Kultur 18.03.2013

Eine Reisende in Soundlandschaften

Ellen Allien ist ein Aushängeschild der deutschen Techno-Szene: "LISm" heißt ihre neue Platte, auf die man sich "einlassen kann - oder auch nicht."

Ellen Allien zieht seit Jahren sehr erfolgreich die Fäden beim Label "BPitch Control", auf dem Künstler wie Apparat, Dillon oder Modeselektor ihren musikalischen Output veröffentlichen. Die Heimat der Künstlerin ist Berlin, also jene Metropole, die im elektronischen Bereich seit Jahren tonangebend ist. An einem freien Tag zieht Ellen Allien am liebsten durch die Stadt - von einem Club zum anderen. An Sonntagen trifft man sie hin und wieder in der Panoramabar im Berghain. Dort tauscht sie sich mit Gleichgesinnten aus. Dabei ist sie stets auf der Suche nach neuen Sounds und Zugängen. Sie selbst vermischt ihre Techno-Leidenschaft oftmals mit experimentellen Entwürfen. Nach dem Album "Dust" aus dem Jahr 2010 legt sie mit "LISm" nun ein abstraktes Werk vor, dass im Club-Kontext keine Rolle spielen wird.

KURIER: Wie haben Sie sich dem Projekt "LISm" genähert?
Ellen Allien: "LISm" entstand durch "Drama per Musica", eine Performance, die wir 2011 im Center Pompidou in Paris aufgeführt haben. Ich komponierte die Musik zu diesem Stück, mein Co-Prodzent war Thomas Muller. Der Soundtrack schlief eineinhalb Jahre auf meiner Festplatte. Nach einem sechs monatigen Aufenthalt auf Ibiza kam ich zurück nach Berlin. Dort war es auf einmal grau, und somit auch meine Laune etwas runter gepitcht. Schnell bekam ich Lust zu musizieren und nahm mir die Aufnahmen erneut vor. Teile davon benutzte ich für das Album "LIsm". Ich habe sehr viele analoge Aufnahmen von Instrumenten dafür gemacht: Geigen, Stimmen, Piano, Gitarren, Percussions, Glocken, Xylophon. Daraus entstand eine Reise durch Soundscapes – inklusive eine paar Club-Referenzen.

Wie sahen die einzelnen Arbeitsschritte aus?
Ich habe diverse Instrumente analog aufgenommen, dann Stimmen addiert. Also Schritt für Schritt die Reise aufgebaut.

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Warum kann man auf der CD nur vor- oder zurückspulen und keine einzelnen Tracks auswählen?
Ich habe den Soundtrack so produziert, an einem Stück - das war das Arrangement, das war der Plan. Es ist so schön, "LISm" an einem Stück zu hören. Einfach laufen lassen, sich darauf einlassen - oder auch nicht.

Warum entfernen Sie sich auf "LISm" so weit vom Dancefloor-Kontext?
"LISm" habe ich so produziert, weil ich Lust darauf hatte eine Reise zu kreieren. Aber ich liebe immer noch die Tanzfläche: Es ist meine Sucht, tanzen zu gehen, Menschen in Clubs zu treffen. Ich liebe die Berliner Panoramabar am Sonntag, dort treffe ich viele Leute und knüpfe Kontakte. Ich schalte dort auch gerne ab und sauge die Musik auf.

Werden Sie "LISm" auch live umsetzen?
Nein, das ist nicht geplant. Ich habe das Album komponiert ohne zu überlegen, was damit passieren wird - auch ohne Tour im Hinterkopf. Meine kommenden Termine sind schon eine Weile fixiert, mit "LISm" ist nichts geplant, es steht für sich. Was in Zukunft noch passieren wird, welche Projekte zustande kommen werden, kann ich erst erzählen, wenn es soweit ist.

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© Bild: Lisa Wassmann
Wie würden Sie die derzeitige Situation von ihrem Label "Bpitch Control" bezeichnen?
Recht erfolgreich. Das Label ist ein wichtiger Bestandteil der deutschen elektronischen Musik-Geschichte. Gleichzeitig sind wir auch eine internationale Booking-Agentur.

Was hat sich in den letzten Jahren geändert?
Zum Beispiel die Formate, die wir anbieten, wie wir sie verkaufen und vermarkten. Es ist im Moment alles sehr spannend. Durch das Internet hat sich in den letzten Jahren vieles verändert: Ein Künstler kann da schon mal unerwartet durch die Decke schießen.

Wie beurteilen Sie die wieder steigenden Verkaufszahlen von Vinyl?
Das nehme ich nicht wirklich so wahr. Einige Produkte funktionieren, besonders die, die von DJs, die Vinyl spielen, gekauft werden. Auch LP's im Indie-Bereich laufen ganz gut, aber das ist alles kein Vergleich zu früheren Verkäufen. Ich als DJ kaufe zum Beispiel Tracks im Wave-Format und spiele sie. Das hat schon viele Vorteile - beispielsweise filtere ich selber was ich kaufen möchte und nicht der Plattenladen. So kann ich meinen eigenen Sound und meine Vorlieben besser verfolgen.

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( Kurier ) Erstellt am 18.03.2013