Der Deutsch-Kurde Sherko Fatah schreibt beklemmende Politthriller

© /JENS OELLERMANN

Ein Thriller, leider kaum erfunden
10/06/2014

Ein Thriller, leider kaum erfunden

Der deutsch-kurdische Schriftsteller Sherko Fatah nimmt in "Der letzte Ort" den IS-Terror vorweg.

von Barbara Mader

Es ist, als hätte er es vorausgesehen. Die Entführungen, die Enthauptungen, das dumpfe Abschlachten.

Sherko Fatah nimmt in seinem Thriller "Der letzte Ort" die Gräueltaten der Terror-Miliz Islamischer Staat vorweg und beschreibt, was passiert, wenn Westeuropäer zur falschen Zeit am falschen Ort "aussteigen" möchten.

Der Roman beginnt mit Albert, einem etwas naiven Deutschen, der, um seine DDR-Vergangenheit und seine komplizierte Familiengeschichte zu verarbeiten, den Irak entdecken und dort Kulturgüter retten will. Mitten im irakischen Krieg.

Jetzt hockt er in einem armseligen Verschlag, zwischen dessen Holzlatten er ins Nichts blickt. Er weiß nicht, wo er ist, er weiß nicht, wer seine Entführer sind. Er wird misshandelt und er hat Angst um sein Leben. "Albert sieht den Mann mit dem Dolch auf sich zu kommen. ,Auch wenn er mich quieken lässt wie ein Schwein, er wird mich doch nicht töten‘. Er klammerte sich an diesen Gedanken bis zu dem Moment, als der Mann seinen Dolch zückte und damit auf ihn losging."

Mit Albert entführt wurde sein Übersetzer und Verbindungsmann zu dieser fremden Kultur, Osama, ein liberaler Sunnit, Sohn einer deutschen Mutter. Von ihm ist Albert jetzt getrennt. Er wird allein hier verrecken, fürchtet er. Als er einige Tage später Osamas Stimme hört, ist er erleichtert. Auch wenn ihm Osama eigentlich fremd ist, hier ist er das einzig Vertraute für ihn. Ab jetzt sind die beiden Männer aufeinander angewiesen. Um zu Überleben, erzählen sie einander ihre Lebensgeschichten.

Beklemmend

Sherko Fatah beschreibt mit dieser Geschichte einer Entführung im Irak einen beklemmenden Thriller– beklemmend realistisch, weil Fatah die Entführungen und Enthauptungen durch die IS-Terroristen vorausgesehen zu haben scheint. Die genauen Landeskenntnisse des Autors machen sein Buch noch realistischer und dadurch unheimlicher.

1964 in Ost-Berlin als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen geboren, wuchs Fatah in der DDR auf und siedelte 1975 mit seiner Familie über Wien nach West-Berlin über. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte.

"Der Letzte Ort" ist sein fünfter Roman. Schon Fatahs vorige Erfolge thematisierten Fatahs Herkunft: "Das dunkle Schiff" und, zuletzt, "Ein weißes Land" spielen alle in der Gegend, die jetzt Schauplatz des IS-Terrors ist. Fatahs Vater lebt seit vielen Jahren wieder in der Region, Fatah hat regelmäßig telefonischen Kontakt zu ihm.

Als Bub war er selbst im Irak und hat die Veränderungen des Landes mitverfolgt, erzählte er unlängst im Interview mit der Zeit: Damals herrschte Säkularismus, wie auch noch unter Saddam Hussein. "Der Westen war einfach chic. Und dann begann etwas in der islamischen Welt, das wir nicht verstehen."

KURIER-Wertung:

INFO: Sherko Fatah: „Der letzte Ort“. Luchterhand Literaturverlag. 288 S. 20,60€. Fatah liest im Rahmen der Frankfurter Buchmesse am 8. und 9. Oktober aus seinem Roman.

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