt sich angesichts der öffentlichen Debatte um die De-facto-Einstellung eines Mediums Unmut an den eigenen medienpolitischen Verhandlungspositionen. Klubobfrau Sigi Maurer wurde in das Verhandlungsteam geholt. Der Druck sei aus dem Thema vorerst einmal draußen, heißt es von beiden Seiten. Eine kurze Verschnaufpause.

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