Kultur
04.01.2018

Ein Zebra unter Zebras

Der Wiener Unternehmer und Kulturförderer Erwin Javor hat die jüdische Lebensgeschichte seiner Eltern aufgeschrieben. Ein tragikkomisches Buch mit ungewöhnlichen Einblicken.

Komisch, tragisch, lustig, traurig, vor allem aber äußerst lehrreich. So oder so ähnlich könnte man das Erstlingswerk von Erwin Javor „Ich bin ein Zebra. Eine jüdische Odyssee“, erschienen im Amalthea Verlag, in wenigen Worten zusammenfassen. Normalerweise ist so eine bunter Mix in einem Buch zum Scheitern verurteilt, Erwin Javor meistert diese Gratwanderung allerdings mühelos. Angesichts dessen, dass er die dramatische und tragische jüdische Überlebensgeschichte seiner Eltern erzählt, deren Familien von den Nazis fast völlig ausgelöscht wurden, ist diese Leistung umso bemerkenswerter.

Erwin Javor ist kein klassischer Autor, sondern Unternehmer. Mit Frank-Stahl baute er die vergangenen Jahrzehnte eines der größten, privaten Stahlunternehmen Österreichs mit mehreren hunderten Mitarbeitern auf. Javor hat sich freilich auch als Förderer von Kunst und Kultur einen Namen gemacht. Er war Herausgeber des jüdischen Monatsmagazin NU, stellte dem Jüdischen Museum in Wien als Leihgabe eine von ihm in Auftrag und vom Maler und Sänger Arik Brauer kreierte neue Haggadah zur Verfügung und betrieb mit seiner Frau Anita Ammersfeld als Intendantin bis vor zwei Jahren das stadtTheater in der Wiener Walfischgasse. Er ist auch Gründer der Medienbeobachtungsstelle Mena-Watch, die sich der kritischen Beobachtung der medialen Berichterstattung über Israel und den Nahen Osten zur Aufgabe gemacht hat. Dass Javor die Biografie seiner Eltern jetzt aufgeschrieben hat, ist nur die logische Konsequenz daraus, dass er sich, obwohl er sich selbst nicht als gläubigen Juden bezeichnet, intensiv und als heller politischer und kultureller Kopf mit der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart auseinandersetzt. Und weniger „weil ihm der Verlag eine Million Euro an Tantiemen zugesagt hat“, wie er scherzhaft bei seiner Buchpräsentation anmerkte.

Das Besondere an Javors Buch, er nennt es auch eine „Liebeserklärung an seine Eltern“, ist seine ungewöhnliche Struktur und Erzählweise. Der Autor hätte es sich einfach machen können und stringent die Biografie seiner Familie nacherzählen können. Vom Vater, der aus der heutigen Ukraine in der Nähe von Lemberg stammt, dessen erste Frau und fast die komplette Familie von den Nazis erschossen wurde, der sich ein halbes Jahr in einem Erdloch vor den Schlächtern verstecken musste und nur durch Glück überleben konnte. Oder das schreckliche Schicksal seiner Mutter in Ungarn im Budapester Ghetto, auch deren erster Mann umgebracht wurde. Die beiden Überlebenden führte das Schicksal in Budapest zusammen, sie heirateten, bekamen den gemeinsamen Sohn Erwin, der 1947 geboren wurde. Nach dem Krieg versuchte die Familie von Ungarn aus über Wien in die USA auszuwandern, musste aber in Österreich bleiben, da die Großmutter kein Visa bekommen konnte und sie in ihrer Nähe bleiben wollten. In Wien sollte in ihren Anfangsjahren ein weiterer Schicksalsschlag die Familie erschüttern. Erwins Halbschwester Eva nahm sich das Leben, aus Kummer, dass die Familie nicht in ihr Sehnsuchtsland Israel auswandern wollte.

Das alles wäre schon Stoff genug für ein ganzes Buch, Javor verwebt diese außergewöhnlich Biografie allerdings geschickt mit zahlreichen jüdischen Witzen (Javor soll dem Vernehmen nach eine der größten Sammlungen jüdischer Witze haben), streut Anekdoten und kleine Geschichten ein, und gibt so parallel zur Biografie seiner Eltern mit einer vergnüglichen Leichtigkeit Einblick in das jüdische Alltagsleben von der Geburt über die Heirat bis hin zum Tod. Javor beschreibt auch den schwierigen Aufbau einer neuen jüdischen Gemeinde in einem noch immer von Antisemitismus geprägten Nachkriegswien, er verneigt sich vor dem Fleiß der Eltern, die sich alles neu erarbeiten und aufbauen mussten. In einem Land, das sie eigentlich nicht willkommen heißen wollte. Das alles erzählt Javor mit Ironie und feinem Sprachwitz, ohne nur einen Halbsatz lang ins Pathetische oder Anklagende abzugleiten. Das liegt auch daran, dass Javor in seinem Buch eine positive und optimistische Grundbotschaft vermittelt, die da lautet: Juden sollen sich weniger als Opfer fühlen, sondern als Teil einer Schicksalsgemeinschaft, die aus dieser gemeinsamen Geschichte ihre Lehren ziehen. Aber auch, dass Juden aus ihrer Geschichte lernend immer wachsam bleiben müssen, damit es nicht erneut zu einer Tragödie kommt.

Aus dieser Mahnung lässt sich wohl auch der Titel des Buches ableiten. So wurde Javor einmal nach seiner Identität gefragt. Er antwortete: „Wenn Sie ein Zebra fragen ,Was ist Ihre Identität?’, wird es sagen: ,Was soll die dumme Frage? Ich bin ein Zebra! Mein Vater war eins, meine Mutter war eins, meine Großeltern auch, sogar meine Frau ist ein Zebra, also raten Sie einmal, was meine Kinder sind?" Später ergänzte er: „Ich bin in der Herde groß geworden und kannte nur Zebras. Anfangs waren auch alle meine Freunde Zebras. Mit der Zeit habe ich auch andere Tiere kennengelernt. Jetzt mag ich nicht mehr zwangsläufig alle Zebras. Manche machen es einem auch wirklich schwer, sie zu mögen. Aber: Wenn ein Löwe ein Zebra bedroht, dann bin ich auf der Seite sogar des widerlichsten Zebras und helfe ihm. Denn ich werde immer ein Zebra bleiben. Meine Streifen sind vielleicht andere, aber auch ich habe Streifen. Und das ist auch gut so.“

Angesichts des heurigen Gedenkjahres, das an den Anschluss an Hitler-Deutschland vor 80 Jahren erinnern soll, und angesichts der Tatsache, dass in Europa immer mehr Rechtspopulisten an die Macht gespült werden, müsste man Erwin Javor eigentlich bitten, mit seinem Buch auf Lesetour durch heimische Schulen und Bildungseinrichtungen zu gehen. Er würde mit seiner und der Lebensgeschichte seiner Eltern wohl mehr für das politische Bewusstsein junger Menschen beitragen als vielleicht viele andere Projekte, die in diesem Jahr noch geplant sind.

Hinweis: Erwin Javor präsentiert seine jüdische Familiengeschichte auf den Spuren der Tante Jolesch... Aus dem Buch liest Anita Ammersfeld, Eintritt frei.
Wann? Mittwoch, 10. Jänner, 19 h,
Wo? Thalia Landstraße 1030 Wien, Landstraßer Hauptstr. 2a/2b